Marc Boettcher – Sing! Inge, sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 24.02.2017


Marc Boettcher – Sing! Inge, sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg
Ahima Beerlage

"Die eine Hälfte von mir ist emanzipiert, die andere überhaupt nicht", schrieb Inge Brandenburg über sich selbst. Sie war die beste Jazzsängerin Europas und doch Zeit ihres Lebens am Rande des Ruins. Mit dem gleichnamigen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2011 und dem nun..




... folgenden Buch wird ihre einzigartige Stimme aber auch ihre tragische Geschichte endlich gewürdigt.

Out of nowhere

Manchmal lässt uns ein Buch verletzt, traurig oder verwirrt zurück. Es ist dann Aufgabe der so berührten Leserin herauszufinden, wo genau uns dieses Buch trifft. Die Biografie Inge Brandenburgs hat die Rezensentin traurig und gleichzeitig froh zurückgelassen: traurig über die Anstrengungen der Sängerin, ihrer lieblosen und verletzenden Vergangenheit zu entfliehen und die Anerkennung zu finden, die sie verdient hat, froh darüber, diese wunderbare Stimme und Interpretation von längst bekannten und auch neuen Jazztiteln durch diese wunderbare Sängerin wieder zu entdecken.

Love for sale

Ihre Mutter ist 1913 als junges Mädchen nach Berlin gezogen, um die Großstadt zu erobern. Sie verdient ihr Geld als Bedienstete in einem Haushalt. Die großen Träume platzen, als der erste Weltkrieg ausbricht. Auch ihr Vater, der Schlossergeselle Paul Julius Brandenburg, ist mit großen Erwartungen nach Berlin gekommen. Er ist Anhänger von Karl Liebknecht und den Spartakisten und gerät bald ins Visier der Obrigkeit, weil er den Wehrdienst verweigert. 1918 wird er verhaftet. Nach seiner Haftentlassung findet er nie wieder eine lukrative Stelle und rutscht zunehmend ab. Er hält sich bereits durch Diebstahl über Wasser, als er Inges Mutter kennenlernt. Wirtschaftliche Not und politische Überzeugung ziehen die Familie in einen Strudel, der in der Nazizeit für beide im Konzentrationslager und für die inzwischen sechs Kinder im Heim endet. Den Eltern wird das Sorgerecht entzogen und Inge kommt in ein Heim für "Schwererziehbare Asoziale". War das Elternhaus durch den Existenzkampf schon kühl und gewalttätig, so ist die Strenge und Härte im Heim fast unerträglich für die eigenwillige Inge. Nach der Kapitulation des Nazistaates verlässt sie das Heim und will sich nach Westdeutschland durchschlagen. Auf der Flucht wird sie vergewaltigt. Ihr Talent, in späteren Jahren Menschen mit ihrem Jazzgesang tief zu berühren wurzelt in diesem ganz persönlichen Leid, das sie erfahren hat. Das graue Rauschen einer lieblosen Kindheit begleitet aber auch ihr privates Leben, macht sie bisweilen stachelig und unausstehlich. Zahlreiche Affären können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im Grunde einsam ist.

All of me

Ihre Jazzkarriere startet in den Soldatenclubs der Amerikaner nach dem Krieg. Hier lernt sie auch die Jazzgrößen der frühen Bundesrepublik kennen. Die Agentur für Truppenbetreuung der Alliierten organisieren ihr Auftritte quer durch das neue Westdeutschland. Sie tritt vor einfachen Soldaten und Offizieren auf. Stets gut gekleidet in selbstgeschneiderten Roben erlebt sie ihre beste und aufregendste Zeit als Sängerin. "Die Amerikaner waren ein zauberhaftes und dankbares Publikum. Ich war jemand. Und obwohl ich sehr unter den Nachstellungen der Musiker und Clubmanager litt, waren die nächsten acht Jahre die schönsten." Die Musik, die Bands und die Soldaten werden ihre neue Heimat, denn mit ihren Geschwistern hat sie sich auseinandergelebt, ihr Vater starb im Konzentrationslager Mauthausen, vom Tod ihrer Mutter erfährt sie über das Rote Kreuz. Sie wurde auf dem Transport vom Konzentrationslager Ravensbrück ins KZ Dachau ermordet. Inge Brandenburgs Stern steigt und steigt. 1954 reist sie zum ersten Mal ins Ausland zur Truppenbetreuung nach Libyen.

