Monica Cantieni - GrĂŒnschnabel - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   JĂŒdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   JĂŒdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.07.2011

Monica Cantieni - GrĂŒnschnabel
Sonja Baude

Die Schweizer Autorin erzĂ€hlt von der Notwendigkeit der Sprache fĂŒr das eigene Leben. Sie selbst schlĂ€gt einen melancholischen und zugleich humorvollen Ton an: ein beeindruckend poetisches DebĂŒt!



GrĂŒnschnabel wird die Ich-ErzĂ€hlerin von ihrem Großvater genannt, der tatsĂ€chlich gar nicht der echte Großvater ist, denn das MĂ€dchen war im Heim, bevor es von seinen Eltern adoptiert wurde und kann auf keine eigene Genealogie zurĂŒckgreifen. Überhaupt kann sie sich ihrer neuen Welt nicht sicher sein. Nichts in ihrem Leben ist so, wie es ist, weil es schon immer so war. Stattdessen muss sich GrĂŒnschnabel, die im Roman namenlos bleibt, ihre KontinuitĂ€ten selbst schaffen, jeden Tag neu verstehen lernen, in welches Familienkonstrukt sie hineingeraten und dessen Teil sie von nun an ist. Der Vater ist liebevoll bemĂŒht, das Kind zu beheimaten, die Mutter eigenartig abwesend, von Einsamkeit und Schwermut heimgesucht, einem "Himmelend", dem nur mit Pillen und der Idee vom eigenen grandios inszenierten BegrĂ€bnis beizukommen ist. Die neue Tochter vermag da wenig auszurichten. Im Großvater aber findet sie einen VerbĂŒndeten und Ratgeber.

Die Erkundung der Welt ist fĂŒr die Ich-ErzĂ€hlerin, die immer aus der Kinderperspektive schreibt, vor allem eine Suche nach Wörtern, Wörter die helfen sollen, das Leben zu fassen und im besten Fall ZusammenhĂ€nge zu erschließen. Die gesammelten Wörter werden zuhause dann in kleine vom Vater beschriftete Schachteln sortiert: FRÜHER, SPÄTER, JETZT und IMMER; Weitere Kategorien kommen hinzu: EINMALIG und STRENG GEHEIM. Wind und Regen und auch Polenta gehören in die IMMER-Schachtel.

"Und Leben?", fragt GrĂŒnschnabel den spanischen Freund der Familie,
"Gehört in alle Schachteln.
Eli schrieb La vida.
Ist es in Spanisch dasselbe?
In keinem Mund ist es dasselbe."


Pointierte Dialoge schĂ€rfen wie nebenbei das GespĂŒr des GrĂŒnschnabels fĂŒr entscheidende Unterschiede. Aber nicht nur vom Leben, auch vom Tod hat das MĂ€dchen eine Ahnung, weiß von der Heimköchin Helene, "dass der einem ĂŒber den Weg laufen kann und man danach nicht mehr derselbe ist" und vom Großvater erfĂ€hrt sie, dass er ganz am Ende noch eine Reise antreten wird, hin zur andern Uferseite des Jordans, wo die Großmutter schon auf ihn wartet – ein tröstlicher Gedanke.

In ihrem RomandebĂŒt gelingt es Monica Cantieni, die naive SentimentalitĂ€t zu umgehen, die die Kinderperspektive als Gefahr birgt. Stattdessen schreibt sie in lakonischem und wunderbar humorvollem Ton, der in seiner kindlichen Direktheit unermĂŒdlich das alltĂ€gliche Leben auf den PrĂŒfstand stellt. Genaues Hinhören und Hinschauen sind das große Talent des GrĂŒnschnabels, dessen sie bedarf, um die Bruchstellen, die zweifellos in diesem kurzen Leben bereits gerissen wurden, auszuhalten und eine Sprache dagegen zu setzen. In den Wirrungen bleibt es nicht aus, dass jede neu gewonnene Gewissheit immer wieder Bedrohungen ausgesetzt ist und also "stĂ€ndig wechselten die Wörter die Schachteln, von FRÜHER zu JETZT, und von JETZT zu FRÜHER, von FRÜHER zu SPÄTER, und SPÄTER wird immer mehr und FRÜHER auch".

