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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.06.2010

Karin Andert - Monika Mann. Eine Biografie
Evelyn Gaida

Am 7. Juni 2010 wäre sie 100 Jahre alt geworden: Monika, das vierte der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann. Sie veröffentlichte selbst erfolgreich Texte, hatte im Klan der Manns aber die Rolle ...



... der Ungeliebten, Verfemten inne.

Die Literaturwissenschaftlerin und Soziologin Karin Andert hat im M√§rz 2010 die erste Biographie zur bisher wenig beachteten Monika Mann vorgelegt. Erstmals ist darin auch Monikas New Yorker Tagebuch (1945) und Katia Manns "Monika-B√ľchlein" (1910-14) mit Aufzeichnungen zu Monikas fr√ľhesten Lebensjahren ver√∂ffentlicht.

W√§hrend Andert eine Tagung √ľber "Die Frauen der Manns" vorbereitete, fiel ihr auf, dass keinerlei Untersuchungen zu Monika vorlagen. In ihrer Biographie l√§sst die Autorin nun ein anderes Bild zum Vorschein kommen, als das von der Familie √ľber Monika verh√§ngte Image des minderwertigen Sonderlings. Die Biographin verwendet eigene Interpretationen eher dezent und bem√ľht sich um eine ausgewogene Darstellung der famili√§ren Sichtweisen. Im Vordergrund steht jedoch die Absicht einer Rehabilitation: Das Buch bringt Monikas unterschwellige, aber mit extremer Hartn√§ckigkeit betriebene Selbstbehauptung zutage.

Die zumeist vernichtenden Einsch√§tzungen dieser Tochter von Seiten der Manns nehmen, wohl unausweichlich, viel Raum ein. Sie bilden im gesamten Buch den Hintergrund zum Lebenslauf der Viertgeborenen. Der gewichtige Schatten und Anspruch des ber√ľhmten und dominanten Vaters sowie einer ganzen Reihe schillernder Angeh√∂riger tritt stark hervor.

Als (Klein-)Kind war Monika in den Augen ihrer Mutter noch niedlich und einschmeichelnd, r√ľckte aber nach der Geburt Elisabeth Manns, die von Anfang an Liebling des Vaters war, j√§h in die hintere Reihe der Zuwendung. Mit 14 Jahren zur Pubertierenden geworden, fiel Monika g√§nzlich in Ungnade. Katia nannte sie in Briefen und Aufzeichnungen nun das "bl√∂de M√∂nle" oder das "dumme, mir recht sehr verleidete Kind". Schlie√ülich hie√ü es: "Aus dem Haus mu√üte und sollte das Kind, so muffig und unerfreulich wie es war, und nun kamen auch noch Schulunannehmlichkeiten hinzu."

F√ľr die LeserInnen ist es im Gegensatz zur Familie Mann nicht verwunderlich, dass Monika zu Hause schweigsam, "verhemmt" und "muffig" auftrat, obwohl oder gerade weil man(n) dort "klug, witzig und unterhaltend zu sein" hatte. Letztere Rolle war bereits in fester Hand der √§lteren Geschwister Erika und Klaus. Vermittelnd r√§umt die Autorin ein, die Eltern h√§tten es auch nicht leicht gehabt mit Monikas Art, und macht deutlich, wie problematisch eine Positionierung in einer so hochkomplexen Beziehungskonstellation ist. Die Biographie bringt jedoch immer wieder Monikas andere Seite zur Geltung, die sich au√üerhalb des Elternhauses zeigte. Im Internat Salem am Bodensee, wohin Monika wie ihr Bruder Golo geschickt wurde, konnte sie sich entfalten, hatte viele Freunde und spielte bei einer Figaro-Auff√ľhrung sehr erfolgreich die Susanne. Zur gro√üen Verwunderung der Mutter wurde Monika in Salem √§u√üerst gesch√§tzt.

Auf den Schulabschluss im Alter von 16 Jahren folgte ab 1926 eine rastlose Zeit der Suche nach der eigenen Berufung, die Monika √ľber Jahrzehnte hinweg besch√§ftigen sollte. Sie begann ein Klavierstudium in Lausanne, ging ein Jahr sp√§ter auf die Kunstgewerbeschule in M√ľnchen, dann nach Paris und Berlin. 1933 folgte sie der Familie in die Emigration nach S√ľdfrankreich und st√ľrzte sich dort erneut "phrenetisch" ins Klavier√ľben. Das Klavierstudium nahm sie 1934 in Florenz wieder intensiv auf - Ersch√∂pfung und Resignation lie√üen nicht lang auf sich warten. Monika lernte den promovierten ungarischen Kunsthistoriker Jen√∂ L√°nyi kennen, der ihr endlich Halt gab. 1938 heiratete sie ihn in London. Die Familie war abermals sehr erstaunt, dass jemand etwas am "dumpf-wunderlichen M√∂nle" finden konnte.

Dann der Schlag, das Trauma: "Mitten im Londoner Blitzkrieg" traten Monika und ihr Mann 1940 auf der "City of Benares" die √úberfahrt nach Kanada an. Das Schiff wurde von einem deutschen Torpedo getroffen, L√°nyi ertrank vor Monikas Augen, sie selbst wurde nach 20 Stunden gerettet. Der Schriftsteller Charles Neider bewunderte sie sp√§ter daf√ľr, es fertiggebracht zu haben, wieder "in ein einigerma√üen normales Leben zur√ľckzukehren." Ihre Familie setzte genau das voraus.

