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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.11.2014

Karen Duve - Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen
Helga Egetenmeier

Eigentlich wollte sie einen Zukunftsroman schreiben, doch bei ihren Recherchen stellte die Autorin von "Anständig essen" fest, dass es die Menschheit bald nicht mehr gibt. Zu ihrer Rettung reicht...



... es nicht aus, Kr√∂ten √ľber die Stra√üe zu tragen, die sozial Denkenden m√ľssen an die echten Schalthebel der Macht. Mit ihrer bitteren Polemik will sie wachr√ľtteln und ihren Teil dazu beitragen, den Untergang unserer Welt zu verhindern, wie sie bei ihrer Buchpremiere in Berlin ausf√ľhrte.

Beeindruckend ernst ihre provozierenden Thesen vertretend, stellte sich Karen Duve nach der Lesung neugierig und kämpferisch den Fragen der ZuhörerInnen im fast ausverkauften Heimathafen Neukölln. Sie fordert mit ihrem durchaus unterhaltsamen, zwischen Sardonismus und Zynismus mäanderndemText, nicht nur zum Nachdenken auf, sondern drängt auf ein sofortiges Handeln.

F√ľr den Den absehbaren Kollaps der Welt durch den sorglosen und gierigen Umgang mit der Natur, lastet sie keinem Gesellschaftssystem oder Religionen an und verlangt keine ideologisch gest√ľtzte Revolution. In ihrem feuilletonistischen Text l√§sst sie die Faust auf den Tisch krachen, die Argumentationen verbinden sich leichtf√ľ√üig und trotz zwischendurch aufkeimender Einspr√ľche gegen ihre vereinfachenden Darstellungen l√§sst sich diese w√ľtende Anklage m√ľhelos lesen.

Männliche Werte als weltweites Risiko

"Zu behaupten, dass M√§nner die schlechteren Menschen sind, ist nat√ľrlich etwas heikel in einer Welt, in der die schlechteren Menschen das Sagen haben." Doch diese Feststellung hindert Karen Duve nicht, eindeutig gegen "Psychopathen" in den obersten Chefetagen, skrupellose Forscher mit Tunnelblick und Asperger Syndrom sowie Mediziner und Landwirte mit absurdem Selbstbewusstsein zu polemisieren.

An den Schaltzentralen der Macht sieht Karen Duve haupts√§chlich M√§nner, die f√ľr ihre Karriere t√§glich 16 Stunden arbeiten und dabei bewusst Familie und FreundInnen vernachl√§ssigen. Wie sollen diese auf Macht und Geld fokussierten Manager menschenfreundliche Entscheidungen treffen?

"Die Dominanten wollen nicht das Beste f√ľr alle, sondern das Beste f√ľr sich.", beschreibt sie die √ľberwiegend m√§nnlichen Forscher mit immens hohen Budgets, denen sie r√ľcksichtslose Risikobereitschaft bei der Durchf√ľhrung von Experimenten unterstellt. Als Beispiele dienen ihr dabei die Katastrophe von Fukushima und das CERN (Europ√§ische Organisation f√ľr Kernforschung), das f√ľr 30 Milliarden Euro an einem Teilchenbeschleuniger forscht und sich gegen jegliche Kritik dazu vehement wehrt.

Der Missbrauch von Antibiotika in der Landwirtschaft, an dem Agrarindustrie, √Ąrzte und Pharmaindustrie verdienen, jedoch immer mehr Menschen an Infektionen mit multiresistenten Bakterien sterben, ist ein weiteres aktuelles Beispiel, bei denen Profit bestimmt. Auch hier fragt die Autorin: Warum geht es nicht um das Leben der Menschen? Die Qualit√§t des Essens und die Tiere h√§tten zus√§tzlich was davon, denn "Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika, aber gesunde Tiere nehmen dann auch nicht Tag f√ľr Tag 6,5 % ihres Eigengewichts zu."

Um ihre Zuschreibung von Dominanz, R√ľcksichtslosigkeit und der Unf√§higkeit zu sozialem Denken von m√§nnlich sozialisierten Menschen zu untermauern, schl√§gt sie im Buch, wie auch bei ihrer Lesung, Assoziations√ľbungen vor: Zerschlagene Bush√§uschen, l√§rmende Gruppen in der U-Bahn, brennende Autos, √ľberfallene Banken, Amokl√§uferoder h√§usliche Gewalt, welche Geschlechterbilder √∂ffnen sich da im Kopf?

