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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 28.02.2016

Nea Weissberg, J√ľrgen M√ľller-Hohagen. Beidseits von Auschwitz. Identit√§ten in Deutschland nach 1945. Drei√üig Beitr√§ge und Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Magdalena Herzog

Viel zu spät wird die Frage nach den seelischen Auswirkungen des NS nicht mehr allein den Kindern der Opfer, sondern auch den Kindern der Tatbeteiligten gestellt. Denn während die Frage nach der ...



... Identit√§t f√ľr die Nachkommen der Verfolgten keineswegs eine neue ist im √∂ffentlichen Diskurs oder in literarischen und akademischen Publikationen, ist sie das weitestgehend f√ľr die Nachkommen der Verfolgenden. Ein Zufall, dass diese Initiative von j√ľdischer Seite kommt, ist es nicht.

Ein persönlicher und psychologischer Zugang zu den seelischen Auswirkungen des NS
Nea Weissberg, die als Verlegerin, Publizistin und Psychodramatherapeutin t√§tig ist, war diejenige, die 28 Personen bat, einen Text √ľber die Rolle der Shoa in ihrer Identit√§t zu schreiben. Sie selbst ist Tochter polnischer Juden, deren Familien ermordet wurden und die nach Kriegsende ihr Leben in Berlin weiterf√ľhrten.
Entstanden ist eine brisante und perspektivenreiche Aufsatzsammlung der Kinder von ‚Äď haupts√§chlich j√ľdischen ‚Äď Verfolgten und nichtj√ľdischen Verfolgenden aus unterschiedlichen L√§ndern, der DDR und der BRD. Der Ansatz ist ein pers√∂nlicher und psychologischer, die Hausgebenden treten als Analysierende und als Involvierte auf. Beide Seiten finden sich bei ihnen wieder: Neben Weissberg ist J√ľrgen M√ľller-Hohagen Herausgeber, der das Dachau Institut Psychologie und P√§dagogik leitet. Ein Teil seiner Familie geh√∂rte den sogenannten Mitl√§ufern an, die treu hinter dem Regime standen, gem√§√ü dem gegenw√§rtigen Konsens jedoch keine T√§ter_innen waren.
Die Herausgebenden haben den Dialog zwischen J√ľdinnen/Juden und Nichtj√ľdinnen/Nichtjuden stellvertretend mit den Autor_innen gef√ľhrt. Dieser Dialog, so scheint es vor allem bei den Artikel der Kinder der Tatbeteiligten durch, war einer des Bewusstwerdens der famili√§ren Verstrickungen in die NS-Diktatur und dem Ende des Verleugnens und Verschleierns. Es ist zu erahnen, wie kontrovers schmerzhaft und wohl auch verletzend dieser Prozess f√ľr alle Beteiligten verlief.

Wer war Täter_in?
Den Herausgebenden liegt deutlich daran, den Begriff der Täterschaft zu schärfen.
Die wohlwollende Sichtweise, Mitl√§ufern sei keine Verantwortung anzutragen, wird in dem Band grunds√§tzlich in Frage gestellt. Hilde G√∂tt setzt sich in ihrem Artikel intensiv und konstruktiv mit den Begrifflichkeiten T√§ter_innen, Mitl√§ufer_innen und Tatbeteiligte auseinander und ordnet diese gleichzeitig in die eigene Familiengeschichte ein. Die Position der Herausgebenden ist klar: das Nichtstun und Zuschauen ist eine Form der Mitt√§terschaft. Dies widerspricht freilich der Selbstwahrnehmung der mehrheitsdeutschen Bev√∂lkerung unterschiedlicher Generationen. Diese sind davon √ľberzeugt, an den Verbrechen des NS nicht beteiligt gewesen zu sein. Dies hat Harald Welzer in seiner Studie Opa war kein Nazi 2002 herausgearbeitet. Somit wird deutlich, dass es auf Seiten der Nachkommen der Tatbeteiligten mitnichten selbstverst√§ndlich ist anzunehmen, der NS habe seelische Spuren hinterlassen. Dahin gehend sind die Fragestellung und der pers√∂nliche, statt akademische Ansatz dieser Anthologie neu.

