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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.07.2008

Gedächtnisraum Europa - Natan Sznaider
Yvonne de Andrés

Professor Natan Sznaider diskutiert Visionen des europäischen Kosmopolitismus und kritisiert den Diskurs europäischer Intellektueller, da diese die Zukunft Europas meist ohne Juden denken.



Wer heute √ľber die Zukunft Europas schreibt, tut dies meist im kritischen R√ľckblick auf dessen nationalistischen Traditionen. Ein Europa der universellen Werte und der gleichen Rechte f√ľr alle Menschen unabh√§ngig von Herkunft, Hautfarbe und Religion wird anvisiert. Das zuk√ľnftige Europa wird gewisserma√üen im Geiste seiner eigenen Tradition, der Aufkl√§rung, neu erfunden.

Der Professor f√ľr Soziologie am Academic College in Tel-Aviv, Natan Sznaider, stellt in seinem ausgezeichneten neuen Essay die These auf, dass dies noch nicht genug ist. Die Erfahrungen von Juden in Europa zeigen, dass Antisemitismus, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung, trotz Aufkl√§rung, trotz der Idee der gleichen Rechte, weiter existierten und existieren.

Ein wesentliches Essential der Aufklärung, nicht nur in Deutschland, war, dass Juden nur dann in den Genuss der gleichen Rechte kommen sollten, wenn sie ihre Identität als Juden aufgaben. Ein Europa der Zukunft, dass diese Erfahrung nicht ernst nimmt, grenzt nicht nur Juden in der Erinnerung und in der Zukunft aus, es wird auch den Gefahren einer unvollkommenen Moderne, denen es in seiner Geschichte mehrfach zum Opfer gefallen ist, nicht entgehen können.

Natan Sznaider diskutiert in seinem Buch Stellungnahmen, Kontroversen, Literatur, Kunst und vieles mehr, die um das Thema Europa nach dem Nationalsozialismus kreisen. Er spannt den Bogen von 1933 bis in die Gegenwart. Er nimmt die LeserInnen nicht nur mit auf eine Reise durch die Gedankenwelt und die √úberlegungen kritischer Geister wie unter anderem Hannah Arendt, Walter Benjamin, Franz Kafka, Raphael Lemkin, "Ged√§chtnisraum Europa" ist auch eine Reise an Orte und wichtige Ereignisse: K√∂nigsberg, N√ľrnberg, Moskau, Jerusalem, Z√ľrich, Genf, Warschau und Paris.

Die Geburt des neuen kosmopolitischen Europa entdeckt Sznaider besonders in der Rechtsprechung des N√ľrnberger Prozesses. Dort urteilten die Alliierten √ľber "Verbrechen gegen den Frieden", "Kriegsverbrechen" und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" ‚Äď wie Hannah Arendt und Karl Jaspers sp√§ter korrigierten: "Menschheit". In der Erinnerung an diese Verbrechen kann Europa seine Zukunft neu formulieren. Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen ist die Negativfolie der europ√§ischen Zukunft.

Allerdings, und eben das ist die gro√üe Leistung des Essays von Sznaider, wird die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten verk√ľrzt, werden sie einfach nur als Verbrechen gegen wesentliche Errungenschaften der Menschheit gedeutet. Schlie√ülich ging es vor allem und ganz besonders um die Ausl√∂schung der Juden. Wer in der Erinnerung - so Sznaider - die Verbrechen aus diesem Kontext l√∂st, wird auch f√ľr die Zukunft eines kosmopolitischen Europa, entscheidende Fallen √ľbersehen. Nicht nur wird er die berechtigten Forderungen nach Anerkennung und Respektierung einer j√ľdischen Identit√§t, als r√ľckw√§rtsgewandt und antimodern qualifizieren, er wird das Beharren auf Partikularit√§t √ľberhaupt, auf einer spezifischen Tradition, Religion und Kultur als per se fortschrittsfeindlich ansehen.

Ein neuer europ√§ischer Kosmopolitismus wird also einnerungspolitisch, die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht nur als Verbrechen gegen die Menschheit universalisieren d√ľrfen, er wird ihren spezifischen Charakter, den Versuch der deutschen Nationalsozialisten, die Juden dieser Welt vollst√§ndig zu vernichten, mit im Auge behalten m√ľssen. Dar√ľber hinaus kann die Zukunft Europas ohne die spezifische j√ľdische Erfahrung in Deutschland und Europa nicht neu formuliert werden. "Erst wenn wir erkennen, dass neben der Idee der Gleichheit aller Menschen auch die der Freiheit eines jeden Menschen, sei er Jude, Christ, Muslim oder Atheist wesentlich ist, kommen wir einer kosmopolitischen Zukunft Europas n√§her.

Die wesentliche Frage, die sich ein neuer europ√§ischer Kosmopolitismus stellen muss, lautet nach Natan Sznaider: "Wie l√∂st man die Spannung zwischen partikularer Identit√§t und allgemeinen Werten? Wie j√ľdisch waren Kafka, (...) Benjamin und Arendt?" Der Autor hat auch bereits eine Antwort parat, sie lautet: "Wer sich der Antwort auf diese Fragen verweigert, hat den j√ľdischen Kosmopolitismus verstanden".

Zum Autor: Natan Sznaider wurde 1954 in der N√§he von Mannheim geboren und lebt seit 1974 in Israel. Er ist Professor f√ľr Soziologie am Academic College in Tel-Aviv. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der politischen und kulturellen Dimension der Globalisierung sowie der Bedeutung der j√ľdischen Erfahrungen und Erinnerungen in diesen Prozessen. Er schrieb zusammen mit Daniel Levy √ľber "Die Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust" und zusammen mit Angelika Poferl √ľber "Ulrich Becks kosmopolitischer Begriff".
Lesen Sie auch das Interview mit Natan Sznaider auf den Seiten des Dilemma Verlags.

AVIVA-Tipp: Das Essay von Professor Natan Sznaider gibt einen guten Einstieg in den Diskurs √ľber j√ľdische Erfahrungen und Perspektiven im gegenw√§rtigen Europa. Natan Sznaider ist einer der wesentlichen Autoren, die man kennen muss, wenn man √ľber die Perspektiven Europas heute mitdiskutieren will.

Natan Sznaider
Gedächtnisraum Europa

Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus
transcript Verlag, erschienen April 2008
kartoniert - 144 Seiten
ISBN: 978-3-89942-692-2
16,80 Euro

Literatur Beitrag vom 23.07.2008 Yvonne de Andr√©s 





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