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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.07.2009

David Rieff - Tod einer Untr├Âstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag
Corinna Waffender

Der Sohn von Susan Sontag schreibt ├╝ber das Sterben seiner Mutter. Und er stellt eine interessante Frage: Was ist die Wahrheit und wie viel davon vertr├Ągt der Mensch?



Susan Sontag, US-amerikanische Philosophin, Essayistin und Schriftstellerin f├╝hrte zweifellos ein schillerndes Leben: Klug, politisch und exzentrisch - nur unzureichend l├Ąsst sich eine Frau skizzieren, deren Spiegel die ├ľffentlichkeit war und die sich und ihren Intellekt gekonnt und bewundernswert in Szene zu setzen wusste: In Deutschland bekannt wurden vor allem ihre essayistischen Betrachtungen ├╝ber Fotografie, Aids und nicht zuletzt ├╝ber Krebs.

Wer nun erwartet, ein solcher Mensch, der im ├ťbrigen bereits zwei schwere Krebserkrankungen ├╝berlebt hatte, w├╝rde am Ende leise sterben, hat sich nat├╝rlich get├Ąuscht: Susan Sontag stellte sich dem eigenen Tod in der Praxis mit jenem unerbittlichen Kampf den sie theoretisch der Sterblichkeit schlechthin angesagt hatte. Wie dieser pers├Ânliche Krieg gegen die Leuk├Ąmie, an deren Folgen sie 2004 verstarb, aussah, erfahren wir aus dem etwa 160 Seiten d├╝nnen Buch, das ihr Sohn David Rieff, selbst politischer Schriftsteller und Journalist, geschrieben hat.

Der englische Titel verr├Ąt mehr ├╝ber das Vorhaben des Autors: Swimming in a sea of death legt den Blick nicht nur auf den Tod sondern auch auf das (├ťber)leben der Angeh├Ârigen mit der Todkranken. Rieff will aufzeigen, wie sich das pers├Ânliche Umfeld einer Todkranken im Bezug auf Wahrheit ├╝ber den Gesundheitszustand verh├Ąlt: Konfrontiert man eine Sterbende mit der Wirklichkeit oder l├╝gt man um der Hoffnung der Patientin willen? Dabei setzt sich Rieff grunds├Ątzlich mit der Frage auseinander, was es bedeutet, in einer Kultur zu leben, die den Tod eher leugnet, als ihm ins Gesicht zu sehen.

Der Autor schildert sehr private Momente der Todgeweihten: Susan Sontag als medizingl├Ąubigen Dickkopf, der an der Auswegslosigkeit verzweifelte. Eine mehr als sieben Jahrzehnte alte Intellektuelle, die in Depression verfiel, wenn eine Therapie nicht anschlug oder euphorisch wurde, wenn sie Hoffnung in neue Forschungsergebnisse setzen konnte. Eine launische Kranke, die von dem Kreis derjenigen, die ihr das unaushaltbare Alleinsein zu verk├╝rzen suchten, viel verlangte, vor allem aber den Willen, an ihr ├ťberleben zu glauben.

Doch statt die N├Âte und Hoffnungen Susan Sontags FreundInnen und Angeh├Âriger aufzugreifen, reflektiert der Sohn vor allem eigene Schuldgef├╝hle. Dazu gibt er Einblick in sehr pers├Ânliche Szenen: beispielsweise wie Mutter und Sohn von der fast immer unheilbaren Form der Leuk├Ąmie, dem sogenannten Myelodysplastischen Syndrom, erfahren. Zwar schimmert in manchen Zeilen die Wut und Trauer des Sohnes durch, der seiner verkopften Mutter die bittere Wahrheit ersparen m├Âchte, obwohl er selbst nicht mehr an Rettung glaubt, doch verwehrt Rieff seine emotionale Befindlichkeit. Zwar gew├Ąhrt er Einblick in Sontags Tagebuch, doch mit seinen eigenen ├ängsten l├Ąsst er die LeserInnen weitgehend auf der Strecke. Das ist schade, denn gerade der unvern├╝nftige Teil des Dilemmas zwischen Aufrichtigkeit und Mitgef├╝hl h├Ątte eine essayistische Auseinandersetzung verdient.