Die Bedeutung des Endes legalisierter Gewaltaus√ľbung
Dass die Gewalt, die w√§hrend des NS legal ausge√ľbt wurde, massive Folgen nach Kriegsende hatte, wird in dem Artikel von Ursula Sperling-Sinemus deutlich. Ihr Stief- und Ziehvater Alois Schintholzer war an Massenmorden beteiligt, sowie daran, Adolf Eichmann nach dem Krieg au√üer Landes zu bringen. Der Name Schintholzer ist in der Enzyklop√§die des Holocaust von 1993 nicht vermerkt. Davon erfuhr die Autorin 1979 aus der Frankfurter Rundschau. Sie hatte es insofern geahnt, als in ihrer Kindheit oft geheimer Besuch kam ‚Äď ehemals ranghohe Vertreter der SS, wie sich sp√§ter herausstellte ‚Äď und zwei der Kinder regelm√§√üig misshandelt wurden. Die bisher legalisierte Gewaltt√§tigkeit wurde nun in das private Umfeld hineingetragen (s. dazu auch Artikel von M√ľller-Hohagen). Damit wird mit der Vorstellung gebrochen, die Gewaltt√§tigkeit der T√§ter_innen lie√üe sich auf die NS-Zeit beschr√§nken. Stattdessen wirkten sie nach und damit auf die n√§chste Generation. W√§hrend der Nachforschungen der Autorin, kam zum Vorschein, was Nea Weissberg "den Schweigekodex" nennt:
"Das Beschweigen ist ein Kaschieren, das der Verschleierung dient, um den m√∂glichen Fragen der Kinder oder Enkel nach dem Wissen √ľber den Anteil an Mitschuld, Profitschuld, Unterlassungsschuld oder Schweigeschuld erst gar nicht zuzulassen."
Beate Niemann, die bereits viele Jahre den Nachforschungen √ľber ihren Vater Bruno Sattler gewidmet hat, beschreibt die Pr√§senz und Heftigkeit dieses Schweigekodex auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Legalisierter Raub
In den Artikeln von Niemann und Anni S√∂ntgerath wird au√üerdem √§u√üerst konkret der legalisierte Raub vom Eigentum j√ľdischer Deutsche besprochen und wie nichtj√ľdische Deutsche davon profitierten. Was vornehmlich im √∂ffentlichen Diskurs auf der Ebene von Kunstbesitz und Eink√ľnfte f√ľr den Fiskus bekannt ist, wird hier runtergebrochen auf die Ebene jedes einzelnen B√ľrgers, der sich preiswert und komplikationslos das Eigentum von J√ľdinnen und Juden aneignen konnte. S√∂ntgerath beschreibt dies am Beispiels eines Schranks, der 1938 im Zuge der sogenannten "Arisierung" illegal in den Besitz ihrer Familie kam. Mit Hilfe der Stiftung Zur√ľckgeben suchte die Autorin nun jemanden, der diesen Schrank besitzen m√∂chte ‚Äď um ihn, gerechterweise zur√ľckzugeben. So symbolisch und wichtig dieser Ansatz auch ist, so unpassend ist die sprachliche Herangehensweise, denn die Autorin schreibt aus der Perspektive des Schrankes. Dies ist als eine Emotionalisierung zu verstehen, die ablenkt von den Umst√§nden, die hinter dem Erwerb des Schrankes stehen, den Profiteuren und den urspr√ľnglichen Besitzenden des Schrankes.

Die Ambivalenz des Eingestehens von Schuld
Den Eindruck, dass es auf der Seite des Nachkommen der Opfer zwar nicht einfacher, jedoch gem√ľtlicher ist, bekommen die LeserInnen auch bei den Beschreibungen von Sperling-Sinemus‚Äô Besuch der "Halle der Namen" in Yad Vashem und den Worten, die sie den Kindern in den Mund legt, die auf den Fotografien abgebildet sind: "Wir sind Kinder, wir wissen nichts von Schuld und schon gar nichts von dieser Schuld, die Du schon Dein Leben lang tr√§gst [...] Niemand verlangt, dass Du sie tr√§gst, wir schon gar nicht! Wir Toten kennen keine Rache und keine Schuld." Hier sucht die Autorin Absolution f√ľr ihre Familie bei den Opfern und spricht sich diese in ihrer Phantasie zu. Dieses Bed√ľrfnis ist nachvollziehbar und oft zu finden in der Form, wie offizielle Gedenkstunden gestaltet sind. Zu erf√ľllen ist es nicht. Doch diese blinden Flecken zeigen, wie langwierig und schmerzhaft dieser Prozess der Auseinandersetzung ist. Gleichzeitig anerkennt Sperling-Sinemus die Gr√§ben zwischen den Kindern der Opfer und Tatbeteiligten und das Bed√ľrfnis, besonders von nichtj√ľdischer Seite, diese zu √ľberwinden. Denn sind es besonders die Fragen von Seiten der Nachkommen der Opfer, die sie zu ihrer Auseinandersetzung bewegen.

Ein besonders starker Moment in ihrem Artikel ist hingegen die Anerkennung in sich selbst, trotz einer linken politischen Haltung Antisemitismen in sich zu tragen, allein aus der Frage heraus "wo soll er nach 1945 hingegangen sein?". Mit diesem, tats√§chlich ungem√ľtlichen Eingest√§ndnis erkennt sie in sich auch das, was M√ľller-Hohagen T√§terhaftigkeit nennt. Dieses Eingest√§ndnis w√§re bei einem Gro√üteil der deutschen Mehrheitsgesellschaft von N√∂ten ‚Äď es w√ľrde n√§mlich bedeuten, die Auseinandersetzung mit der Shoa nicht mehr nur auf der Verstandesebene "mit dem Blick auf die allgemeine Geschichte - Auschwitz" zu f√ľhren, sondern auch "im Bezug auf unsere konkrete Vorfahrenschaft und uns selbst." Sie muss jenseits offizieller Gedenkstunden in jedem einzelnen stattfinden und die Verschleierung muss gel√ľftet werden, die um die Mitt√§terschaft und die Verwicklungen jeder Familie kreist. Dass dieser Prozess trotz Schuldanerkennung innerhalb der Familie niemals beendet ist und ausgehalten werden muss, zeigt sich auch daran, dass die Autorin Petra G. ihren Namen nicht vollst√§ndig nennt.
Die Autor_innen stellen sich einer konkreten Konfrontation und mehrheitlich dem öffentlichen Bekenntnis dazu. Der persönliche und psychologische Zugang zeigt, dass die Schreibenden sich nicht hinter einem akademischen Sprachgebrauch verstecken.

