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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.05.2017

Zwiegespr√§che ‚Äď Zeichnungen und Aquarelle Maria Lassnigs. Bildband zur Retrospektive in der Albertina in Wien vom 5. Mai bis 27. August 2017
Lisa Baurmann

Maria Lassnig gilt heute als eine der bedeutendsten europ√§ischen K√ľnstlerinnen des 20. Jahrhunderts, sicher jedoch als die bedeutendste Malerin √Ėsterreichs. Mit ausgew√§hlten Zeichnungen und Aquarellen er√∂ffnen...



... die Wiener Ausstellung und der zugehörige Bildband eine neue Perspektive auf ihr beeindruckend facettenreiches Werk.

Maria Lassnig malte und zeichnete √ľberwiegend Selbstportraits. Keine minuti√∂sen, realistischen Studien ihres Gesichts, auch keine Inszenierungen des Selbst mit Maske und Requisite. Die 2013 im Alter von 94 Jahren verstorbene K√ľnstlerin taufte ihre eigenen Werke "K√∂rpergef√ľhlszeichnungen": Das bedeutete f√ľr sie, dass sie die vielf√§ltigen Eindr√ľcke der Sinnesorgane w√§hrend des Entstehungsprozesses im Bild festhielt. Einzelne Merkmale ihres Gesichts und K√∂rpers sind dementsprechend vergr√∂√üert, verkleinert, verzerrt oder weggelassen. Was wie bewusste Verfremdung anmutet, war f√ľr Lassnig dagegen eine andere Art der Wahrnehmung:

"Was als Deformierung der Realit√§t erscheint, ist keine, weil die Realit√§t auf einer anderen Ebene, der Gef√ľhlsebene, stattfindet."

Gef√ľhls- und Gedankenfarben

Immer wieder arbeitete Lassnig in √Ėlbildern, Aquarellen und auch in mit Gouachen ummalten Zeichnungen mit Farben, die die dargestellte Gef√ľhlswelt unterstreichen. Sie selbst beschrieb ihre beeindruckende Palette so:

"Die Stirne bekommt eine Gedankenfarbe, die Nase eine Geruchsfarbe, R√ľcken, Arme und Beine Fleischdeckenfarbe, es gibt Schmerzfarben und Qualfarben, Nervenstrangfarben, Druck- und V√∂llefarben, Streck- und Pre√üfarben, H√∂hlungs- und W√∂lbungsfarben, Quetsch- und Brandfarben, Todes- und Verwesungsfarben, Krebsangstfarben ‚Äď das sind Wirklichkeitsfarben."

Von innen nach außen schauen

Was die 1919 im √∂sterreichischen K√§rnten geborene K√ľnstlerin mit ihrer Art des Abbildens schon in den sp√§ten 1940er Jahren begann, war eine Umkehrung der tradierten Rollenverteilung in der Malerei. Wo traditionell der weibliche Akt zum Objekt des m√§nnlichen Voyeurismus durch K√ľnstler und Betrachter wird, allzu oft namenlos, austauschbar, ohne Stimme, wandte Lassnig die Betrachtungsrichtung von innen nach au√üen: Ihre Gef√ľhls- und Gedankenwelt flie√üt in den abgebildeten weiblichen K√∂rper, sodass dieser nicht mehr blo√ües Betrachtungsobjekt ist, sondern auf eine intime und direkte Weise zu den Betrachter_innen spricht. Damit leistete sie die Arbeit einer Pionierin auf dem Feld der Auseinandersetzung mit K√∂rper und Geschlechterverh√§ltnissen, die feministische K√ľnstler_innen seit den 1970er Jahren aufgreifen.

"Ein Aquarell ist wie eine Liebesbeziehung"

Die Zeichnungen und Aquarelle, die f√ľr den Bildband ausgew√§hlt worden sind, sprechen oft noch eine zus√§tzliche Sprache, insofern ihnen von Lassnig, meist mit Bleistift, Titel und Textzeilen eingeschrieben worden sind. Die Worte helfen oft, die Werke zu deuten, manchmal geben sie ihnen auch einen ironischen Kontext. Ein Blatt aus dem Jahr 1989 etwa, das undeutliche Formen in vornehmlich rot-violetten Aquarellt√∂nen zeigt, ist √ľberschrieben mit "Ein Aquarell ist wie eine Liebesbeziehung: Nachtr√§gliche Verbesserung unm√∂glich". Im Vergleich zu den √Ėlgem√§lden entsteht hier also eine noch direktere Beziehung zur Betrachterin, da die K√ľnstlerin gleich auf zwei Ebenen zu ihr spricht. In Wortwahl und Stil der Zeilen wird offenbar, dass Lassnig sich nicht nur mit dem Zeichnen, sondern auch eingehend mit dem Schreiben besch√§ftigt hat.

Einblick in den k√ľnstlerischen Prozess

Den Effekt der sprachlichen Mitteilungen verst√§rkt die Gestaltung des Bildbands noch, indem den Tafeln mit Einzelwerken oder Serien jeweils geschickt gew√§hlte Zitate der K√ľnstlerin gegen√ľbergestellt sind. Diese lassen sich teils auf die jeweiligen Werke beziehen und geben ihnen zus√§tzlichen Kontext, aber vor allem lassen sie einen tiefen Einblick in die k√ľnstlerische Herangehensweise Maria Lassnigs zu. Die Textbeitr√§ge von Antonia Hoerschelmann, Anita Haldemann und Barbara Reisinger bieten eine zus√§tzliche, aufschlussreiche Einordnung der abgebildeten Werke in die verschiedenen Schaffensperioden und Lebensabschnitte der K√ľnstlerin sowie ein Analyse ihres Schaffensprozesses. Im Interview mit Ralph Ubl setzt die Malerin Miriam Cahn Lassnigs Werk zu den eigenen Arbeiten und zu feministischen Str√∂mungen in der Kunst in Beziehung.