Materielle Zuwendung wurde Monika durch ihre Eltern lebenslang als Selbstverst√§ndlichkeit zuteil, emotionale Zuwendung musste erst verdient werden. In New York, wohin sie 1942 √ľbersiedelte, ging sie keiner Erwerbsarbeit nach, galt bei den Verwandten als vollkommen unn√ľtz und faul. Das New Yorker Tagebuch zeigt dagegen Monikas innerlich geleistete Arbeit, Orientierung und Festigkeit in sich selbst zu suchen, dem l√§hmenden Ehrgeiz zu entkommen. Sie habe es mit Stenographie versucht, sehe aber keine sinnvolle T√§tigkeit darin. Fraglich ist auch, ob eine durchschnittliche Arbeit im weltber√ľhmten Elternhaus angesehener gewesen w√§re, als die offene Schwebe der Erwerbslosigkeit.

Zur Ruhe und zu sich selbst fand Monika auf Capri, wohin sie im Jahr 1954 zog. Dort traf sie ihren Lebensgef√§hrten Antonio Spadaro, einen Ur-Capreser und Maurer, der ihren Vater nicht kannte. Mit ihm lebte sie √ľber 30 Jahre lang zusammen und ver√∂ffentlichte, wie bereits in New York begonnen, regelm√§√üig Feuilletons, die unter anderem von ihrer scharfen Beobachtungsgabe zeugen. Finanziell brachte Monika diese Arbeit genug ein, um davon leben zu k√∂nnen. Ihr Erinnerungsband "Vergangenes und Gegenw√§rtiges" (1956) drohte Erikas gleichzeitig erschienenes Erinnerungsbuch "Das letzte Jahr" in den Schatten zu stellen. Monika verfasste jedoch keine Enth√ľllungsschriften, sondern bewahrte sich den Vater als idealisierte, ferne Gestalt, die Mutter als Kindheitsillusion, nannte aber auch unbequeme Dinge beim Namen, so Andert. In ihrem von der Familie abgelehnten Beitrag zum Klaus-Mann-Gedenkbuch erw√§hnte sie dessen "Einsamkeit" und "das Obdachlose seiner Argumente". Frido Mann zufolge geh√∂rte es bei den Manns immer zum guten Ton, sich abf√§llig und angewidert √ľber Monikas Schriftstellerei zu √§u√üern - wovon diese sich nicht beirren lie√ü. 40 Jahre lang √ľbte sie ihre publizistische T√§tigkeit aus. Bei ihren Eltern hielt Monika sich trotz allem regelm√§√üig f√ľr l√§ngere Zeit auf, nach dem Tod Thomas Manns bei der Mutter. Ihre N√§he suchte die Tochter lebenslang vergeblich.

AVIVA-Tipp: "Monika Mann. Eine Biografie" gew√§hrt einen bewegenden Einblick in eine au√üergew√∂hnliche Lebensentwicklung und das hochkomplizierte sowie hochproblematische Familiengef√ľge der Manns. Die ungeliebte und als nutzlos verschrieene Tochter wird im Schatten ihrer Herkunft gezeigt, vor deren Hintergrund sich die besondere Leistung ihrer Selbstbehauptung und ihre Willenskraft abzeichnen. F√ľr einige Un√ľbersichtlichkeit und Verwirrung sorgt die thematische, statt chronologische Ausrichtung der Kapitel, aber auch f√ľr poetische Blickwinkel: Nicht Monikas Tod bildet den Schluss, sondern ihre ungebrochene Liebe zur Musik.

Zur Autorin: Karin Andert, geboren 1943 in Elbing, studierte Soziologie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Darmstadt. Von 1992 bis 2008 war sie Studienleiterin der Evangelischen Akademie Tutzing, wo sie zahlreiche Tagungen zur Familie Mann durchgef√ľhrt hat. Seit Juli 2008 ist sie als Redakteurin von Konferenzdokumentationen des GRP an der Ludwig-Maximilians-Universit√§t M√ľnchen t√§tig. 2007 brachte sie bei Rowohlt die Schriften von Monika Mann heraus: "Das fahrende Haus. Aus dem Leben einer Weltb√ľrgerin". Karin Andert lebt in Tutzing. (Quelle: Mare Verlag)

Karin Andert
Monika Mann. Eine Biografie

Mare Verlag, erschienen März 2010
Hardcover, 328 Seiten mit Fotos
ISBN 978-3-86648-125-1
24,00 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.mare.de

"Das fahrende Haus. Aus dem Leben einer Weltb√ľrgerin" von Monika Mann, herausgegeben von Karin Andert

www.fembio.org

"Thomas Mann und die Seinen" von Marcel Reich Ranicki

"Die Kinder der Manns. Ein Familienalbum", herausgegeben von Uwe Naumann

"Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk" von Hermann Kurzke

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Inge und Walter Jens: Frau Thomas Mann - Das Leben der Katharina Pringsheim

Erika Mann - eine ungewöhnliche Frau

Die Frauen der Genies

Katias Mutter - eine Biographie von Inge und Walter Jens

Literatur Beitrag vom 14.06.2010 Evelyn Gaida 





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