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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.07.2016

Gila Lustiger - Ersch├╝tterung. ├ťber den Terror
Kristina Tencic

Leider wieder hochaktuell ist Gila Lustigers wegweisendes Essay ├╝ber den Terror in Frankreich. Erst im Juni 2016 wurde die in Paris lebende deutsch-j├╝dische Autorin f├╝r ihr "widerst├Ąndiges Erz├Ąhlen im Sinne von Freiheit und Humanit├Ąt" mit dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis...



... der Stadt F├╝rth ausgezeichnet.

Als "Nachrichtens├╝chtig" hat sich Gila Lustiger bezeichnet, als sie nach den Terroranschl├Ągen vom 13. November 2015 nicht aufh├Âren konnte, der Berichterstattung zu folgen, immer noch mehr neue Fakten, oder auch nur Vermutungen, in sich einzusaugen und irgendwie zu verstehen versuchen, was hier mitten im ┬┤friedlichen┬┤ Europa vor sich geht. Auch dieser Tage nach dem Massaker in Nizza folgen wir alle dem Nachrichtenfluss, erstarrt, ungl├Ąubig und machtlos, da sich hier jemand der banalsten Waffe bedient hat, einem LkW, um Leid in die Welt zu tragen.

An einem Punkt jedoch hat sich Gila Lustiger gebremst und in ihrer analytischen Manier gefragt, was hier eigentlich vor sich geht. Sie hat angefangen, einen Essay mit Fragen zu schreiben, statt den journalistisch und politisch vorgefertigten Antworten zu folgen. In "Ersch├╝tterung" blickt sie auf diese franz├Âsische Gesellschaft, der sie als Deutsche und J├╝din seit 1987 angeh├Ârt, und was sie sieht, macht nicht gerade Hoffnung.

Sie geht einen Schritt zur├╝ck in der j├╝ngsten Geschichte, n├Ąmlich zu den vielleicht im Nachhinein zu wenig beachteten Jugendkrawallen im Jahre 2005, die Sarkozy zum politischen Aufstieg verhalfen, und schaut genauer hin. Jugendliche rebellierten, setzten 10.000 Autos in Brand, 230 Schulen, Rath├Ąuser, Polizeiwachen, Bibliotheken - Bibliotheken?

"Wieso gab keiner auch nur zu bedenken, dass man dort, wo man B├╝cher verbrannte, bald auch ihre Autoren ahnden w├╝rde?" (Was ja am 7. Januar 2015 mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo leider auch so geschah.)

"Damals fragten sich alle Kommentatoren schockiert, ob sich solche Ausbr├╝che von Gewalt wiederholen k├Ânnten. Dass sich zehn Jahre sp├Ąter ein 29-j├Ąhriger Franzose mit algerischen Wurzeln aus dem Pariser Vorort Courcouronnes, ein 28-j├Ąhriger Busfahrer aus dem Pariser Vorort Drancy und ein 23-j├Ąhriger Dschihadist aus Stra├čburg in einer Konzerthalle in Paris in die Luft sprengen w├╝rden, vermuteten jedoch wohl nicht einmal die Pessimisten unter ihnen."

Gila Lustiger versetzt sich in die K├Âpfe der Jugendlichen, geht den Fragen nach dem Warum der Krawalle und Anschl├Ąge nach und kommt zu keinen leichtfertigen Denkans├Ątzen. Denn ├╝ber Jahre hinweg hat es sich die Politik (und somit auch die Gesellschaft) zu leicht gemacht mit den Banlieusards, den in die Vororte abgesto├čenen Einwanderern und deren Kindern und Kindeskindern. Sie wurden "gef├Ârdert aber nicht gefordert" und so sehr r├Ąumlich und infolgedessen sozial ausgegrenzt, dass selbst die Rebellion nicht im Stadtzentrum stattfand, sondern ohne Anf├╝hrer und ohne politisches Sprachrohr in der Banlieu. Langeweile und Arbeitslosigkeit herrschen vor in diesen Plattenbauten, die "f├╝r Arbeiter und nicht f├╝r Arbeitslose" geschaffen wurden.

"Dass diese islamistische Ideologie absoluten Gehorsam von ihnen verlangte und ihren Alltag bis ins kleinste Detail bestimmte, machte sie f├╝r die Jugendlichen, die sich meist selbst ├╝berlassen waren, nur noch reizvoller, befreite es sie doch endlich nicht nur von der Qual, t├Ąglich selbst entscheiden zu m├╝ssen, sondern entband sie auch von jeglicher Verantwortung f├╝r ihr Tun."

Das Gef├╝hl der Dem├╝tigung ist f├╝r Gila Lustiger von zentraler Bedeutung. Die Jugendlichen f├╝hlen sich Lustiger zufolge gedem├╝tigt von den Beh├Ârden, von allem was sie mit dem Staat, also auch Schulen und Bibliotheken, und mit Reichtum verbinden - also auch klischeegem├Ą├č Juden. Sie wissen ihre Wut und Resignation nicht anders auszudr├╝cken, als Kawumm in jedweder Hinsicht zu machen.

Und auch eine weitere wichtige Frage, wichtig auch jetzt im Zusammenhang mit dem Anschlag am Nationalfeiertag Frankreichs, stellt Gila Lustiger: W├Ąre es anders verlaufen, wenn man ihnen nicht die drei Grundwerte Frankreichs eingebl├Ąut h├Ątte? Freiheit, Gleichheit, Br├╝derlichkeit f├╝r alle - oder eben nur f├╝r fast alle?

AVIVA-Tipp: "Denken ohne Gel├Ąnder" hat Hannah Arendt ihrerseits das bezeichnet, was auch Gila Lustiger hier eindrucksvoll betreibt. Fragen zu stellen statt vorgefertigten Antworten zu folgen ist vielleicht die m├╝hseligere und zeitintensivere (Denk-)T├Ątigkeit, doch Kawumm mit Kawumm zu beantworten, hat sich noch in den seltensten F├Ąllen als gute L├Âsung erwiesen. Das Gef├╝hl der Dem├╝tigung eines Individuums kann wohl kaum mit Gewalt bezwingen werden, sondern langfristig nur mit einem offenen Herzen, Verst├Ąndnis und einer Forder- statt F├Ârderpolitik.

Zur Autorin: Gila Lustiger wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren. Sie ist die Tochter des Historikers Arno Lustiger, der als Jude in Polen in der NS-Zeit mit seiner Familie in KZs und Arbeitslager kam und schlie├člich auf einem Todesmarsch entfliehen konnte. An der Hebr├Ąischen Universit├Ąt in Jerusalem studierte sie Germanistik und Komparatistik, bevor sie 1987 nach Paris ging, wo sie bis heute als freie Autorin lebt. Ihr erster Roman "Die Bestandsaufnahme" erschien 1995, dann 1997 "Aus einer sch├Ânen Welt". Ihr Familienroman "So sind wir" war 2005 f├╝r die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. 2011 erschien "Woran denkst du jetzt" und im Fr├╝hjahr 2015 ihr gro├čer franz├Âsischer Gesellschaftsroman "Die Schuld der anderen", der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.

Gila Lustiger
Ersch├╝tterung
├ťber den Terror

Berlin Verlag, erschienen 01.03.2016
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 160 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1332-3
16 Euro
www.berlinverlag.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Gila Lustiger - Die Schuld der anderen
Die in Paris lebende Schriftstellerin legt nach ihren Romanen "So sind wir" und zuletzt "Woran denkst Du jetzt" nun einen spannenden kriminalistischen Gesellschaftsroman vor. Korruption, Gewalt und Vertuschung in den gesellschaftlichen Verh├Ąltnissen ihrer Wahlheimat Frankreich sind die gro├čen Themen, zu denen ihr Protagonist im inneren Dialog reflektiert. (2015)

"Herr Grinberg und Co", Gila Lustiger (2008), Berlin Verlag
Ein verschrobener alter Mann, einige wilde heranwachsende Kinder, deren Tr├Ąume, Phantastereien und ├ängste thematisiert die begabte Autorin Gila Lustiger in diesem Konzept. F├╝r Kinder und Erwachsene.

"So sind wir", Gila Lustiger (2005), Berlin Verlag
Gila Lustigers dritter Roman ist ein Roman der autobiografischen Suche. Inspiriert von Fotos und Gegenst├Ąnden erinnert sie sich an Eltern, Gro├čeltern, Verwandte und deren Geheimnisse.

"Aus einer Sch├Ânen Welt", Gila Lustiger (2006), Aufbau-Verlag
Eine unterforderte Hausfrau kurz vor dem Zusammenbruch aus Langeweile: In Gila Lustigers "Aus einer Sch├Ânen Welt" ist der freie Nachmittag der Feind und die Shoppingmall der einzig friedliche Ort.

"Mein weisser Frieden" ein Roman von Marica Bodrozic
Mit ihrem dritten Buch best├Ątigt Marica Bodrozic, dass sie eine ausgezeichnete Beobachterin ist, die sich keinem literarischem Genre beugen muss. Sie nimmt uns mit auf ihre tiefgr├╝ndige Suche nach dem Verstehen des Unverst├Ąndlichen: Der Conditio Humana, uns selbst und dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien. (2015)





Literatur Beitrag vom 17.07.2016 Kristina Tencic 





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