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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.07.2010

Myrthe Hilkens - McSex. Die Pornofizierung unserer Gesellschaft und Johannes Gernert - Generation Porno. Jugend, Sex, Internet
Miriam Hutter

Wir leben in einer "pornofizierten" Gesellschaft: Bilder von (halb-)nackten Frauen, die uns oft gesichtslos von Plakaten entgegenblitzen, sogenannte Pornopartys fĂŒr Jugendliche, selbstgedrehte ...



...Sexvideos, die per Handy auf Schulhöfen ausgetauscht werden, ganz ŽnormaleŽ SchulmÀdchen, die sich in Internetforen "Pussy, Bitch" oder "Porno Babe" nennen, Strip-Stangen-Sets, die in Amerika in der Kinderabteilung von SupermÀrkten verkauft werden: der Porno ist mittlerweile im Mainstream angekommen.

Zwei junge AutorInnen haben in diesem Jahr ihre BĂŒcher zu diesem Thema veröffentlicht. WĂ€hrend die niederlĂ€ndische Autorin Myrthe Hilkens in "McSex. Die Pornofizierung unserer Gesellschaft", diese Pornofizierung aus einem feministischen Blickwinkel heraus sehr kritisch betrachtet, versucht Johannes Gernert mit seinem Buch "Generation Porno" weniger ein Urteil zu fĂ€llen, als die Gefahren herauszuarbeiten, welche die "Pornografisierung" fĂŒr die Jugendlichen birgt.

Beide AutorInnen stellen fest, dass die Pornofizierung MĂ€nner und Frauen auf unterschiedliche Weise betrifft.
Sind die ĂŒbersexualisierten Bilder in der Hauptsache auf einen mĂ€nnlichen Blick hin ausgerichtet, so mĂŒssen sich Frauen eher damit auseinandersetzen, ob sie (im realen Leben) einem solchen Blick entsprechen wollen.

Hilkens, die das fĂŒr sich ganz klar mit einem Nein beantwortet, zeigt in ihrem Buch die Schwierigkeiten genauer auf, die sich fĂŒr MĂ€dchen und Frauen, durch diesen mĂ€nnlichen Blick ergeben. Dieser wird durch Bilder ĂŒbermittelt, die sich ebenso in der Werbung, in Magazinen, oder Musikvideos zeigen, als auch in den Pornos, die im Internet kursieren. Hilkens stellt dabei "vor allem Genres, Bilder, Musikvideos und Filme in Frage, in denen man das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau mit der Lupe suchen muss, um anschließend festzustellen, dass davon wirklich keine Rede sein kann."
Denn diese medialen Bilder, die durchweg sexuell konnotiert sind, vermitteln höchst problematische Geschlechterrollen: wĂ€hrend MĂ€nner als ZuhĂ€lter, oder Machos dargestellt werden, fungieren die Frauen darin als "reines Lustobjekt fĂŒr MĂ€nner", das diese durch ihre sexuelle VerfĂŒgbarkeit und ihre AttraktivitĂ€t anspricht.

Zwei Möglichkeiten bleiben den Frauen dabei fĂŒr gewöhnlich, die auch die Journalistin Ariel Levy in "Female Chauvinist Pigs: Women and the Rise of Raunch Culture" beschrieben hat: Entweder sie identifizieren sich selbst mit diesem Blick, in dem sie sich nach dem Motto "If you canÂŽt beat them, join them" beispielsweise mit MĂ€nnern in Stripclubs amĂŒsieren. Oder sie machen sich selbst zum Objekt, indem sie sich dem "herrschenden Klischee der Weiblichkeit" unterordnen.
Wie problematisch das ist, zeigt Hilkens mit Beispielen aus der gesellschaftlichen RealitÀt in den Niederlanden, den USA und Deutschland. Viel mehr junge MÀdchen als noch vor einigen Jahren sind heute unzufrieden mit ihrem Aussehen. So fand die "Dr.-Sommer-Studie 2009 - Liebe! Körper! SexualitÀt!" heraus, dass 27 % der normalgewichtigen MÀdchen gerne schlanker wÀren.
In den Niederlanden, so berichtete das Amsterdamer Gesundheitsamt 2006, gebe es immer mehr junge MĂ€dchen, die "Alkopop-Sex" betreiben. Das heißt diese MĂ€dchen erweisen ihren MitschĂŒlern sexuelle Dienste, um im Gegenzug Zigaretten, ein Essen, oder Kleidung zu bekommen. Laut einer niederlĂ€ndischen Studie wurden 18 % aller MĂ€dchen zum ersten Sex ĂŒberredet oder sogar gezwungen.
Auf den niederlÀndischen Schulhöfen ist es mittlerweile scheinbar gang und gÀbe, MÀdchen LGWs zu nennen: "Lust-, Grapsch- und Wegwerfobjekte."

