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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.10.2010

Monika Goetsch - Wasserblau
Ute Vetter

Ellen wird w├Ąhrend einer kleinen Reise unfreiwillig ein gut geh├╝tetes Geheimnis ihrer Eltern entdecken und dabei eine Verbindung zu sich selbst (h)erstellen. Ein merkw├╝rdiger Anruf l├Âst...



... versehentlich die Entdeckungsreise in ein s├╝ddeutsches Kaff aus, denn Ellen wird gebeten, eine nur f├╝r sie bestimmte Mappe aus einem Altenheim abzuholen.

Sie f├Ąhrt, dieser Aufforderung folgend, in das Dorf Petersbach. Die BewohnerInnen des Ortes, in dem Ellen als kleines Kind lebte, werden zu Stationen, mit deren Hilfe sich ein entschwundenes Bild zusammensetzt. Eine nette Wirtin der hiesigen Pension, ein l├╝sterner, h├Âchst unangenehmer Mensch und Schwester Barbara aus dem Altenheim helfen Ellen, Bruchst├╝cke des Geheimnisses ihrer k├╝rzlich verstorbenen Mutter aufzufinden. Die Spuren f├╝hren sie nach dem Besuch des Friedhofs zu ihrem VaterÔÇŽ

Ellen erinnert sich an ihre Mutter, Elisabeth, wie sie durch das Wasser glitt, kr├Ąftig kraulte oder vor ihr auftauchte. Erinnert sich der Passion der Mutter f├╝r Hallen- und Freib├Ąder, der sie fast t├Ąglich nachging. Leise, fast unmerkliche Br├╝che sind in das Bild der schwimmenden Mutter eingeflochten. Warum? Was hat es damit auf sich?

"Sommer f├╝r Sommer erschloss sich Elisabeth neue Seen, immer auf der Suche nach dem einen, an dem sie bleiben k├Ânnte. [...] Aber wenn sie nicht schwamm oder geschwommen hatte oder wusste, dass sie schwimmen w├╝rde, hielt es sie kaum ruhig in der Wohnung. Sie st├╝rzte von Zimmer zu Zimmer. Sie schlug sich den Ellenbogen am T├╝rrahmen blau. Sie ruckte die St├╝hle unter den Tisch..."

In "Wasserblau" von Monika Goetsch geht es nicht um unmittelbar Sichtbares. Im heimlichen Zentrum steht das entschlossene Schweigen, das zwischen Eltern und Kinder liegen kann. Eine Depression, die in ihrer Tragik das Leben einer Familie bestimmt(e), wird im Roman rekonstruiert.

Die leidenschaftliche Schwimmerin Elisabeth, die in den 1970er Jahren keinen Ausweg mehr sah, Tabletten schluckte und heimlich Alkohol trank, war unsichtbar krank. Als gestresste junge Frau mit "rettender" Aff├Ąre und Kindern, verk├Ârperte sie statistisch gesehen den Aufstieg in den Wohlstand einer neuen Generation. Elisabeth fand jedoch ihr Gl├╝ck im ersehnten Reihenhaus nicht. Das Leben, weit ab von der Stadt richtete sie fast zugrunde, w├Ąhrend ihr verst├Ąndnisvoller Mann Karriere machte. Elisabeth wird als eine Frau mit einer schweren Depression gezeichnet, die vor ihrer Tochter ein Leben lang ein schweres Geheimnis h├╝tete.

"Jetzt aber, als Ellen die W├Ârter verfolgt wie eine fremde Spur, baut sich der verlorengegangene Sinn wieder in ihr auf, die L├╝cken zwischen den W├Ârtern f├╝llen sich und f├╝r einen Moment sieht Ellen, die den Block in der Rechten h├Ąlt, in den geschwollenen Adern auf ihrem Handr├╝cken die geschwollenen Adern, wie sie den Handr├╝cken ihrer Mutter ├╝berzogen."

Obwohl der Roman mit seinem ernsten Thema still "daherflie├čt", f├╝hlt die Leserin ein hohes Erz├Ąhltempo, das aus der Gliederung des Textes resultiert. Die Wechsel von Handlungsort und -zeit sind dar├╝ber beschleunigt. Gelungen ist der Autorin die Anlehnung an das Krimi-Genre. Es fehlt zun├Ąchst die Leiche und ein Fall, aber dennoch kommt sehr schnell die Spannung auf.

Das Element Wasser "tr├Ągt" nicht nur Elisabeth, sondern h├Ąlt die Geschichte assoziativ zusammen. So beginnt der Roman mit einer Erinnerung in einer Schwimmhalle und endet auch dort. Wasser rahmt die Geschichte ein und steht f├╝r Flie├čen, Leiden, Vergessen, Erinnern, Lieben, Verdr├Ąngen und - Blau.
Die Metaphorik des Wassers und Schwimmens, um das Thema zu tragen, ist gut gew├Ąhlt - jedoch zu ├╝berladen. Das Blau des Covermotivs, das Blau im Titel, das Blau der Kacheln, das Blau des... - ist gelinde gesagt, ├╝berstrapaziert.

Monika Goetsch setzt in ihrem Deb├╝t auf eine distanzierte Erz├Ąhlstimme, die kontinuierlich alle fehlenden Informationen zur Mutter zusammentr├Ągt.
Es hat den Anschein, als bitte diese unsichtbare narrative Instanz um Verst├Ąndnis, ringe um eine sensible Beurteilung der verst├Ârt anmutenden Mutter.
Dennoch: Die Stimme der Erz├Ąhlinstanz f├Ąllt ungl├╝cklich auseinander: Auf der einen Seite berichtet sie distanziert ├╝ber die schwere Depression der Mutter, auf der anderen Seite ist die Stimme tief mit Ellen verbunden ÔÇô mit der Ellen, die eine schmerzliche Verbindung mit ihrer Mutter zu ergr├╝nden sucht. Die narrative Instanz ist so bez├╝glich der inneren Prozesse der Figuren nicht sehr vertrauensw├╝rdig, was bei einer so pers├Ânlichen Geschichte jedoch von N├Âten w├Ąre. Es kommt beim Lesen zum Verlust von Empathie.

Der Roman "Wasserblau" eignet sich eher zum "Weglesen" und hat vielleicht Bestand als literarisch bearbeiteter Bericht ├╝ber ein schweres Schicksal. Farblos bleibt "Wasserblau" leider dennoch.

AVIVA-Fazit: Der Roman verbindet das Genre des Krimis mit dem Bild einer schweren Depression. In einem "Kaff" irgendwo in Deutschland zerplatzten die Tr├Ąume einer jungen Frau. Die Geschichte bleibt trotz ihrer Tragik nicht sehr nachhaltig im Ged├Ąchtnis - Elisabeth, die Schwimmerin, und Ellen, die Reisende, werden schnell vergessen sein. Ein tiefer Einblick in das Innere der Figuren bleibt den LeserInnen leider verwehrt.
Auf keinen Fall sollte der Klappentext im Vorfeld vollst├Ąndig gelesen werden, denn das kriminologische Geheimnis, das die Spannung des Romans ausmacht, wird hier zu schnell gel├╝ftet. Wer Zeit hat und etwas ├╝ber "erweiterten Suizid" in Romanform lesen m├Âchte, greife zu.

Zur Autorin: Monika Goetsch, wurde 1967 in Marburg geboren und lebt mit ihrer Familie derzeit in M├╝nchen. Sie arbeitet dort als freie Journalistin f├╝r verschiedene Tageszeitungen und Zeitschriften. "Wasserblau" ist ihr erster Roman. Lesen Sie auch das Interview mit der Autorin als PDF unter:
www.doerlemann.com
(Quelle: Verlag D├Ârlemann)


Monika Goetsch
Wasserblau

D├Ârlemann Verlag, Z├╝rich, erschienen: 01. August 2010
www.doerlemann.com
Fester Einband mit Leseband, 240 Seiten
ISBN 9783908777588
18,90 Euro

Literatur Beitrag vom 18.10.2010 AVIVA-Redaktion 





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