Arno Gruen - Wider die kalte Vernunft - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   JĂŒdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   JĂŒdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.04.2017

Arno Gruen - Wider die kalte Vernunft
Nea Weissberg

Der letzte Band des Psychoanalytikers, Psychologen, Neurologen und Therapeuten wurde posthum publiziert. Das Buch reiht sich thematisch ein in sein mehrbĂ€ndiges literarisches Werk "Wider den Gehorsam" und "Wider den Terrorismus". Gruen analysiert die psychologischen und sozialen HintergrĂŒnde fĂŒr Gewalt und Diskriminierung in Relation zur AutoritĂ€tsglĂ€ubigkeit.



In seinem Buch "Wider die kalte Vernunft" setzt sich Gruen kritisch mit der mangelnden Empathie-FÀhigkeit und Kooperation, der schwachen sozialen EmpfÀnglichkeit des modernen Menschen auseinander. Gruen hinterfragt die Werte von Rationalisierung, Konkurrenz, Macht, AggressivitÀt, Dominanz, StÀrke und Erfolg.

Arno Gruen wurde am 26. Mai 1923 in Berlin geboren. Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus, Rassismus, der legalisierten Entrechtung der Juden im Berufsumfeld und Alltag im nationalsozialistisch regierten Deutschland der 1930er Jahre, sahen seine Eltern eine neue Ära der Furcht, UnterdrĂŒckung, Terror und Gewalt auf die Menschen zukommen.
Seine Familie entschied sich zur Flucht. Der Fluchtweg verlief ĂŒber Polen, DĂ€nemark in die USA. Nach eigenen Angaben nahm der zwölfjĂ€hrige Arno auf dieser Flucht drei BĂŒcher mit, die ihm wichtig waren: einen Band mit Gedichten von Chaim Nachman Bialik, ein Lexikon, und den Tanach. In Polen feierte Arno Gruen noch am 6. Juni 1936 seine Bar Mitzwa in dem eindrucksvollen Tempel "Große Synagoge Warschau".
Arno Gruen studierte Psychologie in New York. Er leitete ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in New Yorker Stadtteil Harlem und eröffnete 1958 eine psychoanalytische Praxis. Seit 1979 lebte und praktizierte Gruen in ZĂŒrich.

Als Psychoanalytiker fĂŒhrt er das Erlernen und Erleben von MitgefĂŒhl auf die frĂŒhe Mutter-Kind-Beziehung, bzw. auf eine bestimmende emotional versorgende Bezugsperson zurĂŒck.

Wer als Kind kein MitgefĂŒhl, keine NestwĂ€rme, fĂŒrsorgliche Zuwendung und WertschĂ€tzung erlebt hat, könnte diese fehlenden Emotionen durch kalte Vernunft ersetzen und in Folge riskieren, ein willfĂ€hriges Werkzeug fĂŒr autoritĂ€re Ideologien oder religiöse fanatische Ideen zu werden, so Arno Gruens Thesen.

In Anlehnung an einen mĂ€chtigen FĂŒhrer wĂŒrden unfreie Untergebene und gehorsam funktionierende Menschen nicht mehr die sozialen und menschlichen Konsequenzen ihrer eigenen aggressiven Handlungen vorwegnehmen mĂŒssen.
Aufgrund der Identifizierung mit einem machtvollen Aggressor, resultiert die Loslösung des eigenen Verantwortungsbewusstseins, was einer Schuldentlastung gleichkommt.

Wie die ZusammenfĂŒhrung der Interaktion der linken und rechten GehirnhĂ€lfte die Empathie-Kompetenz fördern kann...

