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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.07.2008

Unterwegs in Europa. BeitrÀge zu einer vergleichenden Kulturgeschichte, Campus Verlag
Christiane KrÀmer

Die Vorstellung eines friedliebenden, bunten Europas wird in historischen Analysen einer radikalen Kritik unterzogen! Horizonterweiternde LektĂŒre fĂŒr Kultur- und GeschichtswissenschaftlerInnen



Ob ein riesenhaftes, in sich heterogenes Staatengebilde wie die EuropĂ€ische Union die WidersprĂŒchlichkeit ihrer eigenen Konstruktion unbeschadet aushalten kann, ist die Ausgangsfrage des Sammelbandes.

Politische Konstituierungsprozesse von Territorium und IdentitĂ€t funktionieren durch gewaltsame Grenzziehungen. Dies wird in der ersten BuchhĂ€lfte anhand der Auseinandersetzung ĂŒber Krieg, Terrorismus, Separatismus und sozialen Bewegungen und KĂ€mpfen veranschaulicht. Diese Dynamiken sind aber nicht nur destruktiv, sondern ermöglichen entscheidende VerĂ€nderungen fĂŒr das europĂ€ische SelbstverstĂ€ndnis, wie die Französische Revolution zeigt.

Die kollektive Imagination humanistischer Ideale der AufklĂ€rung und die mythische ErzĂ€hlung eines gemeinsamen Kulturerbes der Antike werden in Verbindung mit der Behauptung christlicher Werte in laizistischen Rechstaaten analysiert. Die Vereinheitlichung der wirtschaftlichen Handelszone der EU ohne feste GrĂ¶ĂŸe wird so möglich und durch die "islamische Welt" als konstitutives Außen begrenzt. Diese Konstruktion erscheint jedoch durch den diskutierten Beitritt der TĂŒrkei einmal mehr hinfĂ€llig – das Potenzial der TĂŒrkei als grenzĂŒberschreitender Zwischenraum wird an dieser Stelle nicht konsequent zu Ende gedacht.

Die In- und Exklusionspolitik lÀsst sich am Beispiel der BekÀmpfung des Terrorismus veranschaulichen, der europapolitisch als Angriff auf die "westlichen Zivilisationen" und ihre Werte beurteilt wird.
Die so legitimisierten undurchsichtigen transnationalen Überwachungspraktiken fĂŒhren nicht nur zum Ausschluss und der Kriminalisierung bestimmter MigratInnengruppen als "Sicherheitsrisiko" und der Abschottung der Außengrenzen. Sie machen auch vor BĂŒrgerrechten nicht halt und schließlich scheint die zivile Gesellschaft selbst als GefĂ€hrdung. So scheint sich die These Michel Foucaults in einigen Texten zu bewahrheiten, nach der die Masse der Bevölkerung im Zuge der Revolution und im Übergang zu kapitalistischen Nationalstaaten selbst zur Zielscheibe der "Biopolitik" wird.

EinsprĂŒche und soziale WiderstĂ€nde gegen diese Politik und gewaltsame Konflikte, wie sie beispielsweise in den Pariser Vororten aufflammten, werden jedoch ebenso thematisiert wie Neuverhandlungen in kulturellen Alltagspraktiken. Das Kapitel ĂŒber innovative Konsumpraxis wirkt jedoch angesichts der vorhergegangenen Themen als eher leichte Kost. Schließlich fĂŒhrt die vergleichende Auseinandersetzung mit Ost und West und der europĂ€ischen Stadt zu einer Infragestellung derartiger Kategorien.

AVIVA-Tipp: Die sozial- und kulturgeschichtlichen Analysen wollen nicht die Entstehung Europas rekonstruieren, sondern vielfĂ€ltige geschichtliche Diskurse ĂŒber Krieg, Rebellion, Stadt, Ost und West fĂŒr aktuelle Fragestellungen nutzbar machen. "Unterwegs in Europa" trĂ€gt mit den spannenden interdisziplinĂ€ren GrenzgĂ€ngen selbst zum interdisziplinĂ€ren Projekt transnationaler Fortschreibung eines zukĂŒnftig vieldimensionalen und offeneren Europas bei.

Zu den AutorInnen/HerausgeberInnen:
Christina Benninghaus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin fĂŒr Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie an der UniversitĂ€t Bielefeld, ebenso wie ihre herausgebenden Kollegen Jörg Requate und Sven Oliver MĂŒller. Charlotte Tacke arbeitet als freischaffende Historikerin in Italien.

Christina Benninghaus, Sven Oliver MĂŒller, Jörg Requate, Charlotte Tacke (HerausgeberInnen)
Unterwegs in Europa. BeitrÀge zu einer vergleichenden Kulturgeschichte

Campus Verlag, erschienen April 2008
Taschenbuch, 390 Seiten
ISBN-13: 978-3593387178
45 Euro

Literatur Beitrag vom 10.07.2008 AVIVA-Redaktion 





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