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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.07.2010

Oksan Svastics - J├╝disches Istanbul
Claire Horst

Wunderbare B├╝cher macht der kleine ├Âsterreichische mandelbaum Verlag. Ein Beispiel daf├╝r ist der schmale "city guide" aus der Reihe "J├╝disches Europa". Er beginnt mit dem Bericht der j├╝dischen ...



... Autorin Vivet Kanetti ├╝ber ihre Kindheit in der Stadt.

Die Sprache der t├╝rkischen J├╝dInnen, das Ladino, ist f├╝r Kanetti das Hauptmerkmal des j├╝dischen Istanbuls. "Nichtjuden nannten diese Sprache j├╝disch. F├╝r die Juden wiederum hie├č sie im Alltag und untereinander Spanisch... Es war eine gerettete Sprache, eine Sprache, die in den neuen Breiten so seltsam anmutete wie ein Pinguin mitten in Afrika... variantenreich, zerst├╝ckelt, aufgespalten und farbenfroh."

Aus Kanettis Erz├Ąhlung wird die Vielfalt j├╝dischen Lebens in Istanbul deutlich. "Die Juden, die die Gegend um den Galata-Turm, Hask├Ây und Balat ... l├Ąngst verlassen oder nie dort gelebt hatten, verachteten die Juden, die dort wie festgenagelt waren, die Familien, die blo├č Fischer, Schneider, Kleinh├Ąndler und Strolche hervorbrachten, immer noch frei von Komplexen Ladino sprachen und die Lieder in dieser Sprache im Ged├Ąchtnis behielten, jene Juden ┬┤aus dem Volke`, die mit dem Wandel nicht Schritt halten konnten...".

Derart auf das bunte j├╝dische Istanbul eingestimmt, erf├Ąhrt die Leserin im Anschluss alles Wissenswerte ├╝ber die Geschichte des Judentums nicht nur in Istanbul.

Seit 2400 Jahren leben Juden und J├╝dinnen auf dem Gel├Ąnde der heutigen T├╝rkei, wie Ausgrabungen und alttestamentarische Hinweise belegen. Von einer einheitlichen j├╝dischen Bev├Âlkerung konnte dabei noch nie die Rede sein - Svastics zeigt, dass sie sich schon in byzantinischer Zeit aufteilte: in Romanioten mit griechischen Namen und Kar├Ąer, die den Talmud ablehnten. W├Ąhrend des Osmanischen Reiches mit seiner Glaubensfreiheit bl├╝hte die Gemeinde auf, besonders best├Ąrkt durch den Zuzug Zehntausender aus Spanien vertriebener Juden. Im 20. Jahrhundert bewirkte Atat├╝rks Gr├╝ndung der Republik und der damit einhergehende Staatslaizismus dann eine Auswanderungswelle, eine weitere folgte auf die Gr├╝ndung Israels. Die Rolle der T├╝rkei im 2. Weltkrieg schildert die Autorin in einem eigenen kleinen Kapitel.

Sehr kompakt und informativ beschreibt sie die von Migrationen bestimmte Geschichte der t├╝rkischen J├╝dInnen und erz├Ąhlt die t├╝rkische Geschichte dabei gleich mit. Ihr Fazit: "In der T├╝rkei gibt es heute zirka 24.000 Juden, die, wie ein t├╝rkischer Intellektueller es formulierte, `nicht in einem physischen, sondern in einem sozialen Ghetto` leben" - sie sind unsichtbar. Um so wichtiger ist es, dass man sich nun auf die Spuren ihrer Geschichte begeben kann.

Dazu bietet sich der zweite Teil des Buches an, ein klassischer Stadtf├╝hrer, der nach Regionen aufgeteilt ist und jeweils auch deren historische Entwicklung schildert. Fotos und Zeichnungen illustrieren die Texte und machen Lust, sofort loszufahren und die Stadt zu durchforsten. Viele Orte - Synagogen, Krankenh├Ąuser, Wohnh├Ąuser prominenter J├╝dInnen, Verlage - sind dabei mit Adresse angegeben. Etwas schade allerdings, dass keine Karten enthalten sind, auf denen etwa der jeweilige Rundgang eingezeichnet w├Ąre. Ihre Spurensuche muss die Leserin sich selbst zusammenstellen.

Sehr hilfreich ist das Glossar, das nicht nur Begriffe aus der j├╝dischen Tradition, sondern auch aus der t├╝rkischen Architektur umfasst. Im Anhang befindet sich ein Adressverzeichnis, das sehr aufschlussreiche Informationen ├╝ber den Zustand der j├╝dischen Gemeinden liefert. So sind zwei Altersheime und neun Friedh├Âfe, jedoch nur zwei koschere Restaurants und ein Sportverein verzeichnet.

AVIVA-Tipp: "J├╝disches Istanbul" ist ein wunderbarer Reisef├╝hrer - neben den Spuren j├╝discher Geschichte l├Ąsst sich ganz nebenbei vieles Wissenswerte ├╝ber Stadtgeschichte, Kultur und Gesellschaft erfahren.

Zur Autorin: Ok┬║an Svastics, geboren in Ankara, ist seit 1987 Journalistin, Redakteurin, Herausgeberin sowie Korrespondentin f├╝r zahlreiche t├╝rkische und internationale Zeitschriften, Magazine und Verlage. Sie lebt seit sechs Jahren in Wien.

Oksan Svastics
J├╝disches Istanbul

Aus dem T├╝rkischen von Monika Demirel
mandelbaum verlag, erschienen 2010
216 Seiten, broschiert
19,90 Euro
ISBN: 978385476-329-1

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Literatur Beitrag vom 16.07.2010 Claire Horst 





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