Gruen beschĂ€ftigt sich mit der Evolution des menschlichen Tuns, mit der FrĂŒhgeschichte von Kooperations- und Empathie basierten Verhaltensmustern. Er analysiert hierbei die Funktion der rechten und linken GehirnhĂ€lften.
Die Formierung des Gehirns in der frĂŒhen Bindungsphase eines Kleinkindes wird davon geprĂ€gt, wie in dieser Phase die beiden GehirnhĂ€lften interagieren. Die linke GehirnhĂ€lfte, die die rechte Körperseite steuert und in der erfahrungsgemĂ€ĂŸ das Sprachzentrum von RechtshĂ€ndern verortet ist, wird gewöhnlich als dominant angesehen.
Hingegen wird die rechte GehirnhÀlfte, die die linke KörperhÀlfte regelt, als nicht dominant betrachtet. Gruen sagt jedoch, dass die rechte Gehirnseite die Ganzheit im Fokus hat und Teilaspekte innerhalb eines Zusammenhanges feinsinnig begreift. Hingegen die linke GehirnhÀlfte, die nur einzelne, voneinander isolierte Feinheiten wahrnimmt, das abstrakte Denken bestimmt.

Gruen verdeutlicht die Folgen von Gehorsam und von mangelndem MitgefĂŒhl, stellt einen Zusammenhang mit dem Aushalten von frĂŒhkindlich seelisch erlebtem Schmerz dar. Eine Gesellschaft, die Schmerz und Leid als einen Ausdruck der SchwĂ€che stigmatisiert, ignoriert, dass die daraus resultierenden GefĂŒhle wiederum in emotionale HĂ€rte und Gewalt umkippen können.

Das UnterdrĂŒcken und in Abrede stellen von Schmerz setzt Opioide, speziell Endorphine frei, was die Linderung von Schmerz neurochemisch verhindert. Wenn der Schmerz eines Menschen nicht durch ihm achtungsvoll zugeneigte Menschen gelindert wird, kann daraus ein Boden fĂŒr Aggressionen wachsen.

Arno Gruen bevorzugt eine pĂ€dagogische Erziehung, die den Ausdruck von mitmenschlichen GefĂŒhlen zulĂ€sst und positiv bewertet. Es ist sein PlĂ€doyer gegen absichtsvolle Destruktion, Folter und Mord, die allein von der Spezies Mensch willentlich verursacht wird.

AVIVA-Tipp: Ein Buch fĂŒr PĂ€dagoginnen und PĂ€dagogen, Psychologinnen und Psychologen, das aufzeigt, wie wichtig es ist, kindliche GefĂŒhle nicht zu manipulieren, diese nicht zu maßregeln, sondern Kinder in liebevoller FĂŒrsorge zu begleiten.
Denn wie Arno Gruen sagt: "Empathie ist das elementarste und Àlteste Medium der Wahrnehmung und des Umgangs mit uns selbst und unserer Umgebung."

Zum Autor: Arno Gruen 1923 in Berlin geboren, emigrierte 1936 in die USA. Nach dem Studium der Psychologie leitete er ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem. 1961 promovierte Arno Gruen als Psychoanalytiker bei Theodor Reik. Es folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. Daneben fĂŒhrte er seit 1958 eine psychoanalytische Privatpraxis in ZĂŒrich, wo er seitdem lebte und praktizierte.
Seit Ende der 1960er Jahre veröffentlichte er AufsÀtze zu den Grundthemen seines Denkens.
In seinen zahlreichen Veröffentlichungen beschĂ€ftigt sich Arno Gruen mit den psychologischen Ursachen fĂŒr AutoritĂ€tsglĂ€ubigkeit, Diskriminierung, Gewalt und Diktatur sowie den emotionalen Voraussetzungen fĂŒr Demokratie. In seinem Buch "Der Wahnsinn der NormalitĂ€t. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen DestruktivitĂ€t" untersucht er am Beispiel von Hans Frank und anderen NS-TĂ€tern, wie diese sich nach 1945 den neuen MachtverhĂ€ltnissen anpassten.
FĂŒr sein Werk "Der Fremde in uns" erhielt Gruen im Jahr 2001 den Geschwister-Scholl-Preis.
Am 20. Oktober 2015 starb Arno Gruen im Alter von 92 Jahren.


Arno Gruen
Wider die kalte Vernunft

Klett-Cotta Verlag, erschienen 2016
Klappenbroschur, 141 Seiten
ISBN 978-3-608-94903-2
12,00 EUR
www.klett-cotta.de

Arno Gruen ĂŒber Empathie:
www.youtube.com

Arno Gruen ĂŒber Empathie versus Kognition:
www.youtube.com

Literatur Beitrag vom 08.04.2017 Nea Weissberg 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken