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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.07.2016

Charlotte Brontë - Jane Eyre
BĂ€rbel Gerdes

Zum 200jĂ€hrigen Geburtstag der Autorin am 21. April 1816 erscheint ihr berĂŒhmtester Roman in NeuĂŒbersetzung, ĂŒbertragen von der renommierten Übersetzerin Melanie Walz. Lohnt sich ein erneutes Lesen?



"Sie reißt uns das ganze Buch hindurch mit sich fort, ohne uns zum Nachdenken oder Aufblicken Zeit zu lassen. Bewegt sich jemand im Zimmer, so scheint die Bewegung nicht dort, sondern oben in Yorkshire stattzufinden, so tief sind wir versunken." So erging es Virginia Woolf, als sie vor 100 Jahren im Times Literary Supplement anlĂ€sslich des 100. Geburtstages von Charlotte BrontĂ« an Jane Eyre erinnerte.

Der Roman war damals knapp 70 Jahre vorher (1847) erschienen, also inmitten des Viktorianischen Zeitalters, das Woolf schnellstmöglich hinter sich lassen wollte, war es doch geprÀgt von strengen, dabei bigotten Moralvorstellungen und einer stark imperialistischen und - damit einhergehend - rassistischen Politik.

Es war Charlotte BrontĂ«s zweiter Roman. Ihr erster, The Professor, war von mehreren Verlagen abgelehnt worden und wurde erst 1857 veröffentlicht. Eine dennoch positive Reaktion aus dem Verlagshaus Smith, Elder & Co. veranlasste BrontĂ« jedoch dazu, ihren zweiten dorthin zu schicken. 1847 erschien schließlich Jane Eyre unter dem mĂ€nnlichen Pseudonym Currer Bell.
Charlotte Bronte war zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alt und hatte nur noch acht Jahre zu leben. Geboren war sie in Thornton in Yorkshire. Ihre Schwester Maria war zwei Jahre vorher zur Welt gekommen, ihre andere Schwester Elizabeth ein Jahr vorher. Es folgten auf Janes Geburt 1817 ihr Bruder Patrick Branwell, 1818 ihre Schwester Emily und 1820 Anne. Ein Jahr spĂ€ter starb die Mutter Maria – und wir fragen uns, was diese fĂŒr ein Leben hatte...

Bereits 1820 war die Familie in das Pfarrhaus nach Haworth gezogen, weil der Vater dort als Pfarrer tĂ€tig war. Nach dem Tod der Mutter wurden die Töchter 1824 in ein Internat nach Lancashire geschickt. Charlotte BrontĂ« machte die schlechten Bedingungen in dieser Schule dafĂŒr verantwortlich, dass ihre beiden Ă€lteren Schwestern bereits ein Jahr spĂ€ter verstarben. Auch Jane Eyre besucht eine Schule, in der das Leben der SchĂŒlerinnen geprĂ€gt ist von KĂ€lte und Hunger und dem Geiz und UnverstĂ€ndnis des Internatsleiters, einem Geistlichen. "Manchmal konnten sie [die MĂ€dchen] sich nicht auf den Beinen halten und sanken zu Boden, woraufhin man sie an die hohen Hocker der Klassenordnerinnen lehnte."

Nach dem Tod der beiden Schwestern werden Emily und Charlotte von ihrem Vater nach Hause beordert, wo sich die nunmehr Ă€lteste Tochter Charlotte um den Haushalt und die jĂŒngeren Geschwister kĂŒmmern soll. Bereits 1826 beginnen die Geschwister kleine Texte zu schreiben und flĂŒchten sich schreibend in die Phantasiereiche Angria und Gondal.
Schließlich besucht Charlotte BrontĂ« 1831 und 1832 ein Internat, in dem sie von der Leiterin Miss Wooler sehr geschĂ€tzt und gefördert wird, so dass sie dort ab 1835 als Lehrerin tĂ€tig ist. Auch dies wird im Leben Jane Eyres gespiegelt. Die von ihr geliebte und verehrte Miss Temple bietet Jane die Möglichkeit zur SelbstĂ€ndigkeit und UnabhĂ€ngigkeit.

Nach Anstellungen in Privathaushalten unterrichtet Charlotte 1842-1844 in dem Pensionat HĂ©ger in BrĂŒssel und nimmt dort selbst weiteren Unterricht mit dem Ziel, nach ihrer RĂŒckkehr mit ihren Schwestern Anne und Emily selbst eine Privatschule in Yorkshire zu grĂŒnden. In dieser Zeit lernt sie Constantin HĂ©ger, den Leiter des Instituts, kennen – und die Mythenbildung beginnt.

Was wurde alles geschrieben ĂŒber Charlottes unglĂŒckliche Liebe! Es scheint fast, als wĂ€re ihr Leben ab diesem Zeitpunkt reduziert darauf, unglĂŒcklich liebend und herzzerbrochen zu sein! Und natĂŒrlich einsam, wozu ja die moorweite Landschaft Yorkshires, wohin sie 1844 zurĂŒckkehrte, hervorragend passt.
Wieviel weniger jedoch wurde ĂŒber ihre tiefe Liebe zu Ellen Nussey geschrieben, einer MitschĂŒlerin auf Miss Woolers Schule. Die beiden befreunden sich eng miteinander und schreiben sich leidenschaftliche Briefe, wenn sie getrennt sind. Bereits 1932 beschreibt E.F. Benson in seiner Biographie ĂŒber Charlotte BrontĂ« diese leidenschaftliche Beziehung und folgert daraus, dass Charlotte sich eine betrĂ€chtliche Zeit ihres Lebens mehr zu Frauen als zu MĂ€nnern hingezogen fĂŒhlte.

