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AVIVA-BERLIN.de im April 2026 - Beitrag vom 10.04.2026


Lena Gorelik, Alle meine Mütter
Sharon Adler

"Du konntest, sagt sie, schon immer Geschichten erzählen." Sie, das ist die Mutter der Geschichtenerzählerin, die Autorin des Buchs "Alle meine Mütter", Lena Gorelik. Die Schriftstellerin, Journalistin und Essayistin verhandelt darin nicht nur die (besondere) Beziehung zwischen der Tochter und der eigenen Mutter, sie schreibt über …




…alle Frauen "die Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen."

"Mütter, Liebe, Schmerz"

Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft in allen Konstellationen und den damit verbundenen Herausforderungen, komplexen Facetten und Ausprägungen: kein leichtes literarisches Unterfangen und ein Ansatz, der weit über das Persönliche hinausweist. Lena Gorelik jedoch entfaltet sie beinahe alle in ihrem neuen Buch und bearbeitet in "Alle meine Mütter" gesellschaftspolitische wie philosophische Fragen, verbindet autobiografische, essayistische, dokumentarische und analytische Passagen: Persönliche Erfahrungen und Erinnerungen – etwa an das Asylant/-innenwohnheim, in das die russisch-jüdische Familie nach ihrer Einwanderung als Kontingentgeflüchtete 1992 kam – verwebt sie mit Betrachtungen über Rollenbilder, Erwartungen und Zuschreibungen, mit Recherchen und statistischem Material – etwa zur Praxis von Schwangerschaftsabbrüchen in der Sowjetunion – und ergänzt sie durch hypothetische Entwürfe, in denen mögliche Leben oder Identitäten imaginiert werden.

"Sie konnte Olga heißen, Natascha, Irina. Sie konnte Marina heißen oder Mascha, Maschenka, Maschutka. Maschutka, so hat ihre Mutter sie früher genannt."

Eine weitere Perspektive eröffnet Gorelik dort, wo sie Auszüge aus Interviews mit Müttern einbezieht, deren Kinder in Kriegen getötet wurden. Oder da, wo sie ihre realen oder imaginierten Beobachtungen zur Situation von Müttern von Kindern mit einer Beeinträchtigung mit der Leserin teilt. Deren innere Dialoge, Sorgen und unerschütterliche Liebe berühren.

Auch ihrem eigenen intensiven, oft schmerzhaften Schreibprozess, stellt sich Gorelik, macht ihn transparent. Sie, die Virtuosin von Sprache, stellt sich schreibend der Krankheit der Mutter, fragt nach Versäumnissen, nach deren Leben vor und durch die Kinder und Enkelkinder. Und findet am Ende deren Kraft. Gorelik zitiert das jiddische Sprichwort: "Weil Gott nicht überall sein konnte, hat er die Mutter erschaffen." Und direkt daneben, noch einmal: Interview Mama.

Lena Gorelik, die Romane, Theaterstücke und Essays zu gesellschaftlichen Fragen schreibt, verhandelt in ihrem Werk immer wieder Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Zuschreibung.
In "Alle meine Mütter" schreibt sie über scheinbar widersprüchliche Gefühle, die wohl alle Mütter, Töchter, Enkellinnen kennen: Verletzungen, Scham, Schuld, Abnabelung, Verbundenheit, Liebe.
Und sie ist sich im Schreibprozess der Gleichzeitigkeit der Rollen als Tochter und als Mutter bewusst: "Ich schreibe dies nicht für meine Mutter. Auch nicht für meine Kinder. Obwohl ich als Tochter schreibe, als Mutter, in aller Verwundbarkeit, die in diesen Rollen steckt. Ich lege sie aus wie Pflastersteine. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mutter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns."

Lena Gorelik seziert ihre Gedanken und Gefühle, zerlegt, fragt, sucht nach Worten und Bedeutungen – wissend um ihre Kraft, aber auch um ihre Enge, um die Begrenztheit und Unzulänglichkeit von Sprache. Atemlos, so wirkt es, setzt Gorelik Wort an Wort, Satz an Satz, formt Situationen und Beziehungen – zwischen Müttern und Kindern, zwischen Sorge und Erinnerung –, immer im Bewusstsein dessen, was Sprache tragen kann, und dessen, was ihr entgleitet.

AVIVA-Tipp Lena Gorelik schreibt viel Kluges in ihrem neuen Buch, und es sind Sätze wie diese, die im Gedächtnis bleiben: "Ich bin wie meine Mutter geworden, stelle ich fest, aber ohne zusammenzuzucken."

Zur Autorin: Lena Gorelik, geboren 1981 in Sankt Petersburg, Russland, schreibt Romane, Theaterstücke und Beiträge zu gesellschaftlichen Themen, u. a. für SZ und ZEIT. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolvierte sie den Elitestudiengang "Osteuropastudien". Ihr erster Roman "Meine weißen Nächte" (2004) wurde als Entdeckung gefeiert, ihr zweiter Roman "Hochzeit in Jerusalem" war nominiert für den Deutschen Buchpreis 2007. 2011 erschien "Lieber Mischa", 2012 das erste Sachbuch, "Sie können aber gut Deutsch". 2014 folgte der Roman "Die Listensammlerin", 2015 "Null bis Unendlich" und 2017 ihr Coming-of-Age-Roman "Mehr schwarz als lila" (nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis). 2019 wurde ihr erstes Theaterstück "Everydays Life with Monstergirls" uraufgeführt, 2020 feiert die von ihr dramatisierte Fassung ihres Romans "Mehr schwarz als lila" am Residenztheater in München Premiere. Nach ihrem Roman "Wer wir sind" (2021) folgte die Verschriftlichung der Poetikdozentur im Literaturhaus Hannover ("Ich schreibe, weil ich glaube, ich bin", 2024) und der Sammelband "Trotzdem sprechen" (2024). 2025 wurden zwei weitere Theaterstücke aus ihrer Feder uraufgeführt, "Ein Glücksding" am Theater der Jungen Welt in Leipzig und "Zeit ohne Gefühle" an den Münchner Kammerspielen. Am 13. März 2026 erschien ihr neuer Roman "Alle meine Mütter". Die Autorin wurde u. a. mit dem Ernst-Hoferichter-Preis, dem Marieluise-Fleißer-Preis und dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet. am 19. März 2026 wurde Lena Gorelik auf der Leipziger Buchmesse mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet.
Die Termine der Lesereise finden Sie auf der Website des Netzwerks der Literaturhäuser unter: www.literaturhaus.net


Lena Gorelik
Alle meine Mütter

Verlag: Rowohlt Hardcover
Erscheinungstermin: 13.03.2026
ISBN: 978-3-498-00762-1
Gebunden, 272 Seiten
24 Euro
Mehr zum Buch unter: www.rowohlt.de


Weiterlesen:

Ein Interview mit Lena Gorelik von Sharon Adler in der Reihe "Jüdinnen in Deutschland nach 1945. Erinnerungen, Brüche, Perspektiven" im Deutschland Archiv online der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) aus 2021: www.bpb.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

trotzdem sprechen – Herausgegeben von Lena Gorelik, Miryam Schellbach und Mirjam Zadoff (2024)

Lena Gorelik: Verliebt in Sankt Petersburg. Meine russische Reise (2008)

Lena Gorelik: "Meine weißen Nächte" und "Hochzeit in Jerusalem" (2008)




Diese Rezension ist zuerst erschienen in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung am 18.03.2026


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Beitrag vom 10.04.2026

Sharon Adler