Brigitte Reimann und Christa Wolf - Sei gegrüßt und lebe. 1963 - 1973. Eine Freundschaft in Briefen und Tagebüchern - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 15.06.2016


Brigitte Reimann und Christa Wolf - Sei gegrüßt und lebe. 1963 - 1973. Eine Freundschaft in Briefen und Tagebüchern
Yvonne de Andrés

Brigitte Reimann und Christa Wolf lernen sich erst 1963 persönlich richtig kennen, auf einer Delegationsreise nach Moskau. Anlässlich des 85. Geburtstags von Christa Wolf ist der Band in erweiterter Neuausgabe erschienen.




Brigitte Reimann bezeichnet Christa Wolf in ihrem ersten Tagebucheintrag vom 12.02.1960 als "meine beste Feindin". Diese Ehrenbezeichnung geht darauf zurück, dass Christa Wolf als Teil des DDR-Literaturbetriebes und Mitglied der Jury "Zur Förderung des lit. Gegenwartsschaffens" den Literaturpreis in jenem Jahr an Irmgard Morgner mit verlieh. Auch ein bereits zugesicherter Vorabdruck in der Neue Deutsche Literatur (NDL) wurde nach Brigitte Reimanns Aufzeichnungen von Christa Wolf 1960 intrigant verhindert.

In Moskau begegnen sich Brigitte Reimann und Christa Wolf auf der Tagung des Deutschen Schriftstellerverbandes 1963. Beide halten diesen Moment in ihren Tagebüchern fest. Bei Brigitte Reimann hat mittlerweile ein Auffassungswechsel stattgefunden. Brigitte Reimann am 8.10.1963: "Aber Christa Wolf ist eine gute Reisegefährtin, freundlich und gelassen und erfahren und sehr viel erwachsener als ich." Und am 11.10.1963 vertraut sie dem Tagebuch an: "[...] nachts, im Dunkeln, in einer fremden Stadt – man erzählt Dinge, die man tagsüber nicht erzählen würde, und Christa ist so ein Mensch, dem man alles sagen kann, und man weiß es bewahrt. [...] Ich glaube, wir verstehen uns jetzt gut (sie ist eine von den "Guten" nach meiner Kindereinteilung), ich mag sie sehr leiden."

Christa Wolf hält diese Begegnung in einer gänzlich anderen Tonalität am 21.10.1963 in ihrem Tagebuch fest. "[...] Brigitte Reimann. Ein Kapitel für sich. Teilt die Menschen in "gute" und "schlechte" ein. Ich hatte viel damit zu tun, ihr solche unhistorischen Gesichtspunkte fragwürdig zu machen. Kam mit ziemlichen Bilderbuchvorstellungen nach Moskau (hier helfen sich alle Menschen gegenseitig, hier sagen junge Leute immerzu Gedichte auf, hier tanzen Bauern auf dem Bahnhof Hopak usw.). War dann von manchem arg enttäuscht, bis ... sich Verehrer fanden."

In Auszügen wird der Austausch der zwei sehr unterschiedlichen Autorinnen dokumentiert. Christa Wolf, die zwei Jahre ältere, veröffentlichte mit viel Lob "Der geteilte Himmel" (1963). Sie war die arriviertere von den beiden. Ihr Roman "Nachdenken über Christa T." (1968) wurde in der DDR heftig kritisiert. Von 1955 bis 1977 war sie Mitglied des Vorstands des Deutschen Schriftstellerverbands, Kandidatin des Zentralkomitees der SED (1963-1967) und wurde 1964 mit ihrem ersten Nationalpreis ausgezeichnet. 1987 folgte der Preis I. Klasse.

Brigitte Reimann hatte zum Zeitpunkt des Kennenlernens ein paar Erzählungen veröffentlicht, Förderpreise erhalten und wurde 1965 mit dem renommierten Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR ausgezeichnet. Ihr unvollendeter Roman "Franziska Linkerhand" erschien erst 1974, ein Jahr nach ihrem Tod.

Der lose Briefkontakt wird ergänzt durch eingefügte Tagebucheinträge, die über eine andere, eine privatere, intimere Tonart verfügen. Der Band zeichnet die Zeit von 1963 bis zum Krebstod 1973 von Brigitte Reimann nach. Ab 1968 entwickelt sich das Verhältnis zu einer engen Freundschaft. Besonders in den Briefen von Christa Wolf ist diese Wärme und Anteilnehme für die Freundin sehr gut nachzulesen.

Das Bild der DDR bleibt diffus, unkonkret, irgendwie irreal als Gesellschaft. Auch die großpolitischen Ereignisse wie der Einmarsch der Truppen der Warschauer Pakt-Staaten in die ČSSR werden nur am Rande gestreift. Beide verwenden hier eine chiffrierte Sprache, sie konnten oder wollen nicht offen schreiben. Ihr Austausch handelt daher von ihrer Arbeit, der Literatur, den Liebschaften und der Krankheit von Brigitte Reimann. Deren Krankheit überschattet und dominiert die Korrespondenz der letzten Jahre. Viel Interessantes bleibt leider bei beiden ausgeblendet.

Zur Autorin: Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg bei Magdeburg, war Lehrerin und seit ihrer ersten Buchveröffentlichung 1955 freie Autorin. 1960 zog sie nach Hoyerswerda, 1968 nach Neubrandenburg. Nach langer Krankheit starb sie 1973 in Berlin. Wichtigste Veröffentlichungen: Die Frau am Pranger (Erzählung, 1956), Ankunft im Alltag (Erzählung, 1961), Die Geschwister (Erzählung, 1963), Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise (1965), Franziska Linkerhand (Roman, 1974, vollständige Neuausgabe 1998).
Reimann hat nicht nur Romane und Erzählungen geschrieben, sondern auch Hör- und Fernsehspiele. Sie war Teilnehmerin bei nationalen SchriftstellerInnentreffen, beispielsweise der II. Bitterfelder Konferenz, sowie bei internationalen Tagungen. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste

Zur Autorin: Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski) geboren und lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas Mann Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Wichtige Bücher sind "Nachdenken über Christa T.", "Kassandra", "Ein Tag im Jahr", "Was bleibt" u.a. Sie starb 2011 in Berlin.

Brigitte Reimann/ Christa Wolf
Sei gegrüßt und lebe
1963 – 1973. Eine Freundschaft in Briefen und Tagebüchern

Fester Einband, 270 Seiten
Aufbau Verlag, erschienen am 15.03.2016
21,95 Euro [D]
ISBN: 978-3-351-03636-2
www.aufbau-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Die ostdeutsche Autorin wäre am 21. Juli 2008 fünfundsiebzig Jahre alt geworden.
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Christa Wolf starb am 1. Dezember 2011 im Alter von 82 Jahren in Berlin
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Literatur

Beitrag vom 15.06.2016

Yvonne de Andrés 






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