Ursula Fricker - L├╝gen von Gestern und Heute - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.08.2016

Ursula Fricker - L├╝gen von Gestern und Heute
Hai-Hsin Lu

Drei Menschen, deren Wege sich in einer deutschen Gro├čstadt kreuzen: Die Studentin, die f├╝r die Rechte der Gefl├╝chteten k├Ąmpft, der konservative Innensenator, und die Prostituierte, die sich nach einem eigenen Klavier sehnt.



Ende 2012 besetzte eine Gruppe von Gefl├╝chteten und deren Unterst├╝tzer_innen nach einem langen Protestmarsch durch Deutschland den Oranienplatz und die naheliegende, leerstehende Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg. Die Schweizer Autorin und Journalistin Ursula Fricker setzt an den Anfang ihres Romans einen Disclaimer, in dem sie "eventuelle ├ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder tats├Ąchlichen Begebenheiten" als rein zuf├Ąllig deklariert. Tats├Ąchlich jedoch ist es offensichtlich, dass die Gefl├╝chtetenproteste, die Berlin in den letzten Jahren begleiteten und formten, als Kulisse ihres Buches dienen.

Fricker beginnt mit der Beerdigung eines hochrangigen Lokalpolitikers. In der sich entfaltenden Szene begegnen sich die drei Protagonist_innen zum letzten, f├╝r die Leser_innen jedoch zum ersten Mal. Der Innensenator Otten bewegt sich mit einer erschreckenden Gleichg├╝ltigkeit durch seinen Alltag, der aus seinem Beruf als Politiker, seiner pferdeliebenden Gattin und ihrer gemeinsamen Villa besteht. Isa ist eine Studentin, die sich in ihrem ├Âden Leben gefangen f├╝hlt und nach Auswegen, neuen Erlebnissen und Menschen sucht. Beba wiederum ist Prostituierte und Pianistin, die vor der Armut nach dem B├╝rgerkrieg in ihrer f├╝r die Leserin unbenannten Heimat floh und von einem eigenen Klavier tr├Ąumt.

Die Lebenswege dieser drei grundverschiedenen Menschen kreuzen sich in einer ebenfalls unbenannten Stadt. Durch die gemeinsame Liebe zur Musik, durch einen einfachen Zufall oder auch durch tiefsitzende Verzweifelung. Fricker versteht es, ihren Charakteren in all ihren Erinnerungen, Tr├Ąumen und Fehlern Glaubw├╝rdigkeit zu vermitteln. Insbesondere Beba, die in dem Bordell lebt und immer wieder an ihre zerst├Ârte Heimat und Szenen ihrer Jugend denken muss, die mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit Kunden empf├Ąngt und nur dann zum Leben erwacht, wenn sie Klavierspielen kann, ist in ihrer Trauer, ihrer M├╝digkeit und Entschlossenheit auf eine ber├╝hrende Art plastisch.

Isa, die sich mit Feuer und Flamme in die Gefl├╝chtetenproteste st├╝rzt, ist hingegen ein Charakter, der etwas flach ausf├Ąllt. Ihre Wut, ihre Ablehnung des b├╝rgerlichen Elternhauses, ihre schneller Radikalisierung ÔÇô all dies wird von der Autorin lediglich auf einer pers├Ânlichen Ebene ausgehandelt. Erkl├Ąrungen, wof├╝r sie in ihrem Protestcamp k├Ąmpfen, was f├╝r politische Forderungen sie haben, werden nur parolenhaft vorgetragen. Auch die Gefl├╝chteten, die eigentlichen Protagonist_innen dieses Kampfes, kommen wenig zu Wort und werden oft als irrational oder gar aggressiv dargestellt.

Genauso bedenklich ist die Eskalation am Ende des Buches: Isa erschie├čt den Innensenator Otten, wird aber freigesprochen. Stattdessen wird ihr Freund verhaftet, woraufhin sie den Andeutungen ihres Vaters nach Selbstmord begeht. Dieses zutiefst dramatische Ende l├Ąsst angesichts der realen Ereignisse, an denen sich Fricker stark orientiert, viele Fragen aufkommen. Will die Autorin hiermit eine Warnung vor dem "Linksextremismus" aussprechen? Oder ist der Tod an dieser Stelle nur ein dramaturgisches Stilmittel?

Die Gefl├╝chtetenproteste am Oranienplatz und in der Gerhart-Hauptmann-Schule waren soziale K├Ąmpfe, die auf Grund von realen Unterdr├╝ckungsverh├Ąltnissen entstanden sind. Die Gefl├╝chteten waren gleichzeitig auch politische Aktivist_innen, die konkrete Forderungen gegen Abschiebung, rassistische Polizeigewalt, die Residenzpflicht und f├╝r angemessene Lebensbedingungen stellten. Sie erfuhren nicht nur von der sogenannten "linken Szene", sondern von vielen Anwohner_innen und B├╝rger_innen Solidarit├Ąt.