Die Autorin fordert deshalb vor allem einen neuen Umgang mit den Medien, eine generelle Sensibilisierung fĂŒr die Wirkung von Bildern und deren Bezug zur RealitĂ€t.
Eine weitere Möglichkeit sieht sie in "guten Pornos", die nicht darauf basieren, die SexpartnerInnen zu erniedrigen und die ein weitlÀufigeres Schönheitsbild vermitteln.

Hilkens schreibt in einer sehr lockeren, leicht zugĂ€nglichen Sprache, wobei das Buch trotz seiner wissenschaftlichen Untermauerung sehr persönlich gehalten ist. So lĂ€sst die Autorin die traurige Geschichte ihrer Großmutter miteinfließen, mit der sie deutlich macht, dass es keinesfalls die RĂŒckkehr in ein prĂŒdes Zeitalter ist, die sie anstrebt.
Ihre eigenen Erfahrungen als Studentin und als Musikjournalistin, die ĂŒber Hip-Hop-Themen schreibt, werden von Hilkens als eine Geschichte der Bewusstwerdung und ĂŒber die Mechanismen, die unsere Gesellschaft bestimmen (Sex und Geld) geschildert.
Einigen Kapiteln sind Selbstaussagen von NiederlÀnderInnen vorangestellt, die sich auf verschiedene Weisen mit dem Thema SexualitÀt auseinandersetzen.

Auch in Johannes Gernerts "Generation Porno" kommen viele subjektive Stimmen zu Wort. Zwischen den beiden radikal entgegengesetzten Standpunkten, die entweder diese Pornografisierung gutheißen, da sie einen unbeschwerteren Umgang mit der eigenen SexualitĂ€t ermögliche, oder deren Verdammung, da sie sexuelle Gewalttaten fördere, geht Gernert der Frage nach, welche Auswirkungen die "Pornografisierung" tatsĂ€chlich auf die Lebenswelt von Jugendlichen hat.

FĂŒr seine Recherchen hat Gernert nicht nur PĂ€dagogInnen, PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen befragt, sondern sich auch selbst mit den Jugendlichen und ihren Familien unterhalten.
Detaillierter als Hilkens geht Gernert auf den "digital divide", den Digitalen Trennungsgraben ein, der die Eltern von ihren Kindern trennt und macht den LeserInnen deutlich, was es bedeutet, mit Internet und Mobiltelefonen aufzuwachsen.
Gernert ist fĂŒr seine Recherchen auch in soziale Netzwerke wie Jappy oder SchĂŒlerVZ eingetreten. Die stark "sexualisierte Selbstdarstellung", welche die von ihm zitierte Medienwissenschaftlerin Petra Grimm festgestellt hat, konnte er so selbst ĂŒberprĂŒfen,"Gerade TeenagermĂ€dchen prĂ€sentieren sich in den Communitys nicht selten in sexy Posen und mit Kussschnuten, wie weibliche Pornostars sie vormachen", stellt Gernert dabei fest.

Gernert bezieht sich zu großen Teilen auf dieselben Studien und Texte wie Hilkens, so beispielsweise die Studienergebnisse der American Psychological Association, des niederlĂ€ndischen Gesundheitsamtes und der "Dr.-Sommer-Studie 2009 - Liebe! Körper! SexualitĂ€t!".
Die bekannten Fakten und Zahlen ergĂ€nzt der Autor mit Berichten aus der deutschen Medienlandschaft. Kritisch bemerkt Gernert, dass mit TV-Formaten wie "GermanyÂŽs Next Topmodel" und "Mission Hollywood", bei denen sich die MĂ€dchen teilweise ausziehen mĂŒssen, um ihrem Traum vom Erfolg nĂ€her zu kommen, sexuelle BelĂ€stigung zum "Unterhaltungsgenre" wird: "Zieh dich aus, sei sexy, dann schauen sie dir zu, dann beachten sie dich", ist die Botschaft, die MĂ€dchen durch die Medien unentwegt suggeriert wird.
In beiden BĂŒchern wird das schiefe Geschlechterbild aufgegriffen, das, immer zu Ungunsten der Frau, in Pornos als auch den Mainstream-Medien ausfĂ€llt.

