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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.08.2008

Marlene Lohner - Plötzlich allein
Franziska Nixdorf

Ihr pers√∂nliches Schicksal, den geliebten Ehemann durch den Tod f√ľr immer verloren zu haben, verarbeitete die Autorin mit Gleichgesinnten und versucht durch ihr Buch auch andere Trauernde zu tr√∂sten.



Was f√ľr ein Schmerz muss es sein, den Menschen, den man liebt und mit dem man zahlreiche gemeinsame Jahre verlebt hat, zu verlieren? Besteht √ľberhaupt eine M√∂glichkeit, dar√ľber hinwegzukommen?

Die Autorin Marlene Lohner musste 1975 erfahren, wie es sich anf√ľhlt, mit dem Tod des Ehemanns und dem pl√∂tzlichen Alleinsein konfrontiert zu werden. Nur schwer gelang es ihr, die Kraft in das eigene Weiterleben nicht zu verlieren. Denn auch wenn es f√ľr die Zur√ľckbleibenden unbegreiflich ist, so dreht sich die Welt doch weiter und das Umfeld scheint zu erwarten, dass aus den stetigen Gedanken an den Verstorbenen ein erinnerndes Gedenken wird. Das Unverst√§ndnis, das Marlene Lohner von vielen Au√üenstehenden erfuhr, nachdem sie auch Jahre sp√§ter schwer √ľber den Tod ihres Mannes hinwegkam, lie√ü sie Hilfe in Gespr√§chen mit Frauen suchen, die ein √§hnliches Schicksal erlebt hatten.

In ihrem Buch "Plötzlich allein" fasste Marlene Lohner acht Interviews zusammen und ergänzte das Werk durch ihren Erfahrungsbericht sowie einen anschließenden Kommentar zu der Auswahl ihrer Interviewpartnerinnen und den gesellschaftlichen Einfluss auf den Umgang mit dem Tod.

In den aufgezeichneten Gesprächen erzählen Frauen unterschiedlicher Altersgruppen und Herkunft von ihren Erfahrungen und davon, wie sie den Tod ihrer Männer, die an verschiedenen Krankheiten oder durch Unfälle starben, mehr oder weniger gut verkrafteten. Trotz der individuellen Lebensgeschichten werden immer wieder Gemeinsamkeiten zwischen den Gedanken und Empfindungen der Trauernden deutlich. Jede der Frauen empfand den Verlust als Verlust eines Teiles von sich selbst und häufig waren Minderwertigkeitskomplexe die Folge. Lediglich der äußere Umgang mit der neu entstandenen Lebenssituation variierte.

W√§hrend die einen durch innere und √§u√üere Isolation versuchten, das Gef√ľhl ihrer Einsamkeit in den Griff zu bekommen, merkten andere schnell, dass sie nur durch st√§ndige Besch√§ftigung und Ablenkung sowie ausf√ľhrliche Gespr√§che ihr Leben weiterf√ľhren konnten. Auch Suizidgedanken spielten eine Rolle, und vielfach waren die Kinder der Antrieb zum Weiterleben und Durchhalten.

Marlene Lohner verdeutlicht durch ihre Sammlung an Interviews und ihre eigenen Kommentare, dass niemand auch in einer derart endg√ľltigen Situation allein ist. Jedes einf√ľhlsame Wort kann Trost f√ľr Betroffene spenden und gibt gleicherma√üen Kraft, ein Leben ohne den geliebten Menschen zu f√ľhren. Ebenso k√∂nnen Au√üenstehende mit Hilfe dieses Buches lernen, geschickter und feinf√ľhliger auf die Trauernden zuzugehen. F√ľr niemanden ist bereits die Vorstellung leicht, dass ein geliebter Mensch stirbt. Doch auch wenn die Wunden wohl niemals vollst√§ndig heilen werden, so kann zumindest der Schmerz durch Anteilnahme und Unterst√ľtzung gelindert werden.

Zur Autorin: Marlene Lohner - Nach ihrem Germanistik-Studium in Erlangen unterrichtete Marlene Lohner deutsche Sprache und Literatur an der New Yorker Universit√§t. 1962 zog sie mit ihrem Mann, dem Literaturwissenschaftler Edgar Lohner, und ihren beiden S√∂hnen nach Kalifornien. In der darauf folgenden Zeit widmete sie sich unter anderem der √úbersetzung von zahlreichen literaturtheoretischen Arbeiten aus dem Englischen ins Deutsche. 1973 kehrte die Familie zur√ľck in die damalige Bundesrepublik Deutschland, doch bereits zwei Jahre sp√§ter starb Edgar Lohner mit 56 Jahren an Herzversagen. 1977 wurde Marlene Lohner als Dozentin f√ľr Literatur an der Volkshochschule Wiesbaden t√§tig.
Weitere Veröffentlichungen: Im Fischer Taschenbuch Verlag erschien von Marlene Lohner das Buch "Was willst du, du lebst. Trauer und Selbstfindung in Texten von Marie Luise Kaschnitz".

AVIVA-Tipp: Auch wenn sich Marlene Lohners Werk vorrangig an die Menschen richtet, die sich in √§hnlicher Situation wie die von ihr befragten Frauen befinden, so k√∂nnen auch diejenigen dem Buch Ratschl√§ge entnehmen, die den Betroffenen helfen m√∂chten. Es wird deutlich, dass der Todesfall kaum vollst√§ndig √ľberwunden werden kann und vielleicht auch nicht √ľberwunden werden sollte. Denn jede/r Verstorbene lebt in der Erinnerung der Hinterbliebenen weiter. Zus√§tzlich weist die Autorin darauf hin, dass den Frauen die Zeit gegeben werden muss, die sie brauchen, um mit dem Verlust fertig zu werden. Ihnen sollte das Gef√ľhl genommen werden, sich "falsch" zu verhalten, wenn sie √∂ffentlich zu sehr oder zu wenig zu trauern scheinen. Marlene Lohners Auswahl von Interviews l√§sst die LeserInnen aber nicht nur √ľber den Tod und das Alleinsein, sondern vor allem auch √ľber jedes noch so allt√§glich gewordene Leben im Kreise der Lieben nachdenken und hilft Menschen dabei, auch die manchmal als langweilig erscheinende Routine sch√§tzen zu lernen.


Marlene Lohner
Plötzlich allein

Fischer Taschenbuch Verlag
6. Auflage: Januar 2007
142 Seiten, Maße: 19 cm
ISBN 978-3-596-13838-8
Preis: 7,95 Euro

Literatur Beitrag vom 28.08.2008 AVIVA-Redaktion 





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