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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.07.2017

Rana Foroohar - Makers and Takers. Der Aufstieg des Finanzwesens und der Absturz der Realwirtschaft
Helga Egetenmeier

Der erste G20-Gipfel 2008 in Washington war die Antwort auf die globale Banken- und Finanzkrise. Nun fand in Hamburg ein G20-Gipfel mit einem US-Präsidenten statt, der den US-Banken mehr Freiheiten gewährt. Dagegen schreibt die angesehene US-Wirtschaftsjournalistin Rana Foroohar mit ihrem...



... bereits vor Trumps Wahlerfolg geschriebenen Buch an und warnt vor einer neuen weltweiten Krise durch die unkontrollierte Ausweitung des Finanzwesens.

√úber 20 Jahre Erfahrung als US-amerikanische Unternehmens- und Wirtschaftsjournalistin stecken in Rana Foroohars Buchver√∂ffentlichung "Makers and Takers".Sie stellt in ihrer Analyse den Finanzsektor in den Mittelpunkt und betrachtet ihn als Teil globalisierter Unternehmen, lokal gebundener Arbeitnehmer*innen und einer - durch Politiker*innen bestimmten - nationalen Gesetzgebung. Ihre These besagt, dass der √ľberdimensionierte Finanzsektor das produzierende kapitalistische Marktsystem immer weiter verdr√§ngt und somit die Stabilit√§t der Gesellschaft nachhaltig bedroht.

Mit √ľberzeugenden Beispielen unterf√ľttert sie ihre Argumente gegen die vorherrschende Orientierung auf hohe Aktienkurse, die alle weiteren unternehmerischen Ans√§tze in den Hintergrund dr√§ngen. Anschaulich zeigt sie dies unter anderem an der Umorientierung von Apple auf Aktiengewinne statt produktiver Innovationsentwicklung, die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers, die mit Steuergeldern gerettete City Group und dem in das irische Steuerparadies gefl√ľchteten Pharmariesen Pfister.

Main Street und Wall Street - Makers und Takers

"Makers and Takers", im Buch w√∂rtlich als "Macher und Kassierer" √ľbersetzt, nutzt die Autorin auch als Synonyme f√ľr "Main Street und Wall Street". Sie greift damit gezielt die aus dem US-Wahlkampf 2012 stammenden Begrifflichkeiten auf. Dort wurden diese - √ľbersetzt als "Unternehmer und Sozialhilfeempf√§nger"- wie Foroohar schreibt: "von konservativen Politikern verwendet, um die H√§lfte der US-Bev√∂lkerung zu verunglimpfen".

Foroohar nimmt die Kassierer*innen der Wall Street in den Blick und zeigt, dass diese die negativen Folgen f√ľr die Realwirtschaft und deren Arbeitspl√§tze bewusst in Kauf nehmen. Da √Ėl heute kein Brennstoff mehr ist, sondern eine Finanzanlage, wie auch Nahrungsmittel Spekulationsobjekte sind, zieht sie aus diesem Verhalten das Fazit: "F√ľr viele Menschen machte dies so grundlegende Dinge wie Essen buchst√§blich unerschwinglich."

Der kleine, mächtige Finanzsektor

Zu ihrer Kritik des Finanzsektor geh√∂rt, dass dieser nur einen minimaler Beitrag f√ľr die Gesamtwirtschaft der USA leistet: Mit 7 % macht der Finanzsektor einen geringen Teil der US-Volkswirtschaft aus, schafft nur 4 % der Arbeitspl√§tze und ist dennoch f√ľr einen Gro√üteil der Unternehmensgewinne - 1/3 aller Unternehmensgewinne auf dem H√∂hepunkt des Immobilienbooms - verantwortlich.