Hilkens und Gernert kommen letztlich zu den gleichen Ergebnissen: dass die pornografisierten Bilder Auswirkungen auf uns alle haben. AnfĂ€lliger fĂŒr eine unreflektierte Übernahme von Verhaltensmustern, die durch die Bilder transportiert werden, sind Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien. Je behĂŒteter das Umfeld ist, in dem sie aufwachsen, je mehr sie das GefĂŒhl haben mit Eltern und FreundInnen ĂŒber sexuelle Themen sprechen zu können, desto besser können sich Kinder und Jugendliche von diesen Bildern distanzieren.

Hilkens sieht die Verantwortung vor allem bei den Medien selbst, an die sie sich auch mit ihrem (ebenfalls in dem Buch abgedruckten) Manifest wendet, um Bilder zu fordern, die sich stÀrker an der Wirklichkeit orientieren.

Beide AutorInnen sehen die Notwendigkeit einer Medienerziehung fĂŒr Kinder und Jugendliche, sowohl durch das Elternhaus, als auch durch die Schule. Hilkens fordert in ihrem Manifest, das bisher von 10.000 Menschen unterzeichnet wurde, einen festen Platz von Medienerziehung im Schulunterricht, wohingegen Gernert vor allem die Rolle, die den Eltern dabei zukommen sollte betont. "Generation Porno" schließt mit einem Ratgeberteil, der den Eltern in zwanzig Punkten Tipps gibt. Diese reichen von der lockeren Einbindung von GesprĂ€chen ĂŒber SexualitĂ€t in den Alltag, ĂŒber die richtige Weise Grenzen zu setzen, bis zu der Empfehlung, sich selbst einmal in einem Netzwerk anzumelden.

AVIVA-Tipp: Beide AutorInnen machen deutlich, dass die "Pornofizierung der Gesellschaft" allumfassend ist und nicht nur ĂŒber die Verbreitung von pornografischen Inhalten im Internet geschieht.
WÀhrend Hilkens Buch eher zum politischen Handeln auffordern möchte, um gegen die Pornografisierung vorzugehen, sieht Gernert die Hauptverantwortung mit diesen Bildern umzugehen, bei den Eltern.
Wo Hilkens Buch "McSex" vorrangig fĂŒr ein weibliches (jĂŒngeres) Publikum geschrieben zu sein scheint, richtet sich Gernert mit "Generation Porno" vor allem an die Eltern und LehrerInnen der heutigen Jugend.
Beide BĂŒcher sind auf jeden Fall uneingeschrĂ€nkt zu empfehlen!

Zur Autorin: Myrthe Hilkens, Jahrgang 1979, arbeitet als freie Musikjournalistin und als freie Autorin fĂŒr verschiedene niederlĂ€ndische Zeitungen. In einem Manifest fordert Myrthe Hilkens die EinfĂŒhrung des Faches "Medienerziehung" an Schulen. Es wurde in den Niederlanden bereits von ĂŒber 10.000 Menschen unterzeichnet. (Quelle: Verlagsinformation)

Zum Autor: Johannes Gernert, geboren 1980 studierte Publizistik und Englisch in Berlin und Nordirland, anschließend besuchte er die Deutsche Journalistenschule in MĂŒnchen. Heute arbeitet er als freier Journalist. Seit Jahren recherchiert und schreibt er ĂŒber Jugendkulturen, das Internet und Pornografie. Er schreibt unter anderem fĂŒr die "taz" und fĂŒr "Spiegel Online". (Quelle: Verlagsinformation)




Myrthe Hilkens
McSex
Die Pornofizierung unserer Gesellschaft

Originaltitel: McSex, de pornoficatie van de samenleving, 2008
Aus dem NiederlÀndischen von Cecile Speelman
Orlanda Frauenverlag, 1. Auflage erschienen 2010
Paperback, 208 Seiten
ISBN-13: 9783936937725
18 Euro



Johannes Gernert
Generation Porno
Jugend, Sex, Internet

FackeltrÀger Verlag, erschienen Februar 2010
Gebunden, 224 Seiten
ISBN 978-3771644390
19,95 Euro

Weiterlesen:

"Dr.-Sommer-Studie 2009 - Liebe! Körper! SexualitÀt!"

Die BroschĂŒre (120 Seiten) kann angefragt werden bei presse@bravo.de
oder katrin.hienzsch@bauermedia.com


Literatur Beitrag vom 15.07.2010 AVIVA-Redaktion 





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