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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.03.2011

Kathrin Friederike M├╝ller - Frauenzeitschriften aus der Sicht ihrer Leserinnen
Kristina Auer

Die Rezeption von "Brigitte" im Kontext von Biografie, Alltag und Doing Gender. Die Wissenschaftlerin untersuchte in einer der ersten empirischen Studien zum Leseverhalten von ...



... "Brigitte"-Leserinnen, warum Frauen zur Frauenzeitschrift greifen und unter welchen Gesichtspunkten sie diese nutzen.

Klassische Frauenzeitschriften werden im Allgemeinen nicht gerade besonders wertgesch├Ątzt. Auch von Seiten vieler Feministinnen, insbesondere der zweiten Frauenbewegung, wurden sie scharf kritisiert. Grund f├╝r diese Kritik war oft die Vermutung, Frauenzeitschriften seien eine Art "Manipulationsinstrument des patriarchalen Herrschaftssystems", das altmodische und unterdr├╝ckerische Frauenbilder propagiere, die von den Leserinnen passiv verinnerlicht w├╝rden.

Kathrin Friederike M├╝ller kommt in "Frauenzeitschriften aus der Sicht ihrer Leserinnen" zu ganz anderen Ergebnissen. W├Ąhrend vorangegangene Studien sich meist entweder mit der Wirkung des Mediums auf die Leserin oder einer Analyse seiner Inhalte auseinander setzten, legt M├╝ller den Fokus auf die Leserin selbst, indem sie das Rezeptionsverhalten und die Beweggr├╝nde f├╝r das Lesen analysiert. Ihr Erkenntnisinteresse liegt also darauf, wann und aus welchen Gr├╝nden Leserinnen zur Frauenzeitschrift greifen und wie dieser Vorgang genau vonstatten geht.

Aufbau der Studie

Die Studie basiert auf qualitativen Interviews, welche Kathrin Friederike M├╝ller zwischen Oktober 2005 und Januar 2006 mit 19 Leserinnen der Frauenzeitschrift Brigitte f├╝hrte. M├╝ller w├Ąhlte f├╝r ihre Untersuchungen die Zeitschrift Brigitte aufgrund ihrer Marktf├╝hrerInnenschaft im Segment der klassischen Frauenzeitschriften aus. Ein weiterer Grund war die Tatsache, dass Brigitte die traditionsreichste deutsche Frauenzeitschrift ist, da sie bereits seit 1954 unter demselben Namen existiert.
Die befragten Leserinnen entstammten der Mittelschicht, waren jedoch unterschiedlichen Alters und wiesen verschiedene Bildungsabschl├╝sse wie Berufst├Ątigkeiten auf. Einige der befragten Frauen waren Abonnentinnen der Frauenzeitschrift, andere lediglich Gelegenheitsleserinnen.
Im Anschluss an die Interviews analysierte M├╝ller die Aussagen der Befragten unter den drei von ihr gew├Ąhlten Gesichtspunkten des Einflusses auf die Biografie, den Alltag und das Doing Gender, also die Herstellung weiblicher Geschlechtsidentit├Ąten.

Biografie

F├╝r alle Befragten fiel der Beginn der Leserinnenschaft von Brigitte in den Zeitraum des Ausbildungsbeginns und des Auszugs aus der elterlichen Wohnung, was M├╝ller mit der neu gewonnen finanziellen Unabh├Ąngigkeit einerseits und einer einschneidenden Ver├Ąnderung der Lebenssituation andererseits erkl├Ąrt, in welcher die Besch├Ąftigung mit vertrauten, frauentypischen Themen als angenehm empfunden wird.
Weiter stellte M├╝ller fest, dass die Rezeption von Frauenzeitschriften oft durch die Phase der Familiengr├╝ndung beeinflusst wird. Hier kann sowohl eine Erh├Âhung als auch eine Verringerung der Leseaktivit├Ąt eintreten. Parallel erh├Âht sich mit der Geburt des ersten Kindes das Interesse an familienbezogenen Themen, welches sich schlie├člich nach dem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus wieder verringert.
Abgesehen von diesen zwei Lebensphasen konnten im Laufe der Studie keine gro├čen Einfl├╝sse der Biografie auf das Rezeptionsverhalten der Leserinnen ermittelt werden, da sowohl die H├Ąufigkeit der Nutzung als auch die Themeninteressen ├╝ber das Leben hinweg relativ unver├Ąndert blieben.

Alltag

Das Lesen von Frauenzeitschriften stellt im Alltag der Befragten ein strukturierendes Element dar. M├╝ller kommt hier zu dem Schluss, dass das Lesen der Brigitte f├╝r Frauen einen "Signalcharakter" hat, der sowohl f├╝r sie selbst als auch f├╝r ihr Umfeld wirksam ist. Frauen symbolisieren mithilfe der Brigitte entweder das Ende eines Arbeitstages oder trennen mit ihr die Erwerbs- von der Reproduktionsarbeit. Das Lesen der Frauenzeitschrift stellt au├čerdem einen Moment des Selbstbezugs dar, da die Frauen beim Lesen der Brigitte etwas ausschlie├člich f├╝r sich tun.
Des Weiteren fand M├╝ller heraus, dass ├╝ber die Rezeption von Frauenzeitschriften eine sowohl virtuelle als auch reale Gemeinschaft von Frauen erzeugt wird. Einerseits identifizieren sich die Frauen mit der Leserinnenschaft ihrer pr├Ąferierten Zeitschrift, welcher sie, ebenso wie sich selbst, bestimmte Pers├Ânlichkeitsmerkmale zuschreiben. Auf der anderen Seite teilen die Leserinnen ihre Gedanken ├╝ber die Inhalte der Zeitschrift mit Frauen aus dem nahen Bekanntinnenkreis. Die Zeitschrift gibt somit Anst├Â├če f├╝r Gespr├Ąche, die nicht ausschlie├člich oberfl├Ąchlicher Natur sein m├╝ssen, sondern auch tiefergehende Themen betreffen k├Ânnen.
Ein weiterer interessanter Gesichtspunkt ist, dass die befragten Leserinnen die Brigitte gegen├╝ber ihren m├Ąnnlichen Partnern gewisserma├čen als "Sprachrohr" verwenden, welches ihnen helfen kann, ihre weibliche Perspektive besser verst├Ąndlich zu machen.

