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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.07.2010

Becoming intense - becoming animal - becoming...
Marie Heidingsfelder

Geschlecht, Sexualität und Körper in einer transkulturellen Welt - Elf Arbeiten aus Asien und Europa, die sich mit identitären Grenzen beschäftigen, sie erweitern und tradierte Schranken brechen.



In der klassischen Physik ist ein K√∂rper etwas, das Masse hat und Raum einnimmt. Jenseits dieser wissenschaftlichen Definition zeigt der Kehrer-Verlag elf Auseinandersetzungen mit dem K√∂rper als kulturelle Einschreibungsfl√§che und performatives Ausdrucksmittel. K√ľnstlerInnen aus Japan, der Volksrepublik China, Taiwan, Malaysia, Israel, Frankreich, Algerien, Italien, Portugal und Belgien, deren Arbeiten sich an den Grenzen die Grenzen des - manchmal eigenen - K√∂rpers bewegen: Es geht um kulturelle, religi√∂se und soziale Differenzen, um Identit√§t, Machtdynamik, Repr√§sentation, Begehren und Raum. Der K√∂rper bekommt in ihren Bildern, Videos und Performances eine "historische Dimension, als organische und vereinheitlichte Repr√§sentation von Zeit und Raum".

Was sich so abstrakt anh√∂rt, wirkt auf den ersten Blick in der Umsetzung teilweise eher verspielt: Eine Frau heiratet eine Person im Gorilla-Kost√ľm, eine als orthodoxer j√ľdischer Mann verkleidete Frau zeigt ihre Brust, in einem Museum angelt ein Mann in einem riesigen Aquarium nach einem goldenen Fisch, ein Mann imitiert Pflanzen in einem Park... Andere Arbeiten verst√∂ren: Bilder einer Folterung, eine mit einem Nagel durchschlagene Zunge, ein Portrait von Hitler als Baby oder Arm- und Beinamputierte, die an einem Seil von einem Hubschrauber h√§ngend eine Leinwand bemalen.

K√∂rper im Stillstand oder in Bewegung, als passiv leidend oder aktiv performend, K√∂rper zwischen festen Kategorien f√ľr Geschlecht- und Art, die sich an den Zusammenfl√ľssen von Extremen wie Menschheit und Animalit√§t, Maschine und Monster positionieren. Alle Arbeiten umspielen und ber√ľhren einen theoretischen Kontext, der auch in den Begleittexten von Larys Frogier, Martina K√∂ppel-Yang und Melanie Trede nur angedeutet werden kann: Bereits der Titel verweist auf ein Konzept von Gilles Deleuze und Felix Guattar√≠, den "Corps sans organes": Ein organloser K√∂rper, der dem Organismus entgegen steht und nur mehr ein Ensemble von Klappen, √Ėffnungen und Ventilen in st√§ndiger Kommunikation ist. Des weiteren zitieren die AutorInnen PhilosophInnen wie Donna Haraway, Michel Foucault, Jacques Lacan oder auch Judith Butler, ohne dass der Raum f√ľr eine ausf√ľhrliche Auseinandersetzung mit deren Arbeiten zu Cyborgtheorie, Machtstrukturen, Psychologie, Geophilosophie und Diskursanalyse gegeben w√§re. Es gelingt den AutorInnen dennoch, die gewaltige philosophische Basis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen - immer wieder scheint sie in den sehr dichten Texten auf und zeigt m√∂gliche Denkwege und Interpretationen f√ľr die gezeigten Werke. Trotz der theoretischen Last und der Komplexit√§t der Werke bewahrt sich der Katalog so eine fast spielerische Ann√§herung - man kann sehr tief gehen, aber man muss nicht.

"Becoming intense - becoming animal - becoming..." war ebenfalls der Titel einer Ausstellung, die von November 2009 bis Februar 2010 in Heidelberg zu sehen war. Diese war Teil des Exzellenzclusters "Asien und Europa im globalen Kontext: Wechselnde Asymmetrien in kulturellen Austauschprozessen" der Universität Heidelberg und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Der Katalog erg√§nzt die gezeigten Werke durch ein Vorwort, eine Einf√ľhrung in das Thema, einen Essay von Larys Frogier, den Biographien der elf K√ľnstlerInnen, und Interviews mit Adel Abdessemed, Oreet Ahery und Koen Vanmechelen.
Fast √ľberfl√ľssig zu erw√§hnen, dass der Kehrer-Verlag sein Talent f√ľr au√üergew√∂hnlich sch√∂ne Publikationen ein weiteres Mal best√§tigt.

AVIVA-Tipp: Kein Katalog zum leichten Durchblättern, aber sowohl was die Werke, als auch was die Texte angeht, eine tolle Annäherung an Konzepte von Geschlecht, Sexualität und Körper. "We have to fertilize to create diversity" fasst Koen Vanmechelen das heimliche Motto in seinem Interview zusammen - "Becoming intense - becoming animal - becoming…" ist Reiseeinladung in transkulturelle Grenzgebiete.


Zu den Herausgeberinnen:

Martina Köppel-Yang
hat in Heidelberg, Peking und Paris studiert, besitzt einen Doktortitel in Ostasiatischer Kunstgeschichte und Sinologie und arbeitet als unabh√§ngige Kunsthistorikerin, Autorin und Kuratorin in Paris. Sie schreibt unter anderem f√ľr "Yishu Journal for Contemporary Chinese Art" und "Red Flag Collection". Zusammen mit ihrem Ehemann, dem K√ľnstler Yang Jie-Zhang hat sie "M√ľhlgasse 40", ein online Archive f√ľr zeitgen√∂ssische chinesische Kunst gegr√ľndet.
Weitere Infos zu Martina K√∂ppel-Yang und "M√ľhlgasse 40" finden Sie unter: www.1-10.fr/en
Melanie Trede wurde 1963 in Heidelberg geboren und hat dort auch studiert und promoviert. In ihrem zweiten Studienort Berlin lernte sie Japanisch und wechselte von dort nach Tokyo zu einem zweij√§hrigen Studienaufenthalts an der Gakush√Ľin University. Vor ihrer R√ľckkehr nach Heidelberg, wo sie als Professorin f√ľr japanische Kunstgeschichte arbeitet, war sie Assistant Professor am New Yorker Institute of Fine Arts. Melanie Tredes Forschungsspektrum ist breit, es umfasst Kunst aus den verschiedensten Epochen, ihr methodisches Besteck reicht von der Rezeptions√§sthetik √ľber Medientheorie bis hin zu Gender-Fragen.

Becoming intense - becoming animal - becoming...
Herausgeberinnen: Martina Köppel-Yang und Melanie Trede
Kehrer Verlag, erschienen Dezember 2009
AutorInnen: Larys Frogier, Martina Köppel-Yang und Melanie Trede
Sprache: Deutsch und Englisch
Broschiert, 160 Seiten mit 120 farbigen Illustrationen
ISBN 978-3-86828-110-1
25 Euro
www.kehrerverlag.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Double Sexus. Louise Bourgeois und Hans Bellmer

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Literatur Beitrag vom 27.07.2010 Marie Heidingsfelder 





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