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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.11.2009

Amos Oz ‚Äď Geschichten aus Tel Ilan
Adriana Stern

Amos Oz gew√§hrt uns einen intimen Blick in die Innenwelten seiner Figuren, in die Abgr√ľnde ihrer Seelen, ihrer √Ąngste und Alptr√§ume, aber auch in die Tiefen ihrer Sehns√ľchte, Hoffnungen und Tr√§ume.



Die acht Geschichten in diesem Band werden voneinander unabhängig erzählt und doch nicht ganz, denn die Hauptfiguren in der einen Erzählung werden zu Rand- oder Nebenfiguren in einer der anderen. Sie alle spielen in einem kleinen fiktiven Dorf irgendwo in Israel, wenige Busstunden von Tel Aviv entfernt. Wir erfahren weder, wie groß dieses Dorf ist, noch wo es tatsächlich liegt. Es spielt keine Rolle, ebenso wenig wie der genaue Zeitpunkt, zu dem die Geschichten spielen.

Die Stimmung in den Stra√üen des Dorfes und in den H√§usern ist im Sommer wie im Winter seltsam surrealistisch, und auch die beschriebenen Ereignisse wirken irreal und der Wirklichkeit seltsam entr√ľckt. Alle Geschichten enden abrupt und hinterlassen offene Fragen.

Eine tiefe Melancholie bestimmt die Handlungen und Gedanken der Figuren. Alle BewohnerInnen des Dorfes scheinen gefangen in ihren eigenen, hermetisch abgeriegelten Welten, nicht fähig zu wirklicher Begegnung und Kommunikation mit anderen.

Das Leben der ProtagonistInnen ist gekennzeichnet durch Trennung, Scheidung, Verlust, Tod, das plötzliche Verschwinden des Ehepartners, den Selbstmord des 16 jährigen Sohnes unter dem Bett seiner Eltern, die ihn erst Tage später dort finden, durch Einsamkeit, die Unfähigkeit, schwanger zu werden oder der eigenen Sehsucht zu folgen und den Ort zu verlassen. Nach Jerusalem, Haifa, Tel Aviv oder weiter weg zu ziehen, um dort ein neues, besseres Leben zu finden.

Die Figuren in Oz neuem Buch sind Gefangene ihrer Routine, ihres banalen Alltags, ihrer Lebenswelten, all der unausgesprochenen Gedanken, Fragen, Sehns√ľchte und Tr√§ume. In dieses Leben bricht pl√∂tzlich eine subtile Form gewaltsamer Ver√§nderung ein. Etwas, das fremd und doch nicht wirklich fremd, sondern vielmehr unheimlich vertraut scheint.

So ergeht es Arie Zelnik, einem einsamen Mann, der von seiner Frau und dem √§ltesten Sohn verlassen wurde und sich jetzt am Rande des Dorfes um seine Mutter k√ľmmert. Die Beiden leben in stiller und friedlicher √úbereinkunft nebeneinander her, in ihren eigenen Welten und einer Ruhe verharrend, die doch keine ist. Diese Ruhe wird pl√∂tzlich durch einen Fremden ersch√ľttert, der vorgibt kein Fremder zu sein, und wirklich... Etwas an ihm wird im Laufe der Handlung zunehmend be√§ngstigend und verst√∂rend vertraut.

√Ąhnlich ergeht es auch der √Ąrztin Gili Steiner, die einsam, allein und voller verlorener Sehnsucht auf ihren Neffen wartet, zu dem sie eine zwiesp√§ltige Beziehung hat. Eine Beziehung, gleicherma√üen gepr√§gt von Liebe und immer wieder aufbrechender Gewaltt√§tigkeit ihrerseits diesem Kind gegen√ľber, das still und eigenbr√∂tlerisch seine eigenen Tr√§ume tr√§umt. Inzwischen ist der Neffe erwachsen und die beiden verbindet die schweigende √úbereinkunft, das Geschehene nicht zu ber√ľhren und einander ohne Sprache nah und gleichzeitig unendlich fern zu bleiben.

Auch Pessach Kedem, Abel und Rachel Franco in der dritten Geschichte wohnen am Rande des Dorfes. Sie sind Gefangene der täglichen Kommunikations- und Handlungsroutine, in der sie einander fremd bleiben, miteinander zwar reden, aber einander doch nicht wirklich etwas mitteilen. Selbst dann nicht, als Abel und Pessach Kedem zutiefst beunruhigende, scharrende Geräusche unter dem Haus bemerken, die auch Rachel nicht verborgen bleiben.

In der vierten Geschichte erh√§lt Ben Avni, der B√ľrgermeister, einen Zettel von seiner Frau. "Mach dir um mich keine Sorgen" schreibt sie. Pl√∂tzlich ist sie verschwunden und er versucht, dennoch alles genauso zu machen wie immer. Doch das gelingt ihm nicht.

Die Geschichten in diesem Buch sind nicht nur verbunden durch die Figuren, die einander wechselseitig wieder begegnen, sondern auch durch immer wiederkehrende Motive, die das Dorf lebendig, real und hautnah sp√ľrbar werden lassen. Da ist die Bank im Gedenkpark, das Rathaus, der alte Wasserturm, die Zypressen, Weinberge, das W√§ldchen, das Leben am Dorfrand, die verschiedenen G√§rten und bellende Hunde im Streit mit heulenden Schakalen, beinahe, als w√§re sie die einzigen Lebewesen, die wirklich ein Gespr√§ch miteinander versuchten. Und da sind die wechselnden Jahreszeiten, der Wind, der Nebel, der Regen, die K√§lte, die Hitze und der menschliche Schwei√ü.

