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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.01.2010

Doris Peter - SOFIA - Auf Offener Strasse
Claudia Amsler

Hoffnungsvolle Blicke, sehns√ľchtige Augen, ein gl√ľckseliges L√§cheln. Menschen in Bewegung und einzelne Personen, die wie versteinert wirken. Eine Stadt und ihre BewohnerInnen ver√§ndern sich...



... jeden Tag, jedes Jahr aufs Neue und doch gibt es Dinge, die bleiben.

Berlin 1990. Die Schweizer Fotografin Doris Peter steigt in den Zug nach Sofia. Sie wei√ü nicht viel √ľber diese Stadt, nur soviel, dass Sofia die Hauptstadt von Bulgarien ist. Dort angekommen, findet sie eine Stadt im politischen Umbruch vor. Viele Menschen verkaufen Lebensmittel oder sonstige Dinge auf der Stra√üe, um durch zu kommen - um zu √ľberleben. Etwa 80% der Bev√∂lkerung lebt unter der Armutsgrenze, doch die SofianerInnen sind gleichwohl reich. Reich an W√ľrde und Stolz.

Doris Peter fotografiert diese Menschen auf "offener Stra√üe" und l√§sst sie selbst zu Wort kommen. Die K√ľnstlerin war so fasziniert und ber√ľhrt von den BewohnerInnen und ihrer Lebenssituation, dass sie bis 2001 immer wieder in die bulgarische Hauptstadt fuhr, fotografierte und dokumentierte.

Die Schweizerin vereint nun die √ľber 200 Fotografien und Statements von ZeitzeugInnen in einem Buch. Ein Fotobildband, der elf Jahre Geschichte von Sofia pr√§sentiert. Es sind meist pers√∂nliche Bilder, die individuelle Standpunkte vertreten. Doch durch die Differenziertheit und Vielzahl der unterschiedlichen Fotografien kann sich frau ein Bild von der Situation und den Ver√§nderungen der Hauptstadt und der Bev√∂lkerung machen.

So wird frau durch Bild und Wort nicht nur die Geschichte der einzelnen Personen n√§her gebracht, sondern auch die Historie von Sofia. Die Stadt, welche die ersten Protestdemonstrationen gegen das herrschende und kommunistische Regime durchf√ľhrte, welche als Symbol der "Blauen Idee" galt. Dennoch konnte sich die Demokratie lange Zeit nicht durchsetzen und so f√ľhrte die unstabile politische Situation in den 1990er Jahren zu schwierigen Lebensbedingungen. Doch auch nach den gro√üen politischen Machtk√§mpfen 1997 scheint die Stadt immer noch im √úbergang zu sein.

Diese Umw√§lzungen und Erneuerungen sind in den Fotografien wieder zu finden, so tauchen in den Bildern ab 1998 Markennamen wie Electrolux, Kodak oder auch Milka auf. Frau bemerkt die √Ėffnung zum Westen und doch stehen diese Abbildungen stets im Kontrast zu den "Pilgerstationen" wie dem Gratis-Quellwasser oder dem Milchladen, der bereits um sechs Uhr fr√ľh eine unendlich erscheinende Menschenschlange versorgen muss.

So unterschiedlich die Geb√§ude und Situationen auf der Stra√üe sind, so differenziert sind auch die Menschen: Von "Anka, 46, Putzfrau" √ľber "Bodgan, 38, Kunstmaler und Freischaffender Werbegrafiker" hin zum "13-j√§hrigen Schulm√§dchen" und doch beginnen die Texte oft mit denselben Worten: "Ich bin in Sofia geboren und habe immer hier gelebt." Es scheint fast so, als ob diese Stadt eine gr√∂√üere Erdanziehungskraft h√§tte, welche die Menschen nicht fortgehen l√§sst - sie auf bulgarischen Boden festh√§lt. Diese Anziehung wirkt jedoch nicht erzwungen, vielmehr wollen die BewohnerInnen in Sofia bleiben, wollen nicht weggehen, sind trotz sehr schweren Verh√§ltnissen zufrieden.

Die Schwarz-Wei√ü Fotografien mit leichtem Sepia Touch l√∂sen jedoch nicht Gl√ľcksgef√ľhle aus, frau beginnt zu reflektieren. S√§tze wie "Ich habe viele Ziele, aber das Leben l√§sst es nicht zu." oder "Ich weiss nicht so recht, inzwischen ist die ganze Welt auf die schiefe Bahn geraten." stimmen nachdenklich, frau bleibt f√∂rmlich an den Gesichtern der Fotografien kleben, denn sie erz√§hlen so Vieles - oft traurige Schicksale. "SOFIA - Auf Offener Strasse", ist kein gew√∂hnlicher Fotobildband, den frau mal schnell durchbl√§ttern kann, denn nicht nur die Texte, sondern auch jedes einzelne Bild erz√§hlt eine ganze Geschichte - ein ganzes Leben, das ber√ľhrt.

AVIVA-Tipp: Das einmalige Zeitzeugnis von Doris Peter zeigt die BewohnerInnen von Sofia in verschiedenen Lebenssituationen: Im Allt√§glichen Sein, bei der Arbeit, beim Einkauf, auf der Stra√üe. Die Armut der Stadt wird ersichtlich, jedoch verweist Doris Peter nicht speziell auf diese, will diese nicht anprangern, vielmehr liegt ihr Interesse im Abbilden der einzelnen Menschen. "SOFIA - Auf offener Strasse" wirft schlussendlich auch die Frage auf, wieso Begriffe wie W√ľrde und Stolz in der westlichen Kultur, die bekanntlich "alles" besitzt, vom Aussterben bedroht sind.

Zur K√ľnstlerin: Doris Peter Nach der Ausbildung zur Fotografin in Z√ľrich, Schweiz, begann Doris Peter (geboren1967) ihre Reisen in verschiedene L√§nder und St√§dte. Dabei widmet sie ihre fotografische T√§tigkeit immer dem gleichen Thema: den Menschen. Nicht den Reichen und so genannten Erfolgreichen geh√∂rt ihre Aufmerksamkeit, sondern den kleinen Leuten. Menschen, deren Leben oft ein Kampf ums t√§gliche √úberleben ist. Doris Peter lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. (Quelle Verlagsinformation)

Mehr Infos finden Sie unter: www.ulpi.com

  • Veranstaltungshinweis: Freitag, 29. Januar 2010, 19.00 Uhr
    Buchvernissage "Sofia - Auf offener Strasse 1900-2001" von Doris Peter

    Die in Berlin lebende Schweizer Fotografin Doris Peter dokumentiert mit ihren Schwarzwei√ü-Fotografien die Ver√§nderung der Bulgarischen Hauptstadt und ihrer BewohnerInnen. Menschen, die sich den neuen Umst√§nden anpassen und sich neu positionieren m√ľssen, f√ľr viele ein t√§glicher Kampf ums √úberleben. Die Fotografin vermittelt mit ihren Bildern einen gef√ľhlvollen und teilnehmenden Blick auf Sofia und seine Menschen. Dieser eindr√ľckliche Fotoband mit Schilderungen von ZeitzeugInnen ist ein einmaliges Zeitdokument. Doris Peter wird an der Buchpr√§sentation anwesend sein.
    Veranstaltungsort: Bulgarisches Kulturinstitut
    Leipziger Straße 114-115
    10117 Berlin
    Weitere Infos finden Sie unter: www.ulpi.com

    Doris Peter
    SOFIA - Auf Offener Strasse

    Dreisprachig (Bulgarisch, Englisch, Deutsch)
    Ulpi Verlag, erschienen 2009
    Gebunden, 356 Seiten
    ISBN-13: 978-3-00-029204-0
    39,90 Euro

  • Literatur Beitrag vom 19.01.2010 Claudia Amsler 





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