Die Fokussierung auf die Sterbende statt auf das Dilemma der ├ťberlebenden ist umso bedauerlicher, als dass der Autor sich in seinen Ausf├╝hrungen auf die Beziehung zwischen Sohn und Mutter beschr├Ąnkt. Die intellektuell zum Teil interessant ausgef├╝hrten eigenen Gewissensbisse und Schuldgef├╝hle wirken durch die eindimensionale Reflexion nach zwei Dritteln des Buches langatmig. Im Grunde bringt der Autor bereits auf Seite 96 der deutschen ├ťbersetzung mit einem j├╝dischen Sprichwort den Konflikt treffend auf den Punkt: "Es gibt nicht nur die Pflicht, dem anderen alles zu sagen, was er verkraften kann, sondern auch die Pflicht, das nicht zu sagen, was er nicht verkraften kann."

W├Ąhrend seine Mutter gegen ihr Vergehen k├Ąmpfte, lag ihr Sohn im Kampf mit seiner ganz pers├Ânlichen Erkenntnis: dass jeder Mensch und also auch Susan Sontag sterben muss. Aus Angst, ihr mit dieser Gewissheit vielleicht den Todessto├č zu versetzen (oder sie als Vertraute kurz vor ihrem Ende zu verlieren?), hielt er die L├╝ge von Rettung entgegen seiner ├ťberzeugung bis zuletzt aufrecht. Man w├╝nscht sich, ├╝ber dieses pers├Ânliche Dilemma mehr zu erfahren, statt mitunter den Blick auf viel zu intime Momente der Sterbenden zu werfen.

Kritisch erscheint schlie├člich auch die Tatsache, dass der Autor Susan Sontags Wahlfamilie nahezu au├čen vor l├Ąsst: Ihre langj├Ąhrige Lebensgef├Ąhrtin, die Fotografin Annie Leibowitz, die immerhin von 1988 bis 2004 ihre Weggef├Ąhrtin war, erw├Ąhnt er lediglich in einem ironischen Nebensatz. ├ťberhaupt fragt man sich bei der Lekt├╝re, wo und wann all die anderen FreundInnen und Vertraute am Kranken- und Sterbebett waren, ob es zwischen ihnen und dem Sohn nie einen Austausch gegeben hat. Dadurch entsteht zum Teil der Eindruck, David Rieff habe seine Mutter in den letzten Monaten ihres Lebens rund um die Uhr begleitet. Eine Vorstellung, die er andererseits selbst durch das zu Lebzeiten eher schwierige Verh├Ąltnis und seinen Beruf als Reisejournalist in Zweifel zieht.

Susan Sontag h├Ątte zu dem Zweispalt Wahrheit oder gn├Ądige L├╝ge zweifellos ein pr├Ągnantes und brillantes Essay geschrieben. Ihrem Sohn hat dabei der Mut gefehlt, das zu offenbaren, was manche LeserInnen mehr interessiert h├Ątte: Wie man damit fertig wird, einen geliebten Menschen im Angesicht des Todes zu bel├╝gen und ihn vielleicht gerade deshalb nicht tr├Âsten zu k├Ânnen? Und so bleibt die Frage im Raum, die sich durch das ganze Buch zieht, das auf seltsam rationale Weise dieses prominente Sterben als missgl├╝ckt beschreibt: Was m├╝ssen wir eigentlich wissen und warum?
Trotz leichter Themaverfehlung bleibt das Buch des Sohns jedoch ein Muss f├╝r alle Fans der Mutter.

AVIVA-Tipp: Interessante pers├Ânliche Betrachtung ├╝ber Leben und Sterben der US-amerikanischen Intellektuellen Susan Sontag. Lohnend, um sich dabei und danach mit den gro├čen Fragen nach Wahrheit und Sinn zu besch├Ąftigen.

David Rieff
Tod einer Untr├Âstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag

Originaltitel: Swimming in a sea of death
Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
Carl Hanser Verlag, erschienen 2009
Euro 17,90
Fester Einband, 160 Seiten
ISBN-10: 3-446-23276-1
ISBN-13: 978-3-446-23276-1


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin

"Susan Sontag. Geist und Glamour" Die erste Biographie von Daniel Schreiber

Weitere Infos zu Susan Sontag finden Sie unter: www.susansontag.com

Literatur Beitrag vom 04.07.2009 AVIVA-Redaktion 





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