Mehrfach widerlegt die Autorin die verbreitete Argumentation, dass Geld - also reiche Unternehmer*innen - Arbeitspl√§tze schaffen w√ľrden und nennt dies einen weit verbreiteten Mythos. So besch√§ftigte die Firma Kodak im Jahr 1990 noch 145.000 Arbeitnehmer*innen, dies reduzierte sich bis 2013 auf nur noch 8.000 Besch√§ftigte, da das Unternehmen ihr innovatives Produktionsverhalten zugunsten steigender Aktienkurse zur√ľckfuhr.

Eine gerechtere Welt durch den richtigen Kapitalismus?

Die Autorin bekennt sich zum, wie sie ihn sieht, richtigen Kapitalismus der Realwirtschaft, dessen gesellschaftsstabilisierende Funktionen durch die Finanzwirtschaft bedroht sind. In ihrem letzten Kapitel "Wie man das Finanzwesen wieder in den Dienst von Wirtschaft und Gesellschaft stellen k√∂nnte" fordert sie in eing√§ngigem "Wir-Stil" alle Leser*innen zum Handeln auf. Keine Ansprechpartner*innen sind f√ľr sie soziale Bewegungen, oder Kapitalismuskritiker*innen wie Naomi Klein, diese finden auch in ihren Ausf√ľhrungen keinen Platz. Obwohl sie sehr deutliche und kritische Worte findet, vermeidet sie es, das globale Wirtschaftssystem als Ganzes in Frage zu stellen.

AVIVA-Tipp: Rana Foroohar kritisiert das destabilisierende Machtungleichgewicht zwischen der wachsenden Finanzwirtschaft und der zur√ľckweichenden Realwirtschaft. Sie ist sich sicher, dass durch diese Entwicklung weitere Teile der Bev√∂lkerung verarmen werden. Obwohl sie kapitalismuskritische Argumentationen meidet, liefert ihr Buch durch packende Beispiele, kritische Worte und nicht zuletzt einen eing√§ngigen Schreibstil wichtige Informationen. Ihre konkreten Ausf√ľhrungen der am Finanzsektor ausgerichteten Wirtschaftsentscheidungen lassen weniger eingeweihte Leser*innen die t√§glichen B√∂rsennachrichten leichter dechiffrieren - und machen auch nachvollziehbar, weshalb Tweets vom aktuellen US-Pr√§sidenten Aktienkurse beeinflussen k√∂nnen.

Zur Autorin: Rana Foroohar, geboren 1970 in Frankfort, Indiana, studierte an der Columbia Universit√§t Englische Literatur. 13 Jahre war sie Redaktionsleiterin f√ľr √Ėkonomie und ausw√§rtige Angelegenheiten und Korrespondentin f√ľr Europa und den Mittleren Osten bei Newsweek, dann sechs Jahre stellvertretende leitende Redakteurin, zust√§ndig f√ľr Wirtschaft und √Ėkonomie bei der Times, wie auch deren Kolumnistin f√ľr √Ėkonomie. Sie ist stellvertretende Redaktionsleiterin bei der Financial Times und verantwortet die Bereiche √Ėkonomie, Wirtschaft, Politik und ausw√§rtige Angelegenheiten. Au√üerdem ist sie f√ľr CNN als Global-Wirtschaftsanalystin t√§tig. Auszeichnungen: Shortlist 2016 des Financial Times and McKinsey Business Book of the Year Award.
Sie lebt mit ihrer Familie in Brooklyn.
Rana Foroohar im Netz: www.ranaforoohar.com und bei twitter

Rana Foroohar
Makers and Takers
Der Aufstieg des Finanzwesens und der Absturz der Realwirtschaft

Originaltitel: Makers and Takers: The Rise of Finance and the Fall of American Business
√úbersetzer: Egbert Neum√ľller
Plassen Verlag, erschienen: Februar 2017
Hardcover mit Schutzumschlag, gebunden, 448 Seiten
ISBN-13: 978-3864704383
29,99 Euro
www.plassen-buchverlage.de

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Literatur Beitrag vom 19.07.2017 Helga Egetenmeier 





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