Retrospektive bis zum 27. August in Wien

Insgesamt 80 ausgew√§hlte Zeichnungen und Aquarelle aus dem Lebenswerk der K√ľnstlerin sind vom 5. Mai bis zum 27. August 2017 in der Albertina in Wien ausgestellt. Die Retrospektive und der zugeh√∂rige Bildband tragen den Titel "Maria Lassnig ‚Äď Zwiegespr√§che" und sind in Kooperation mit dem Kunstmuseum Basel entstanden, das die Ausstellung seinerseits ab Mai 2018 beherbergen wird.

AVIVA-Tipp: Bis ins hohe Alter zeichnete und malte Maria Lassnig unerm√ľdlich ihre vielschichtigen, fesselnden Selbstbildnisse. Der Bildband l√§sst die K√ľnstlerin mit feinf√ľhlig ausgew√§hlten Werken und Zitaten f√ľr sich sprechen und bietet so einen ausgezeichneten Einblick in ihr Schaffen.

Zur K√ľnstlerin: Maria Lassnig wird 1919 in Garzern im √∂sterreichischen K√§rnten geboren. Zun√§chst wird sie Volksschullehrerin in Klagenfurth. 1940 bis 1945 studiert sie Malerei an der Akademie der bildenden K√ľnste in Wien. In den fr√ľhen 1950er Jahren ist sie Mitglied des Wiener Art Club und der Hundsgruppe. 1960 zieht sie nach Paris, wo sie sich verst√§rkt mit dem Tachismus auseinandersetzt. Im Jahr 1968 folgt ihr Umzug nach New York, das bis 1980 ihre Wahlheimat bleiben sollte. In den USA wendet sie sich zunehmend dem Realismus zu und erforscht neue Techniken wie Siebdruck und Filmanimation. Hier entsteht der Preisgekr√∂nte Trickfilm "Selfportrait" und Lassnig wird Mitbegr√ľnderin der "Women/Artist/Filmmakers, Inc." 1980 vertritt sie √Ėsterreich gemeinsam mit VALIE EXPORT bei der Biennale in Venedig und wird an die Wiener Hochschule f√ľr angewandte Kunst berufen. Bis 1989 ist sie dort Leiterin der Meisterklasse f√ľr Gestaltungslehre ‚Äď Experimentelles Gestalten mit dem Schwerpunkt Malerei und Animationsfilm. 1988 wird Lassnig der Gro√üe √Ėsterreichische Staatspreis im Bereich Bildende Kunst verliehen, der damit erstmals an eine Frau geht. Seit den 2000er Jahren wird ihr zunehmende internationale Anerkennung zuteil, die sich in zahlreichen Preisen und Auszeichnungen sowie Einzelausstellungen in √Ėsterreich, Deutschland, London und New York √§u√üert. 2002 erh√§lt sie als erste K√ľnstlerin den Rubenspreis der Stadt Siegen. F√ľr ihr Lebenswerk wird ihr im Jahr 2013 wird ihr der Goldene L√∂we der Biennale Venedig verliehen. Am 6. Mai 2014 verstirbt Maria Lassnig im Alter von 94 Jahren in Wien. Auf ihren Tod folgen Retrospektiven in Barcelona, Liverpool, New York, Wien, Aalborg, Essen, Florenz, Athen und Prag.
Mit Maria Lassnigs posthum zunehmendem Bekanntheitsgrad ist auch ihr Verh√§ltnis zum Nationalsozialismus in √Ėsterreich w√§hrend ihrer Studienzeit diskutiert worden. In Nachrufen wurde teilweise behauptet, dass ihre Malerei als "entartete Kunst" galt und sie aus diesem Grund die Akademie verlassen musste. Aus historischen Dokumenten geht jedoch hervor, dass sie 1945 regul√§r ihren Abschluss machte und sowohl als Studentin als auch als Absolventin mit Stipendien gef√∂rdert wurde. Maria Lassnig selbst hat sich 2006 gegen√ľber der Kleinen Zeitung √ľber ihre Probleme mit dem unter den Nationalsozialist_innen vorherrschenden Kunstverst√§ndnis sowie Gefahren durch ihre freundschaftliche Beziehung zu einem franz√∂sischen "Fremdarbeiter" ge√§u√üert, dabei aber deutlich gemacht: "Ich bin keine Verfolgte, wirklich nicht."

Mehr Informationen zu Maria Lassnigs Werken und kommenden Ausstellungen:
www.marialassnig.org

Maria Lassnig ‚Äď Zwiegespr√§che
Texte von Antonia Hoerschelmann, Anita Haldemann, Barbara Reisinger
Mit einem Interview von Ralph Ubl mit Miriam Cahn
Hrsg. Antonia Hoerschelmann und Anita Haldemann
Hirmer Verlag, erschienen: Mai 2017
Gebunden, 240 Seiten, 159 Abbildungen
Sprache: Deutsch und Englisch
ISBN: 978-3-7774-2832-1
Preis: 39,90 Euro
www.hirmerverlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

So viel Energie - K√ľnstlerinnen in der dritten Lebensphase
Hanna Gagel zeigt das Sp√§twerk von 16 K√ľnstlerinnen, die bis ins hohe Alter hinein neue Ans√§tze in ihrer Kunst fanden. Maria Lassnig, Marianne Werefkin, K√§the Kollwitz, Helen Dahm und viele mehr werden kurz in ihrer k√ľnstlerischen Entwicklung vorgestellt, bevor die kreative Arbeit der sp√§ten Jahre eingehend erl√§utert wird. (2005)


Literatur Beitrag vom 24.05.2017 AVIVA-Redaktion 





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