Schlager versus Jazz

Doch jenseits der G.I.-Clubs tut sich der Jazz schwer. In der Nazizeit als entartete Musik verboten, braucht der Jazz in Deutschland bis zum Anfang der sechziger Jahre, um einen eigenen Stil zu finden. Die beliebteste Sängerin ist Inge Brandenburg, gefolgt von Ingrid Werner und Caterina Valente. 1960 holt sie sich auch europäisch die Krone als beste deutsche Jazzsängerin. Inge Brandenburg sieht sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Doch der Druck der Plattenfirmen, auch Schlager zu singen, lastet schwer auf ihr. Sie will eine reine Jazzsängerin bleiben. Auch die PuritanerInnen unter den JazzkennerInnen wollen es so. Sängerinnen, die auch Schlager singen, werden nicht mehr zu den renommierten Jazzfestivals eingeladen. Andererseits lebt Inge Brandenburg mehr als bescheiden. Irgendwann lässt sie sich erweichen und veröffentlicht auch Schlager. Aber während Caterina Valente und später auch Gitte Haenning und Joy Flemming im Schlager Erfolge feiern, gelingt Inge Brandenburg dieser Durchbruch nie. Doch die wenigen Schlagertitel verzeihen ihr die Hüter des reinen Jazz nie. Auf der ohnehin von männlichen Musikern und Bandleadern bestimmten deutschen Jazzszene wird ihr Spiel- und Auftrittsraum immer kleiner. Auch ebbt der Jazzboom in den 70er Jahren ab. Inge Brandenburg verfällt immer mehr dem Alkohol. Betrunken ist sie aber unausstehlich und wird unflätig, was ihr auch kurzzeitige Aufenthalte in Ausnüchterungszellen und schlechte Schlagzeilen einbringt. Sie endet schließlich einsam und verarmt. Die Musikgeschichte in Deutschland begräbt sie unter Popmusik und Ignoranz. Dem Autor und Filmemacher Marc Boettcher haben wir es zu verdanken, dass ihr posthum die Ehre gebührt, die sie verdient hat.

Zum Autor: Marc Boettcher in Berlin geboren, studierte nach seiner Schauspielausbildung Theaterwissenschaft und Germanistik. Er arbeitet seit 1988 als Dramaturg, Regisseur und Autor. Er leitete ein Theater und war auf der Bühne und im Film zu sehen. Hunderte deutsche Synchronfassungen entstanden unter seiner Federführung. Neben zahlreichen Essays veröffentlichte er Biographien über die Sängerin Alexandra und den Komponisten Bert Kaempfert. Seine Fernsehporträts über Alexandra, Bert Kaempfert, Gitte Haenning und Rosenstolz machten Furore und wurden von einem Millionenpublikum gesehen. Mit der Wiederentdeckung von Inge Brandenburg gelang ihm ein weiterer Coup. Film und CD erhielten u.a. den "Preis der deutschen Schallplattenkritik". (Quelle: Verlag parthas berlin)

AVIVA-Tipp: Inge Brandenburg (geboren am 18. Februar 1929 in Leipzig, gestorben am 23. Februar 1999 in München), die größte deutsche Jazzsängerin in der frühen Bundesrepublik, scheiterte an ihrer persönlichen Vergangenheit, an der rassistischen Verteufelung des Jazz durch die Nazis und an der patriarchalen Musikszene der sechziger und siebziger Jahre. Dass sie nicht gänzlich vergessen wird, dafür sorgen dieses Buch und der gleichnamige Film. Eine berührende und gleichzeitig erhellende Lektüre über eine bemerkenswerte und gleichzeitig tragische Musikerin, die nicht nur für Musikfreundinnen spannend erzählt ist.

Marc Boettcher
Sing! Inge, Sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg
Mit einem Vorwort von Emil Mangelsdorff

Gebundene Ausgabe, 300 Seiten, s/w illustriert
Parthas Verlag Berlin, Auflage: 1 (29. Februar 2016)
ISBN: 978-3869641133
24.00 Euro
www.parthasverlag.de

Inge Brandenburg im Netz (von Marc Boettcher):
www.inge-brandenburg.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sing, Inge, sing - Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg. Der Film
Schon mal von der "deutschen Billie Holiday" gehört? Nein? "Die Zeit war nie reif für mich", sagte Inge Brandenburg einst in einem Interview. Die zu Lebzeiten gefeierte und gleichzeitig verkannte Jazz-Virtuosin führt bisher ein Schattendasein in der deutschen Musikgeschichtsschreibung. Der Dokumentarfilm von Marc Boettcher begibt sich auf Spurensuche. (2011)

Frauen im Jazz, ein Film von Greta Schiller und Andrea Weiss
Greta Schiller und Andrea Weiss zeichnen ein detailliertes Portrait von einer der allerersten All-Female-Gruppen in der Musikgeschichte. Die International Sweethearts Of Rhythm waren eine 16köpfige Jazz-Big-Band, deren bunte Crew aus feminin charismatischen Persönlichkeiten in den 40er Jahren bewies, wieviel Power, Talent, Elan und Esprit Frauen haben können, entgegen der damaligen öffentlichen Meinung, Musik machen sei "doch eher Männersache". (2007)

Julia Blackburn - Billie Holiday
Die Autorin entwirft ein leidenschaftliches Portrait einer der größten Jazzsängerin des 20. Jahrhunderts, deren hartes Leben bereits im Alter von nur vierundvierzig Jahren zu Ende ging. (2008)

Ella Fitzgerald - We all love Ella
In diesem Jahr wäre Ella Fitzgerald neunzig Jahre alt geworden. Eine Riege von erstklassigen MusikerInnen zollen ihr Tribut, der Frau, die auch unter dem Namen Lady Ella oder First Lady of Song bekannt ist. (2007)


Literatur

Beitrag vom 24.02.2017

Ahima Beerlage 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur