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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.02.2012

Milena Magnani - Der gerettete Zirkus
Sonja Baude

Die italienische Autorin gibt den Ausgegrenzten eine Stimme. Sie erz√§hlt von un√ľberwindlichen Widrigkeiten, denen die Menschen in einem Roma-Camp ausgesetzt sind, von Wut und einer leisen Hoffnung.



Ein Themenschwerpunkt des aktuellen Amnesty Journals ist der gegenw√§rtige Rassismus in Osteuropa. Antihumanistisches Gedankengut und der Hass gegen Minderheiten sind in vielen L√§ndern weltweit gesellschaftsf√§hig und erm√∂glichten beispielsweise in Bulgarien im vergangenen Herbst eine Gro√üdemonstration gegen Roma. Auf der diesj√§hrigen Berlinale gewann der ungarische Film "Csak √† szel" (Nur der Wind) von Bence Fliegauf, der den ungarischen Rassismus gegen Roma thematisiert, den Gro√üen Preis der Jury. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund dieser politischen Aktualit√§t verdient "Der gerettete Zirkus", der bereits vor einem Jahr in der Edition Nautilus erschien, besondere Beachtung. Es ist die Geschichte √ľber den Alltag eines Camps, an der Peripherie einer italienischen Stadt, in dem Roma aus verschiedenen Herkunftsl√§ndern ihr Dasein bestreiten. Und es ist die Geschichte von Branko Hrabal, einem ungarischen Ger√ľstbauer, der als drei√üigj√§hriger Mann in dieses Lager kommt, im Gep√§ck ein gro√ües Geheimnis, verstaut in zehn Kisten.

In dem Moment, da der Erz√§hler anhebt zu seiner Erz√§hlung liegt er im Schlamm, mit sieben Messerstichen ermordet. Magnani hat sich damit f√ľr die Gattung des M√§rchens entschieden. Ihr Erz√§hler ist tot und kann jetzt umso sch√§rfer den Blick auf Vergangenheit und Gegenwart richten und Kontinuit√§ten ausloten. Erpicht darauf, das Geheimnis zu l√ľften, das sich in den Kisten verbirgt, h√§ngen die Kinder des Camps an Brankos Lippen und dr√§ngen ihn zum Weitererz√§hlen. Eine liebevolle Freundschaft entspinnt sich so nach und nach und macht die Lebensumst√§nde der Roma, gepr√§gt von Armut, Gewalt und Kriminalit√§t, f√ľr Momente vergessen. Vor allem aber weist Branko den Kindern einen Hoffnungsweg in die Zukunft.

Die Sozialwissenschaftlerin und Journalistin Magnani beschreibt die Lagerwirklichkeit der Roma, ihre Ausgrenzung am untersten Rande der Gesellschaft einerseits und die rigide Hierarchie innerhalb des Camps andererseits. Darin verkn√ľpft, erz√§hlt Branko von dem Verrat, der vor √ľber einem halben Jahrhundert an seinem stolzen Gro√üvater, dem Zirkusdirektor, ge√ľbt worden war. Er und s√§mtliche Mitglieder des Wanderzirkus¬ī wurden in den 1940er Jahren in Birkenau vernichtet, allein Brankos Vater √ľberlebte, hielt aber seine Herkunft stets geheim. Es ist Branko in der dritten Generation, der die Notwendigkeit des Erinnerns intuitiv begreift. In seiner Geschichte l√§sst er den Zirkus wieder lebendig werden und zollt damit seinen Vorfahren und ihren Traditionen tiefen Respekt. Magnani f√ľhrt vor, dass das Erz√§hlen vor dem Vergessen sch√ľtzt und in sich die einzige Waffe gegen die Marginalisierung von Menschen und ihren Lebensweisen birgt.

AVIVA-Tipp: Magnanis in Kisten verstauter Zirkus ist zuallererst eine Metapher. Mit ihm werden auch die Lebensgeschichten einer Roma-Familie vor dem Vergessen gerettet. Nach und nach l√ľftet der Erz√§hler und Au√üenseiter Branko die Geheimnisse seiner Herkunft und gew√§hrt den Kindern des Camps zudem einen hoffnungsvollen Blick auf eine m√∂gliche Zukunft an einem anderen Ort. Dieses poetische und zugleich sehr traurige M√§rchen ist ein Appell an die Menschlichkeit.

Zur Autorin: Milena Magnani wurde 1964 in Bologna geboren. Sie studierte Sozial- und Politikwissenschaften. Heute arbeitet sie als Journalistin und Dramaturgin. Der gerettete Zirkus ist ihr dritter Roman.

Zur √úbersetzerin: Maria Pflug wurde 1946 in Bad Kissingen geboren. Sie lebt als freie √úbersetzerin in Rom und M√ľnchen und √ľbersetzte u.a. Cesare Pavese, Natalia Ginzburg, P.P. Pasolini und Rosana Rossanda.


Milena Magnani
Der gerettete Zirkus

Edition Nautilus, erschienen 2011
Gebunden, 192 Seiten
ISBN 978-3-894-017392
18, 90 Euro



Literatur Beitrag vom 24.02.2012 Sonja Baude 





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