Die Seite der Nachkommen der Opfer
Diese Aspekte sind nur einige des Bandes, der auch einen bedeutenden Teil j√ľdischer Nachkriegsgeschichte in der BRD und DDR (jeweils vornehmlich Berlin) erz√§hlt. Auch hier werden pers√∂nliche Geschichte und schmerzhafte Erfahrungen preisgegeben. Es ist deutlich zu erkennen, dass den Kindern der Opfer die Shoa wesentlich pr√§senter ist in ihrem Leben, als den Kindern der Tatbeteiligten, die vornehmlich im Erwachsenenalter √ľber die Involvierung ihrer Familie erfahren haben. Insofern spiegelt der Band einen gesellschaftlichen Zustand wieder.

AVIVA-Tipp: Die Anthologie Beidseits von Auschwitz. Identit√§ten in Deutschland nach 1945 ist eine l√§ngst √ľberf√§llige Publikation, in der die Autor_innen aus pers√∂nlicher Perspektive ihren famili√§ren Bezug zum NS offenlegen bzw. die schmerzhaften Erfahrung von Ermordung, Verlust von Familienangeh√∂rigen und weiterleben in der BRD/DDR schildern. Das spannende sind die Reflexionsprozesse, die mit dieser Offenlegung einhergingen und in die Artikel einflie√üen. Jede dieser privaten und daher politischen Erfahrungen und Eingest√§ndnisse sind sch√§tzenswerte, lesenswerte Artikel. Gleichzeitig fordern besonders diejenigen der Nachkommen der Tatbeteiligten heraus: hier liegt die Innovation, der Mut und die Provokation des Projekts. Es ist allen und insbesondere den Nachkommen der Tatbeteiligten ans Herz zu legen, dieses Buch zu lesen! Teils ausf√ľhrliche Literaturlisten geben gleichzeitig Einblicke in die Forschungslandschaft zum Thema.

Zur Autorin: Nea Weissberg, geboren 1951 in Berlin als Tochter polnischer Juden und Shoa√ľberlebenden geboren. Sie arbeitete als Lehrerin in Berlin und gr√ľndete 1993 den Lichtig Verlag. Sie verlegt B√ľcher zu j√ľdischen Themen, darunter auch Kinderb√ľcher und Kalender. Sie arbeitet au√üerdem als Psychodramatherapeutin. In diesem Rahmen entstand der Band "Beidseits von Auschwitz". Au√üerdem hat sie selbst B√ľcher zum Thema zweite Generation und dem Leben als Mutter einer Tochter mit Behinderung geschrieben.

Nea Weissberg, J√ľrgen M√ľller Hohagen (Hrsg.). Beidseits von Auschwitz. Identit√§ten in Deutschland nach 1945. Drei√üig Beitr√§ge. Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Lichtig Verlag, erschienen April 2015
Hardcover, 346 Seiten
Preis: 21,50 Euro
ISBN: 978-3-929905-34-2
www.lichtig-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

20 JAHRE LICHTIG VERLAG. Ein Portrait der Verlegerin Nea Weissberg Ausl√∂ser f√ľr die Gr√ľndung des Verlages, mit dem Nea Weissberg einen kontinuierlichen Dialog zwischen j√ľdischen und nichtj√ľdischen Deutschen f√∂rdert, war 1989 die Begegnung mit Halina Birenbaum (2014)

Das Gl√ľck hat mich umarmt Die Deutschen und die Polen wurden auf ihre Pl√§tze verwiesen, indem es ihnen ihre T√§ter- und Mitt√§terschaft vor Augen gef√ľhrt wurde. Vergleichbares wird frau derzeit schwer in der Belletristik finden. (2009)

Mirna Funk - Wintern√§he Berlin-Mitte. Angesagte Gegend mit angesagten Menschen. Lola, 34, Fotografin, arbeitet in einer Agentur, ist (Ost)Deutsche, J√ľdin und hat den Hals von ihrem antisemitischen Umfeld gestrichen voll. (2015)

Wendy Lower - Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust 13 weibliche Biografien ‚Äď sie stehen stellvertretend f√ľr Hunderttausende Frauen, die sich am Krieg und am Holocaust in Osteuropa und Deutschland beteiligten. Mit ihnen befasst sich die Professorin und Geschichtswissenschaftlerin Wendy Lower in ihrem mit dem National Book Award 2013 ausgezeichneten Sachbuch. (2014)

Weitere Infos:
Dachau Institut Psychologie und Pädagogik: www.dachau-institut.de

Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall
www.fischerverlage.de



Literatur Beitrag vom 28.02.2016 Magdalena Herzog 





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