Wir nehmen Anteil am Leben der Figuren, die offen gebliebenen Fragen besch√§ftigen uns weiter. Wo ist der Neffe? Was ist aus der Frau des B√ľrgermeisters geworden? Was bedeutet das n√§chtliche Scharren unter dem Haus von Rachel Franco? Und wird der 17 j√§hrige Kobi Esra jemals √ľber seine Schuld- und Schamgef√ľhle der 30 j√§hrigen Ada Honig gegen√ľber hinwegkommen? Wer ist der seltsame, vertraute Fremde aus der ersten Geschichte wirklich? Und wie wird sich die surreale Begegnung des Immobilienmaklers Sasson mit der Tochter des ber√ľhmten Shoah-Schriftstellers Eldad Rubin auf das weitere Leben der Beiden auswirken?

Selbst die vorletzte Geschichte, in der sich viele der ProtagonistInnen im Hause der Levins endlich begegnen, bringt die Menschen einander nicht wirklich nah. Sie bleiben seltsam distanziert und in ihren Geheimnissen, ihrem Schweigen, ihren Schicksalen gefangen.


Die letzte Geschichte spielt An einem fernen Ort zu einer fernen Zeit wie Amos Oz in der √úberschrift schreibt.
Wie viel von diesem Ort, der einer H√∂lle gleicht, ist in Tel Ilan schon unbemerkt Wirklichkeit geworden? Wird es den BewohnerInnen trotz ihrer Geheimnisse, ihres Schweigens, ihrer Scham- und Schuldgef√ľhle gelingen, eine solch bedrohende, apokalyptische Zukunft, wie Oz sie zum Schluss entwirft, zu verhindern?

AVIVA-Tipp: Etwas geheimnisvoll, melancholisch bedr√ľckendes haftet den ber√ľhrenden Geschichten aus Tel Ilan an, ohne dass sie je Gefahr laufen, ins Depressive oder Hoffnungslose abzurutschen.

Die Erz√§hlungen stimmen nachdenklich, traurig und obwohl sie fremd wirken, erscheinen sie im gleichen Atemzug beunruhigend vertraut. Mit wenigen, wiederkehrenden Bildern, die er wie mit gezielten, pr√§zise gew√§hlten Pinselstrichen vor unseren Augen entstehen l√§sst, schafft Amos Oz eine intensiv sp√ľrbare Umgebung und gelingt es ihm, die LeserInnen in den Bann seiner Erz√§hlung zu ziehen.
Es sind nicht die gro√üen Ereignisse, die das Leben der Protagonisten aufw√ľhlen. Es ist "nur" ein Neffe, der nicht kommt, ein seltsames Graben unter dem Haus, ein kleiner Zettel mit einer beunruhigend beruhigenden Nachricht, die unerreichbare Liebe eines 17 J√§hrigen, eine einsame Spurensuche nach einem Jugendlichen, der sich Jahre zuvor das Leben nahm. Vielleicht kommen uns die Geschichten deshalb so nah, gehen deshalb so unter die Haut.

Zum Autor: Amos Oz wurde am 4. Mai 1939 als Amos Klausner in Jerusalem geboren und wuchs auch dort auf. Seine Eltern waren 1917 von Odessa nach Wilna (damals Polen) gefl√ľchtet und wanderten von dort nach Pal√§stina aus. 1954 trat er dem Kibbuz Chulda bei und nahm den Namen Oz an, der auf hebr√§isch Kraft, St√§rke bedeutet. Von 1960 bis 1963 studierte er Literatur und Philosophie an der hebr√§ischen Universit√§t in Jerusalem und kehrte nach seinem Bachelor-Abschluss in den Kibbuz zur√ľck und lehrte bis 1986 Literatur und Philosophie an der Oberschule Hulda.
Seit dem 6-Tage-Krieg war er in der israelischen Friedensbewegung aktiv und bef√ľrwortete eine Zwei-Staaten-Bildung im israelisch-pal√§stinensichen Konflikt. Er ist Mitbegr√ľnder und Vertreter der seit 1977 bestehenden Friedensbewegung Schalom achschaw (Peace now). Seit 1987 lehrt er Hebr√§ische Literatur an der Ben-Gurion Universit√§t von Negev, Beesheba. Die Werke von Amos Oz wurden in 37 Sprachen √ľbersetzt. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. (Quelle: Suhrkamp-Verlag)

Zur √úbersetzerin: Mirjam Pressler wurde 1940 in Darmstadt geboren. Sie studierte in Frankfurt am Main .an der Akademie f√ľr Bildende K√ľnste und lebt heute als freie Autorin und √úbersetzerin in der N√§he von M√ľnchen. Sie √ľbertrug mehr als 300 Titel aus dem Hebr√§ischen, dem Englischen, Niederl√§ndischen, Fl√§mischen, sowie Afrikaans ins Deutsche, darunter eine Neu√ľbersetzung der Tageb√ľcher von Anne Frank. ( Quelle: AVIVA-Berlin)
Weitere Infos und Kontakt unter: www.mirjampressler.de

Amos Oz ‚Äď Geschichten aus Tel Ilan
aus dem Hebräischen von Miriam Pressler
Originaltitel: Tmunot me-chajej ha-kfar
Verlag Suhrkamp
Erschienen: 21.09.2009
Gebunden, 187 Seiten
ISBN: 978-3-518-42067-6
16,80 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz.

Literatur Beitrag vom 28.11.2009 AVIVA-Redaktion 





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