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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.02.2011

Irena Brezna - Schuppenhaut
Kristina Tencic

Meisterlich verkn√ľpft Irena Brezna zwei Erz√§hlstr√§nge zu einem metaphernreichen wie auch kafkaesken Liebesroman, der sich um die Hautkrankheit Psoriasis (Schuppenflechte) spinnt.



"Die Psoriasis spricht nicht mit Worten, sie spricht mit Schuppen."

Sie ist eine Ehefrau, eine Gefährtin, eine Geliebte, das Erbe, das Kind, aber auch die Verbrecherin, eine Schuldige. Die Rede ist von der Psoriasis, besser bekannt unter der Bezeichnung Schuppenflechte. Als weitgehend unerklärliche und unkontrollierbare Hautkrankheit, die schubartig kommt und geht und nur ihre Rötungen und Krusten hinterlässt, wird sie in Irena Breznas Roman zur ungewöhnlichen Protagonistin.

In einer Hybridform zwischen Subjektivit√§t und Objektivit√§t, wissenschaftlichem Herangehen und liebender Teilnahme n√§hert sich die Autorin sehr feinf√ľhlig ihren Romanfiguren, die sie, entlang der Einteilung der Betroffenen selbst, in PsoriatikerInnen und Nicht-PsoriatikerInnen teilt. Dazwischen befindet sich eine Psychologin, die mittels einer Studie das Krankheitsbild erforschen m√∂chte und sich dabei in einen Psoriatiker verliebt. Die zwei Handlungsstr√§nge der Interviewf√ľhrung und der Erinnerung, eher wohl Abrechnung mit dem Geliebten, verlaufen parallel und sind doch wunderbar miteinander verwoben. Differenziert durch gef√ľhlskalte wissenschaftliche Begriffe und gleichzeitig mit in der ungew√∂hnlichen Vergangenheitsform Pr√§teritum gehaltenen Passagen, schmiegt sich die Erz√§hlerin in leidenschaftlicher Liebe an ihren schuppigen Partner.

Dieser sprachliche Schliff ist wiederum ein Ausdrucksmittel f√ľr die Andersartigkeit und gewisse Rudimentarit√§t, die sie den hautbefallenen PatientInnen zuschreibt, welche, √§hnlich der Integrit√§t nationaler Grenzen, sich in ihrer Lebenswelt einen gemeinsamen, ethnisch anmutenden Raum eingerichtet haben. Und doch triumphiert die Einsamkeit √ľber sie und die Solidarit√§t geht nur so weit, dem/der anderen nicht mit unangenehmen Blicken und Fragen zu begegnen. Denn in einer Welt, in der Sauberkeit, Disziplin und Kontrolle dominieren, auch √ľber das uns ureigene Medium der Kommunikation mit dem Au√üen und dem Innen, der Haut, passt eine solch mystische Krankheit nicht ins Bild.

"Die Ma√ülosen trifft ein fr√ľhes Ende und du trugst das apokalyptische Zeichen daf√ľr in Form deines Flechtenkleides. Ich hatte es im Grunde gewusst: Unsere Liebe lebte von der Intensit√§t der kurz bemessenen Zeit wie zwischen zwei Sch√ľben. Du sagtest oft: Die ewigen G√∂tter lieben nicht."

Auch die AVIVA-Berlin-Redakteurin Claire Horst hat sich in ihrem 2006 erschienen Werk "Der weibliche Raum in der Migrationsliteratur" mit Irena Breznas Roman auseinandergesetzt; Damals noch in der Erstausgabe von 1989 vorliegend, die jedoch von der Autorin gr√ľndlich √ľberarbeitet wurde.

Claire Horst sieht in dem Roman einen Beleg daf√ľr, dass der K√∂rper der Ort ist, "an dem Strukturmerkmale wie Geschlecht, Ethnie usw. festgemacht werden. An ihm werden die Zuschreibungen deutlich, die Frauen ebenso wie Migranten erfahren. Zum einen ist er daher das Medium der Zuschreibung und Klassifizierung, zum anderen ist er auch ein Instrument, das eingesetzt werden kann, um den Raum zu erkunden." Indem Brezna jedoch einen Mann auserkoren hat, um ihn als fremdes Objekt zu beschreiben, setzt sie stereotype Zuordnungen aus und gibt eine neue Perspektive auf die hybride Form der weiblichen Migrationsliteratur, die sich, laut Horst, nur selten so strukturiert und doch transzendierend in zwei R√§ume einteilen l√§sst, wie bei Brezna.

AVIVA-Tipp: Intensiv ist das Spiel zwischen Anziehung und Absto√üung, Einssein und Anderssein in der Abrechnungs- und doch feinf√ľhligen Liebesschrift Breznas. So, wie die Schuppen ihrer Romanfiguren abfallen, versucht sich die Autorin nach dem Zwiebelprinzip dem Ph√§nomen der Psoriasis zu n√§hern. Die Krankheit bleibt eine H√ľlle ohne Kern, die sich individuell mit Erfahrungen und Emotionen f√ľllt und ihr die Unergr√ľndlichkeit verleiht, die Brezna spielerisch und kafkaesk in Worten wiederzugeben vermag. So gelingt es ihr, die zwei so gegens√§tzlichen Welten in der Liebe zu vereinen.

Zur Autorin: Irena Brezna ist Schriftstellerin und Publizistin, ehemalige Kriegsjournalistin in Tschetschenien, Slawistin und interkulturelle Vermittlerin. Als studierte Psychologin hat die Autorin selbst bereits an der Erforschung der Hautkrankheit gearbeitet. Die Berichte der Betroffenen lie√ü sie in ihr 1989 erstmals erschienenes Buch "Die Schuppenhaut" einflie√üen, welches f√ľr die Neuausgabe vollst√§ndig √ľberarbeitet wurde. 2008 erschien ihr Roman "Die beste aller Welten". Sie z√§hlt zu den bedeutendsten Publizistinnen in Bezug auf Mittel- und Osteuropa, was ihr durch zahlreiche Auszeichnungen, u.a. mit dem Emma-Journalistinnen-Preis und dem Theoror-Wolff-Preis best√§tigt wurde.
1950 in Bratislava in der Slowakei geboren, lebt sie seit 1968 in der Schweiz.


Schuppenhaut
Irena Brezna

Edition Ebersbach, erschienen Juli 2010
Gebunden, 120 Seiten
ISBN: 978-3-86915-025-3
16,80 Euro


Literatur Beitrag vom 08.02.2011 Kristina Tencic 





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