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AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 08.04.2017


Arno Gruen - Wider die kalte Vernunft
Nea Weissberg

Der letzte Band des Psychoanalytikers, Psychologen, Neurologen und Therapeuten wurde posthum publiziert. Das Buch reiht sich thematisch ein in sein mehrbändiges literarisches Werk "Wider den Gehorsam" und "Wider den Terrorismus". Gruen analysiert die psychologischen und sozialen Hintergründe für Gewalt und Diskriminierung in Relation zur Autoritätsgläubigkeit.




In seinem Buch "Wider die kalte Vernunft" setzt sich Gruen kritisch mit der mangelnden Empathie-Fähigkeit und Kooperation, der schwachen sozialen Empfänglichkeit des modernen Menschen auseinander. Gruen hinterfragt die Werte von Rationalisierung, Konkurrenz, Macht, Aggressivität, Dominanz, Stärke und Erfolg.

Arno Gruen wurde am 26. Mai 1923 in Berlin geboren. Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus, Rassismus, der legalisierten Entrechtung der Juden im Berufsumfeld und Alltag im nationalsozialistisch regierten Deutschland der 1930er Jahre, sahen seine Eltern eine neue Ära der Furcht, Unterdrückung, Terror und Gewalt auf die Menschen zukommen.
Seine Familie entschied sich zur Flucht. Der Fluchtweg verlief über Polen, Dänemark in die USA. Nach eigenen Angaben nahm der zwölfjährige Arno auf dieser Flucht drei Bücher mit, die ihm wichtig waren: einen Band mit Gedichten von Chaim Nachman Bialik, ein Lexikon, und den Tanach. In Polen feierte Arno Gruen noch am 6. Juni 1936 seine Bar Mitzwa in dem eindrucksvollen Tempel "Große Synagoge Warschau".
Arno Gruen studierte Psychologie in New York. Er leitete ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in New Yorker Stadtteil Harlem und eröffnete 1958 eine psychoanalytische Praxis. Seit 1979 lebte und praktizierte Gruen in Zürich.

Als Psychoanalytiker führt er das Erlernen und Erleben von Mitgefühl auf die frühe Mutter-Kind-Beziehung, bzw. auf eine bestimmende emotional versorgende Bezugsperson zurück.

Wer als Kind kein Mitgefühl, keine Nestwärme, fürsorgliche Zuwendung und Wertschätzung erlebt hat, könnte diese fehlenden Emotionen durch kalte Vernunft ersetzen und in Folge riskieren, ein willfähriges Werkzeug für autoritäre Ideologien oder religiöse fanatische Ideen zu werden, so Arno Gruens Thesen.

In Anlehnung an einen mächtigen Führer würden unfreie Untergebene und gehorsam funktionierende Menschen nicht mehr die sozialen und menschlichen Konsequenzen ihrer eigenen aggressiven Handlungen vorwegnehmen müssen.
Aufgrund der Identifizierung mit einem machtvollen Aggressor, resultiert die Loslösung des eigenen Verantwortungsbewusstseins, was einer Schuldentlastung gleichkommt.

Wie die Zusammenführung der Interaktion der linken und rechten Gehirnhälfte die Empathie-Kompetenz fördern kann...

Gruen beschäftigt sich mit der Evolution des menschlichen Tuns, mit der Frühgeschichte von Kooperations- und Empathie basierten Verhaltensmustern. Er analysiert hierbei die Funktion der rechten und linken Gehirnhälften.
Die Formierung des Gehirns in der frühen Bindungsphase eines Kleinkindes wird davon geprägt, wie in dieser Phase die beiden Gehirnhälften interagieren. Die linke Gehirnhälfte, die die rechte Körperseite steuert und in der erfahrungsgemäß das Sprachzentrum von Rechtshändern verortet ist, wird gewöhnlich als dominant angesehen.
Hingegen wird die rechte Gehirnhälfte, die die linke Körperhälfte regelt, als nicht dominant betrachtet. Gruen sagt jedoch, dass die rechte Gehirnseite die Ganzheit im Fokus hat und Teilaspekte innerhalb eines Zusammenhanges feinsinnig begreift. Hingegen die linke Gehirnhälfte, die nur einzelne, voneinander isolierte Feinheiten wahrnimmt, das abstrakte Denken bestimmt.

Gruen verdeutlicht die Folgen von Gehorsam und von mangelndem Mitgefühl, stellt einen Zusammenhang mit dem Aushalten von frühkindlich seelisch erlebtem Schmerz dar. Eine Gesellschaft, die Schmerz und Leid als einen Ausdruck der Schwäche stigmatisiert, ignoriert, dass die daraus resultierenden Gefühle wiederum in emotionale Härte und Gewalt umkippen können.

Das Unterdrücken und in Abrede stellen von Schmerz setzt Opioide, speziell Endorphine frei, was die Linderung von Schmerz neurochemisch verhindert. Wenn der Schmerz eines Menschen nicht durch ihm achtungsvoll zugeneigte Menschen gelindert wird, kann daraus ein Boden für Aggressionen wachsen.

Arno Gruen bevorzugt eine pädagogische Erziehung, die den Ausdruck von mitmenschlichen Gefühlen zulässt und positiv bewertet. Es ist sein Plädoyer gegen absichtsvolle Destruktion, Folter und Mord, die allein von der Spezies Mensch willentlich verursacht wird.

AVIVA-Tipp: Ein Buch für Pädagoginnen und Pädagogen, Psychologinnen und Psychologen, das aufzeigt, wie wichtig es ist, kindliche Gefühle nicht zu manipulieren, diese nicht zu maßregeln, sondern Kinder in liebevoller Fürsorge zu begleiten.
Denn wie Arno Gruen sagt: "Empathie ist das elementarste und älteste Medium der Wahrnehmung und des Umgangs mit uns selbst und unserer Umgebung."

Zum Autor: Arno Gruen 1923 in Berlin geboren, emigrierte 1936 in die USA. Nach dem Studium der Psychologie leitete er ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem. 1961 promovierte Arno Gruen als Psychoanalytiker bei Theodor Reik. Es folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. Daneben führte er seit 1958 eine psychoanalytische Privatpraxis in Zürich, wo er seitdem lebte und praktizierte.
Seit Ende der 1960er Jahre veröffentlichte er Aufsätze zu den Grundthemen seines Denkens.
In seinen zahlreichen Veröffentlichungen beschäftigt sich Arno Gruen mit den psychologischen Ursachen für Autoritätsgläubigkeit, Diskriminierung, Gewalt und Diktatur sowie den emotionalen Voraussetzungen für Demokratie. In seinem Buch "Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität" untersucht er am Beispiel von Hans Frank und anderen NS-Tätern, wie diese sich nach 1945 den neuen Machtverhältnissen anpassten.
Für sein Werk "Der Fremde in uns" erhielt Gruen im Jahr 2001 den Geschwister-Scholl-Preis.
Am 20. Oktober 2015 starb Arno Gruen im Alter von 92 Jahren.


Arno Gruen
Wider die kalte Vernunft

Klett-Cotta Verlag, erschienen 2016
Klappenbroschur, 141 Seiten
ISBN 978-3-608-94903-2
12,00 EUR
www.klett-cotta.de

Arno Gruen über Empathie:
www.youtube.com

Arno Gruen über Empathie versus Kognition:
www.youtube.com


Literatur

Beitrag vom 08.04.2017

Nea Weissberg 






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