Erst feministische Lebensbeschreibungen der 1970ger und 80ger Jahre griffen diese Darstellung wieder auf und zeigten zudem, wieviel Brontë neben dem Roman Jane Eyre noch geschrieben hatte.
Charlotte BrontĂ«s weitere Romane The Professor (posthum 1857 erschienen), Shirley (1849), eine Hommage an ihre Schwestern und an ihre Freundinnen Ellen Nussey und Mary Taylor, Villette (posthum 1853) und ihr unvollendeter Roman Emma erreichten jedoch nie die Bekanntheit wie der ĂŒber die Gouvernante Jane, die als SchĂŒlerin die MissstĂ€nde an ihrer Schule kritisiert, schließlich selbst Lehrerin wird, um dann in dem Haushalt von Mr. Rochester fĂŒr die Erziehung seiner Tochter AdĂšle zustĂ€ndig zu sein. Diese Jane ist eine Mischung aus Auflehnung: "Sir, ich glaube nicht, dass Sie ein Recht haben, mich herumzukommandieren, nur weil Sie Ă€lter sind als ich oder weil Sie mehr von der Welt gesehen haben als ich." und ein Aufgehen in der Liebe zu ihrem Arbeitgeber, der ihr zunĂ€chst Ă€ußerst mĂŒrrisch, sarkastisch und unfreundlich gegenĂŒbertritt. Und trotzdem Jane Eyre als Charakter angelegt ist, der unanhĂ€ngig und rebellisch ist und den viktorianischen Vorstellungen widerspricht, bleibt letztendlich doch ein konventionelles Eheidyll von der Aufopferung der liebenden Frau fĂŒr ihren geliebten Gatten. So mĂŒssen wir Virginia Woolf dann auch zustimmen, die vor hundert Jahren mit spitzer Feder schrieb: "Daß es Nachteile hat, Jane Eyre zu sein, liegt nahe. Immer Gouvernante sein und immer verliebt sein ist entschieden eine EinschrĂ€nkung in einer Welt voller Menschen, die schließlich weder das eine noch das andere sind.

Jane Eyre hĂ€lt fĂŒr das LesevergnĂŒgen jedoch auch andere Elemente bereit: Anleihen an dem Schauerroman machen den Roman zu einem jener, den wir gerne im Warmen lesen, wĂ€hrend draußen der Wind tobt. Denn natĂŒrlich spielt die einsame Moorlandschaft und deren heftige Wetter eine prominente Rolle und auch die Schreie der "wahnsinnigen" ersten Frau Rochesters, die im Obergeschoss des Hauses ein- und weggesperrt wird. Diese ist ĂŒbrigens eine Kreolin, die Rochester aus den Kolonien mitgebracht hat, was Jean Rhys wiederum zu dem Roman Wide Sargasso Sea inspirierte. In ihm erzĂ€hlt Rhys die Vorgeschichte dieser Frau, die von einem EnglĂ€nder durch ein Eheversprechen verlockt wird, ihr Land zu verlassen, um dann an seiner Lieblosigkeit zu zerbrechen, wie Melanie Walz, die Übersetzerin des vorliegenden Bandes, in ihrem umfangreichen Nachwort kenntnisreich erzĂ€hlt.
Charlotte BrontĂ« ĂŒbrigens heiratete 1854 einen Geistlichen, nur um ein knappes Jahr spĂ€ter an Schwangerschaftskomplikatonen zu sterben.

AVIVA-Tipp: Sollen wir Jane Eyre noch einmal lesen? Aber ja! So selbstversunkenes Lesen macht einfach glĂŒcklich!

Zur Autorin: Charlotte BrontĂ« am 21. April 1816 in Thornton geboren, gestorben 1855 in Haworth. Arbeitete als Gouvernante und Lehrerin und schrieb neben Gedichten die fĂŒnf Romane "The Professor", "Villette", "Shirley", "Jane Eyre" und "Emma" (unvollendet).

Zur Übersetzerin: Melanie Walz, geboren 1953 in Essen geboren, ist eine literarische Übersetzerin, die fĂŒr ihre Übersetzungen hochgelobt wird. Unter anderem ĂŒbertrug sie Jane Austen, Charlotte BrontĂ«, Lily Brett, Antonia S. Byatt und Patricia Highsmith ins Deutsche. Melanie Walz studierte PĂ€dagogik, Psychologie und Soziologie in MĂŒnchen, arbeitete als Redakteurin und Lektorin und begann in den 1980ger Jahren mit literarischen Übersetzungen. Sie erhielt verschiedene Stipendien sowie 2015 den Übersetzerpreis der Landeshauptstadt MĂŒnchen.

Charlotte Brontë
Jane Eyre – eine Autobiographie

Originaltitel: Jane Eyre – an autobiography
Herausgegeben und aus dem Englischen ĂŒbersetzt von Melanie Walz
ErgĂ€nzt durch einen ausfĂŒhrlichen Anhang, der die historischen HintergrĂŒnde des Romans erlĂ€utert
Insel Verlag, erschienen am 7.12.2015
Gebunden, 652 S.; auch als E-Book erhÀltlich
ISBN 978-3-458-17653-4
29.95 Euro
www.suhrkamp.de

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Literatur Beitrag vom 17.07.2016 BĂ€rbel Gerdes 





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