Es bedarf eines gro├čen Verantwortungsbewusstseins, aktuelle politische Geschehnisse zu fiktionalisieren und den Gedankengang eines militanten ├ťbergriffs im Namen dieser Bewegung zuende zu f├╝hren, denn ihre Wirkmacht ist bis heute zu sp├╝ren. In Frickers Roman ist der Protest eine blo├če Hintergrundkulisse, die den Selbstfindungsprozess und die emotionale Entgleisung der Studentin Isa umrahmt. Sie ist der Ansto├č f├╝r den konservativen Innensenator Otten, ├╝ber seine Jugend als Linker nachzudenken und sein Familienverh├Ąltnis zu seinen verzogenen Kindern zu problematisieren.

"L├╝gen von Gestern und Heute", so lautet der Titel des Buches. Jedoch bleibt unklar, welche L├╝gen erz├Ąhlt werden. Ist es die L├╝ge der sozialen Gerechtigkeit, die Isa erk├Ąmpfen will? Oder die L├╝ge der Rechtsstaatlichkeit, der Otten nachh├Ąngt? Oder ist es gar die L├╝ge der Geborgenheit, des Heimatgef├╝hls, nach dem sich Beba sehnt? Fricker l├Ąsst mit ihrem Roman die offenen Fragen unbeantwortet, l├Ąsst die Geschichte am Friedhof anfangen und auch am Friedhof wieder enden. Die Gefl├╝chtetenproteste setzten sich jedoch fort, Tag f├╝r Tag, in allen unbenannten St├Ądten dieses Landes.

AVIVA-Fazit: Mit pr├Ągnanten Beschreibungen der Charaktere hat Fricker zwar das Innenleben ihrer drei Protagonist_innen erfolgreich portraitiert, die Kontextualisierung ihrer Handlungen und ihrer Umwelt jedoch nicht gen├╝gend vollzogen. Angesichts ihrer starken Bezugnahme auf die realen Geschehnisse der Berliner Gefl├╝chtetenproteste w├Ąre eine weitere inhaltliche Ausf├╝hrung w├╝nschenswert gewesen.

Zur Autorin: Ursula Fricker, geboren 1965 in Schaffhausen, der Schweiz, ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie studierte in Bern Sozialarbeit und arbeitete in einem Heim f├╝r geistig behinderte Menschen und in der Theaterp├Ądagogik. Ihr Deb├╝troman "Fliehende Wasser" (2004) wurde mit dem Einzelwerkspreis der Schweizerischen Schillerstiftung und mit dem Werkjahr der Stadt Z├╝rich ausgezeichnet. Ihr 2012 erschienenes Buch "Au├čer sich", wurde im selben Jahr f├╝r den Schweizer Buchpreis nomminiert. Ursula Fricker lebt seit mehreren Jahren in der N├Ąhe von Berlin.
Mehr Infos zur Autorin unter:
www.dtv.de/autor/ursula-fricker

Ursula Fricker
L├╝gen von Gestern und Heute

Deutscher Taschenbuch Verlag, erschienen April 2016
Gebunden, 368 Seiten, mit Leseb├Ąndchen
ISBN 978-3-423-28073-0
21,90 Euro
Auch als E-Book erh├Ąltlich
www.dtv.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jagoda Marini─ç - Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?
In der hitzigen Debatte zur Fl├╝chtlingspolitik meldet sich die deutsch-kroatische Aktivistin und Autorin Jagoda Marini─ç mit der Forderung nach einem neuen nationalen Identit├Ątsverst├Ąndnis zu Wort und hinterfragt damit kritisch den deutschen Integrationsdiskurs der vergangenen Jahrzehnte. (2016)

I could be a refugee ÔÇô eine Botschaft, die nachdenklich macht. Setzt auch ihr ein Zeichen von Respekt und Solidarit├Ąt
Das Video beginnt mit verschiedenen, aneinandergereihten Nachrichtenmeldungen ├╝ber parlamentarische Sondersitzungen aufgrund der Fl├╝chtlingskrise, gewaltsame Vertreibungen, Tote, die es beim Versuch, die Grenze zu ├╝berqueren gegeben hat, Kritik an der Regierung wegen deren Fl├╝chtlingspolitik - alles Bilder und Szenen, die uns bekannt vorkommen d├╝rften. (2015)

Jenny Erpenbeck - Gehen, ging, gegangen
In Jenny Erpenbecks Roman taucht ein emeritierter Professor in die Fl├╝chtlingsbewegung um den Berliner Oranienplatz ein. Ein aktuelles Thema, das f├╝r den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert wurde. (2015)

Privatunterk├╝nfte f├╝r Fl├╝chtlinge - fluechtlingwillkommen.de - eine Initiative aus dem deutschen Film. Fl├╝chtlingwillkommen e.V.i.G.
Bundesweite Vermittlung m├Âglich. Einfache Einstellung von Wohnangeboten. Berechtigte Beh├Ârden k├Ânnen die Kontaktdaten einsehen und die Vermittlung einleiten. Mitmachen und Weitersagen! (2014)






Literatur Beitrag vom 26.08.2016 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken