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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.05.2016

Naomi Schenck - Mein Gro├čvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12
Ahima Beerlage

Die Szenenbildnerin, Autorin und FAZ-Kolumnistin Naomi Schenck erbt von ihrem Gro├čvater, einem Pionier der Fotochemie, den Auftrag, seine Biografie zu schreiben. Schon bald findet sie heraus, dass G├╝nther Otto Schenck bereits 1933 der SA...



... beigetreten ist und 1937 NSDAP-Mitglied wurde.

F├╝r Naomi Schenck beginnt eine zwiesp├Ąltige Reise in die Vergangenheit, gepr├Ągt von der Loyalit├Ąt der Enkelin und der Pflicht als Biografin, ein m├Âglichst vollst├Ąndiges Bild des gro├čen Wissenschaftlers zu erstellen.

Mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger, die Biografien derjenigen nachzuverfolgen, die in der Nazizeit als Erwachsene agiert haben. F├╝r die n├Ąchsten Generationen bleiben h├Ąufig Fragen offen. G├╝nther Otto Schenck legt die Aufgabe, diese Fragen nach seinem Leben zu beantworten, in die H├Ąnde seiner von ihm hochgesch├Ątzten Enkelin Naomi, die im Hauptberuf als Szenenbildnerin arbeitet und mit ihrer "Reiseblatt"-Kolumne "Kann ich mal ihre Wohnung sehen?" in der FAZ bekannt wurde.

Lichtgestalt und G├Âtterd├Ąmmerung

Die Enkelin beginnt ihre Spurensuche mit einem klaren Bild von ihrer Familie.
"Vertuschen ist etwas, das nicht zu unserer Familie passt. ...Man hat das Gef├╝hl, man kann ├╝ber alles reden. Nur leichte Zweifel schleichen sich bei ihr ein. Vermutlich kann man die F├╝lle der Geschichten aufteilen in jene, die erz├Ąhlt wurden, und jene, die nicht erz├Ąhlt wurden." Das Bild von der offenen Familie ger├Ąt ins Wanken, als Naomi Schenck mehr ├╝ber die Nazi-Vergangenheit ihres Gro├čvaters herausfindet. F├╝r die kleine Naomi war der Gro├čvater ein Held, der nach dem Krieg die Menschen mit seinem Wirkstoff von Spulw├╝rmern befreite und der sp├Ąter als Gr├╝ndungsdirektor des Max-Planck-Instituts ein wirksames Verfahren erfand, durch ionisierte Strahlen das Trinkwasser aufzubereiten. Und dieser geniale Wissenschaftler soll sich mit den Nazis zusammengetan haben? Warum?

Bald begreift Naomi, dass ihr Gro├čvater "nicht aus der Welt gehen (wollte), ohne ein wenig aufger├Ąumt zu haben". Die unter Schweigen und Verfremdung verborgenen Spuren sollten m├Âglichst empathisch und behutsam von seiner Lieblingsenkelin freigelegt werden, denn der Wissenschaftler Schenck tat sich zu Lebzeiten schwer mit moralischer Verantwortung. Er erz├Ąhlte seiner Enkelin immer wieder eine Anekdote aus dem Krieg, in der General Rommel ihn kryptisch ├╝ber ein Kontaktgift ausfragte. G├╝nther sollte f├╝r ihn das Gift synthetisieren. Der Gro├čvater hat den Auftrag angenommen, wohlwissend, dass Rommel dieses Gift als Kriegswaffe einsetzen wollte. Die Pointe war, dass er ihnen gezeigt hat: Ich hab erkannt was ihr von mir wollt! Dass er sich nicht hat hinters Licht f├╝hren lassen, der gro├če G├╝nther, mit dem k├Ânnen sie das nicht machen! Das erz├Ąhlte er mir mit Schalk im Nacken."

Zwei Ski, die auseinander driften

In der Welt der Enkelin geraten die klaren Zuordnungen ins Wanken. Waren die Gro├čeltern m├╝tterlicherseits stramme Mitl├ĄuferInnen, waren G├╝nther und Christel die reflektierten Wissenschaftler. Doch schnell erkennt sie, "G├╝nther in Schutz zu nehmen ÔÇŽOb ich Fragw├╝rdiges beleuchten und zugleich dem Vertrauen, das G├╝nther in mich hatte, gerecht werden kann?"

Gro├če Spuren

Ein weiteres Hindernis erschwert der Enkelin die Aufgabe. Die wissenschaftlichen Erfolge ihres Gro├čvaters waren so herausragend, dass es selbst FachkollegInnen schwerf├Ąllt, sein komplexes Lebenswerk zu ├╝berschauen. Naomi w├Ąhlt den einzig richtigen Weg. Sie gibt das wieder, was sie versteht - und macht es damit den LeserInnen leicht, die Forschung in Grundz├╝gen zu erfassen. Diese Form der Subjektivit├Ąt zieht sich durch das ganze Buch, das in seiner unmittelbaren Schreibweise keinem Genre folgt und ganz auf die Spurensuche der Enkelin ausgerichtet ist.

Hinter dem Schweigen

Halten sich viele Aufarbeitungsgeschichten der Nachfolgegenerationen zumeist an ein literarisches Muster wie beispielsweise Anna Mitgutsch in "Die Ann├Ąherung", die fast wie in einem Kammerspiel Vater, Tochter und Stiefmutter im Schweigen ├╝ber die Schuld versinken l├Ąsst, sammelt Naomi Schenck in Interviews und Unterhaltungen ihre Geschichten rund um ihren Gro├čvater. Sie ├╝berl├Ąsst es den Lesenden, aus den subjektiven Erz├Ąhlungen eigene Rechtfertigungen und Glorifizierungen herauszufiltern. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass ihr Gro├čvater selbst hinter seinen wissenschaftlichen Scheuklappen deutlich gesehen haben muss, was um ihn herum passierte. Die Familie wohnte in einer von den Nazis enteigneten Wohnung einer j├╝dischen Familie. In jeder Schicht, die sie freilegt, wird das Bild auf den Gro├čvater diffuser.

St├Ąrke in der Schw├Ąche

Mit fortschreitender Lekt├╝re werden auch die Lesenden zu DetektivInnen, die nicht durch vorschnelle moralische Urteile ausgebremst werden. Wo f├Ąngt Mitt├Ąterschaft an? Wo wird aus Fokussierung auf die Wissenschaft Opportunismus und Ignoranz?. Am Ende bleibt f├╝r die Enkelin und Biografin vor allem eine Frage: "Wie versteht man einen Menschen wirklich ÔÇô indem man m├Âglichst viel ├╝ber ihn in Erfahrung bringt oder indem man ihm einfach nahe ist?"

Zur Autorin: Naomi Schenck wurde in Santa Monica geboren, wuchs in M├╝lheim an der Ruhr auf und studierte Malerei und B├╝hnenbild an der Kunstakademie D├╝sseldorf. Seit 1996 arbeitet sie als Szenenbildnerin f├╝r Film- und Fernsehproduktionen. Seit 2005 ver├Âffentlicht sie Texte und H├Ârspiele. 2010 erschien von ihr "Archiv verworfener M├Âglichkeiten", seit 2012 ver├Âffentlicht sie monatlich Foto-Text-Beitr├Ąge im FAZ-Reiseteil unter dem Titel: "Kann ich mal Ihre Wohnung sehen?", 2013 erschien das gleichnamige Buch. Seit 2015 f├╝hrt sie Interior Design Projekte in den USA durch.
Naomi Schenck lebt in Berlin. (Quelle: Hanser Literaturverlag)
Die Autorin im Netz:
www.naomischenck.de

AVIVA-Tipp: Am st├Ąrksten ist das Buch, wenn die Autorin ihre Zweifel und Skrupel zwischen Enkelin und Biografin preisgibt. Am Ende ist Naomi Schenck vielleicht wieder dort angekommen, wo sie mit ihren Reisebildern bei der F.A.Z. begonnen hat. Sie hat Szenarien besucht, sich ein Bild gemacht, ihre Eindr├╝cke und Ver├Ąnderungen nach jedem Bild geschildert ÔÇô und damit ein diffuses Gesamtbild geschaffen, das sich jeder eindeutigen Bewertung entzieht. Darin liegt gerade die St├Ąrke dieser ganz pers├Ânlichen Biografie ihres Gro├čvaters, des herausragenden Wissenschaftlers und fr├╝hen NSDAP-Mitglieds G├╝nther Otto Schenck.

Naomi Schenck
Mein Gro├čvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12

Hanser Verlag, erschienen 22. Februar 2016
Gebundene Ausgabe, 336 Seiten
ISBN-10: 3446250786
ISBN-13: 978-3446250789
22,90
www.hanser-literaturverlage.de

Auch als H├Ârbuch erh├Ąltlich
Gek├╝rzte Lesung mit Julia Nachtmann
7 CDs, 532 Minuten Laufzeit
ISBN 978-3-95713-040-2
H├Ârbuch Hamburg, erschienen am 26. Februar 2016
www.hoerbuch-hamburg.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Naomi Schenck - Kann ich mal Ihre Wohnung sehen?
Die gespannte Neugierde beim Betreten einer fremden Wohnung kennt jedeR ÔÇô es ist ein besonderer Augenblick zwischen Distanz und Intimit├Ąt. Die Szenenbildnerin und Autorin hat sich diesen magischen Moment zunutze gemacht und nimmt die LeserInnen mit auf eine weltweite Tour durch unbekannte Interieurs. Spontane Besuche in Luxusapartments, Gro├čstadtbuden und Herrenh├Ąusern f├Ârdern Skurrilit├Ąten und aberwitzige Geschichten zutage. (2013)

Anna Mitgutsch - Die Ann├Ąherung
Hat die ├Âsterreichische Autorin in ihren Romanen vor allem die Suche nach der j├╝dischen Identit├Ąt nach der Shoa thematisiert, wechselt sie in ihrem neuen Roman die Perspektive und taucht ein in das Schweigen, das in den Verbrechen der Nazis zur Mitt├Ąterschaft war. (2016)

Nea Weissberg, J├╝rgen M├╝ller-Hohagen. Beidseits von Auschwitz Identit├Ąten in Deutschland nach 1945. Drei├čig Beitr├Ąge und Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Viel zu sp├Ąt wird die Frage nach den seelischen Auswirkungen des NS nicht mehr allein den Kindern der Opfer, sondern auch den Kindern der Tatbeteiligten gestellt. Denn w├Ąhrend die Frage nach der Identit├Ąt f├╝r die Nachkommen der Verfolgten keineswegs eine neue ist im ├Âffentlichen Diskurs oder in literarischen und akademischen Publikationen, ist sie das weitestgehend f├╝r die Nachkommen der Verfolgenden. Ein Zufall, dass diese Initiative von j├╝discher Seite kommt, ist es nicht. (2016)


Literatur Beitrag vom 24.05.2016 Ahima Beerlage 





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