Doing Gender

In Bezug auf das Verh├Ąltnis von Geschlechtsidentit├Ąten und Frauenzeitschriften kommt M├╝ller zu folgendem Schluss: Da Brigitte von den Leserinnen als Frauenmedium wahrgenommen wird, bedeutet die Rezeption der Zeitschrift eine aktive Zuordnung zum weiblichen Geschlecht und stellt damit bereits eine Form des Doing Gender dar. ├ťber das Lesen von Brigitte versichern sich die Frauen also ihrer eigenen Geschlechtsidentit├Ąt oder f├╝hlen sich in ihr best├Ątigt.

Damit eine Frau regelm├Ą├čig eine bestimmte Frauenzeitschrift liest, muss sie sich nach den Ergebnissen der Interviews mit dem in der Zeitschrift dargestellten Frauenbild identifizieren. Dieses Frauenbild muss M├╝ller zufolge m├Âglichst vielschichtig sein, um aus der Sicht der Leserinnen als gelungene Abbildung des weiblichen Lebenszusammenhangs zu gelten.
Allerdings werden die in der Zeitschrift dargestellten weiblichen Rollenentw├╝rfe von den Leserinnen keineswegs unreflektiert ├╝bernommen. Wie M├╝ller darstellt, modifizieren die Rezipientinnen die Frauenbilder stattdessen nach ihren eigenen Vorstellungen.
Die Besch├Ąftigung mit der weiblichen Geschlechtsidentit├Ąt ist M├╝ller zufolge auch ein Hauptgrund f├╝r das Lesen von Frauenzeitschriften. Diese schlie├čen eine L├╝cke in der Medienlandschaft, da frauenspezifische Themen in g├Ąngigen Medien meist ausgeklammert werden.
Das Doing Gender w├Ąhrend der Rezeption muss als produktiver und individueller Akt angesehen werden, bei dem Rollenzuschreibungen sogar teils bewusst erzeugt werden. Die Leserinnen schaffen somit eigene Interpretationen der abgebildeten Frauenbilder. Die ├ťbernahme des dargestellten Frauenbilds in eigene Performativit├Ąten w├Ąhrend des Lesens ist jedoch nur ein kurzzeitiger Akt. Die angenommene Frauenrolle kann bereits von einem Artikel zum n├Ąchsten wechseln.

Auffallend ist auch, dass Weiblichkeit im Doing Gender der Frauen stets als St├Ąrke und Qualit├Ąt angesehen wird, also dass weibliche Identit├Ąt durchweg als positiv aufgefasst wird. Dies bietet den Frauen zwar eine Statuserh├Âhung der weiblichen Rolle, manifestiert aber andererseits Zweigeschlechtlichkeit, da Weiblichkeit gerade durch ihre positive Konnotation und stets in Abgrenzung zum M├Ąnnlichen gefestigt und reproduziert wird.

AVIVA-Tipp: Kathrin Friederike M├╝ller macht in ihrem gut strukturierten Buch deutlich, dass die Inhalte und insbesondere die Rollendarstellungen von Weiblichkeit, die in Frauenzeitschriften zu finden sind, nicht grunds├Ątzlich mit negativen Konsequenzen f├╝r die Geschlechtsidentit├Ąt der Leserinnen in Verbindung gebracht werden m├╝ssen. Vielmehr wird offensichtlich, dass das Lesen der Brigitte f├╝r viele Frauen mit Wohlbefinden und einer positiven Selbstwahrnehmung verbunden ist. Dar├╝ber hinaus werden Frauen als komplexe Medienhandelnde erkennbar, die mit geschlechtsgebundenen Inhalten produktiv und kritisch umgehen. Die Ergebnisse der Studie erm├Âglichen somit einen neuen Blickwinkel auf Frauenzeitschriften und den Umgang der Leserinnen mit ihren Inhalten.

Zur Autorin: Kathrin Friederike M├╝ller (Dr. phil.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Verbundprojekt "Spitzenfrauen im Fokus der Medien. Die mediale Repr├Ąsentation von weiblichen und m├Ąnnlichen F├╝hrungskr├Ąften in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft" an der Leuphana Universit├Ąt L├╝neburg.

Kathrin Friederike M├╝ller
Frauenzeitschriften aus der Sicht ihrer Leserinnen
Die Rezeption von "Brigitte" im Kontext von Biografie, Alltag und Doing Gender

Transcript Verlag, erschienen April 2010
Broschiert, 456 Seiten
ISBN 978-3-8376-1286-8
34,80 Euro
www.transcript-verlag.de

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