Soziale Verantwortung √ľber eine Frauenquote

"Wenn wir den Karren wieder aus dem Dreck holen wollen, wird es Zeit, mal die anderen ans Steuer zu lassen - verantwortungsbewusste, sachorientierte, soziale und zur Selbstbeherrschung f√§hige Leute, Menschen, die in der Lage sind, ma√üvolle und f√ľr die ganze Gesellschaft vorteilhafte Entscheidungen zu treffen." So verlangt sie mehr Mut von der Vielzahl der in kleinen Projekten agierenden sozialen Menschen, um die Schaltstellen der Macht zu besetzen.

Nachdem Karen Duve f√ľr ihre Anklage die √ľberwiegend m√§nnlich-gierigen Manager und Dominanten herausgearbeitet hat, adressiert sie ihren Hilferuf zu nichts weniger als der Rettung der Welt an die tendenziell sozial agierenden Frauen. Dabei schlie√üt sie M√§nner nicht kategorisch aus - obwohl sie bei ihrer Buchvorstellung betont, einen biologistischen Ansatz zu vertreten - den sie jedoch als Blick auf "den durchschnittlichen Mann" verstanden haben will, der gewaltt√§tiger sei, als "die durchschnittliche Frau".

Auch wenn Frau Duve in ihrer Wut manchmal √ľber die Str√§nge schl√§gt und einen Biologismus anruft, der Anderen als Begr√ľndung f√ľr brutale Ausgrenzungen dient, will sie sich mit "den Frauen" einer Gro√ügruppe von Menschen versichern, der ihren Recherchen nach die Menschheit eher am Herzen liegt.

AVIVA-Tipp: Trotz der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens brilliert die Autorin mit S√§tzen trockener Komik, die unentschieden im Hals stecken bleiben, nicht wissend, ob Zustimmung, Lachen oder entschiedene Verneinung folgen m√ľssen, da sie ihre Argumente intellektuell nicht immer stringent beleuchtet. Doch genau das ist ihr Stil und ihre Kritik, sie will nicht erneut allseits bekannte Analysen und die dazugeh√∂rigen Szenarien vorbeten, sondern zum raschen Handeln bewegen. Ob ihre Kassandrarufe eintreten, wird wohl erst die Zukunft zeigen.

Zur Autorin: Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt in der M√§rkischen Schweiz. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihre Romane "Regenroman" (1999), "Dies ist kein Liebeslied" (2005), "Die entf√ľhrte Prinzessin" (2005) und "Taxi" (2008) waren Bestseller und sind in 14 Sprachen √ľbersetzt. 2011 erschien ihr Selbstversuch "Anst√§ndig essen", in dem sie die Frage aufwarf "Wie viel g√∂nne ich mir auf Kosten anderer?" und damit eine breite Diskussion √ľber Konsumverhalten ausl√∂ste.

Karen Duve
Warum die Sache schiefgeht
Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen

Galiani Berlin, erschienen Oktober 2014
Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, 183 Seiten
ISBN-13: 978-3-86971-100-3
12,00 Euro
www.galiani.de

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit Karen Duve (2008)

Karen Duve - Anständig Essen

Karen Duve - Taxi

Karen Duve - Die entf√ľhrte Prinzessin

Gioconda Belli - Die Republik der Frauen

Naomi Klein: "No Logo" und "Über Zäune und Mauern"

Battle in Seattle - Spielfilm um Ereignisse des Weltwirtschaftsgipfels in Seattle 1999

Naomi Klein - die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus

Jutta Ditfurth - Zeit des Zorns

"The Story of Stuff. Wie wir unsere Erde zum√ľllen" von Annie Leonard

"Landleben. Von einer, die raus zog" von Hilal Sezgin

Good Food. Bad Food. Anleitung f√ľr eine bessere Landwirtschaft

"Tiere Essen" von Jonathan Safran Foer

Mehr Infos:

Tagesspiegel-Interview mit Karen Duve - www.tagesspiegel.de

3sat-Interview mit Karen Duve www.3sat.de



Literatur Beitrag vom 14.11.2014 Helga Egetenmeier 





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