Die Suche nach Dazugehörigkeit und damit auch nach IdentitĂ€t ist das große Thema dieses Romans, sowohl was die Protagonistin anbelangt als auch die Figuren um sie herum. Nicht nur die Tochter muss ihren Platz finden in der neuen Familie, auch die Menschen in ihrer Umgegend, die als GastarbeiterInnen aus anderen LĂ€ndern in die Schweiz der 1970er Jahre gekommen sind, kĂ€mpfen um ihre Stellung und darum, ihre Fassung nicht zu verlieren, wenn sie sich der Angst vor Überfremdung gegenĂŒber sehen.

Überfremdung ist das, was die Tochter von Toni, dem italienischen Nachbarn und zeitweisen Liebhaber von GrĂŒnschnabels Mutter, hat. Es bedeutet, sich in einem Schrank verstecken zu mĂŒssen, nicht zur Schule und nicht in den Garten gehen zu dĂŒrfen, um dort vielleicht neue Wörter fĂŒrs Leben finden zu können. Überfremdung haben heißt, keine Papiere von dem Land ausgestellt zu bekommen, in dem man lebt und arbeitet und es heißt bei Cantieni auf der anderen Seite auch "warten, dass nichts geschieht, was es noch schlimmer macht."

GrĂŒnschnabel ist ein politisches Buch, im Wortsinn die Gesellschaft betreffend, und ein sehr privates. Es erzĂ€hlt vom Ankommen im Leben und vom Abschiednehmen, vom Verstreichen der Zeit, die nicht alle Wunden verheilen lĂ€sst und es erzĂ€hlt zuallererst von der Kraft der Sprache, die zerstörend und erbauend tĂ€tig sein kann. All dies findet unmittelbar Eingang in die LebensrealitĂ€t des MĂ€dchens, das gerade in seiner Position von außen eine prĂ€zise teilnehmende Beobachterin ist, vielleicht vor allem deshalb so bestechend, weil sie selbst noch nicht angekommen ist im ganz eigenen Leben.

AVIVA-Tipp: Monica Cantieni erzĂ€hlt in ihrem RomandebĂŒt aus der staunenden Perspektive eines Kindes von den Widrigkeiten und auch von den Schönheiten des Lebens. Angesiedelt ist die Geschichte im Schweizer Immigrantenmilieu der 1970er Jahre. Die Ich-ErzĂ€hlerin, von ihrem Vater "fĂŒr 365 Franken von der Stadt gekauft", guckt als Adoptivtochter sehr genau auf das, was die anderen Leben nennen. Und so wie andere Kinder mithilfe der Botanisiertrommel die Natur erkunden, sammelt die Protagonistin in kleinen Schachteln Wörter, um sich das Leben begreifbar zu machen. Diese große Wortsammlung, von Cantieni mit feinem und sehr eigenwilligem Sprachwitz angereichert, wird in diesem Roman zu eindrucksvoller Literatur.

Zur Autorin: Monica Cantieni wurde 1965 in der Schweiz geboren und lebt in Wettingen und Wien. Bislang veröffentlichte sie die ErzĂ€hlung HieronymusÂŽ Kinder in Buchform und Kurzgeschichten in Zeitschriften. Sie arbeitet als Journalistin beim SRF Schweizer Radio und Fernsehen. "GrĂŒnschnabel" ist ihr erster Roman.
Weitere Infos unter: www.monica-cantieni.net

Monica Cantieni
GrĂŒnschnabel

Schöffling & Co., erschienen 2011
Gebunden, 240 Seiten
ISBN 978-3-89561-345-6
19,95 Euro





Literatur Beitrag vom 29.07.2011 Sonja Baude 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken