Brigitte Beier und Karina Schmidt - Hier spielt die Musik. Tonangebende Frauen in der Klassikszene - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.01.2012

Brigitte Beier und Karina Schmidt - Hier spielt die Musik. Tonangebende Frauen in der Klassikszene
Anne Fr├Âhlich

Sie spielen Schlagzeug oder Harfe, Kontrabass oder Geige, interpretieren Minimal-Musik oder Johann Sebastian Bach, stehen noch am Anfang ihrer Karriere oder sind alte H├Ąsinnen. So unterschiedlich ...



... die Musikerinnen und deren Instrumente auch sein m├Âgen, eins haben sie gemeinsam: Sie alle sind Frauen, die es geschafft haben, ihre Leidenschaft Musik zu ihrem Beruf zu machen.

Bis heute gilt die klassische Musikszene als M├Ąnnerdom├Ąne. Erstmals 1997 wurde mit der Harfenistin Anna Lelkes eine Frau in das Orchester der Wiener Philharmoniker aufgenommen. Um sichtbar zu machen, was es heutzutage bedeutet, hauptberufliche Musikerin in der Klassikbranche zu sein, trafen sich die Autorinnen Brigitte Beier und Karina Schmidt mit 21 Berufsmusikerinnen zu pers├Ânlichen Interviews und besuchten deren Konzerte. Dar├╝ber hinaus besch├Ąftigten sie sich unter anderem mit der Studie "Orchestrating Impartiality: The Impact of "Blind" Auditions on Female Musicians" von Claudia Goldin und Cecilia Rouse. Die Studie beweist, dass die Wahrscheinlichkeit, als Bewerberin um einen Platz im Orchester eingestellt zu werden deutlich steigt, wenn das Vorspielen hinter einem Vorhang stattfindet.

Auch diese Tatsache diskutierten Beier und Schmidt mit den Musikerinnen. Mal fanden die Treffen bei den Autorinnen selbst statt, mal bei den K├╝nstlerinnen zu Hause, oftmals aber auch in Caf├ęs, Hotels oder aber im Pausenraum vor oder nach einer Probe. Aus diesen Begegnungen sowie aus den Eindr├╝cken, die sie bei den Auftritten gewonnen hatten, entstanden schlie├člich 20 individuelle Portr├Ąts.

Wie sind sie zur Musik gekommen? Welche Schwierigkeiten hatten sie auf ihrem Weg zu meistern? Wie bringt man ein Leben als Musikerin, die sich eine lange Auszeit nicht leisten kann, da sie eigentlich t├Ąglich mehrere Stunden ├╝ben muss, mit dem einer Mutter unter einen Hut? Was st├Ârt sie an ihrem Beruf, was gef├Ąllt ihnen? Haben oder hatten sie jemals das Gef├╝hl, aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert worden zu sein? All diesen Fragen geht "Hier spielt die Musik! Tonangebende Frauen in der Klassikszene" auf den Grund und f├Ârdert dabei spannende Einsichten und Geschichten zutage.

Darunter die von Rumi Ogawa, die in der Blaskapelle ihrer Schule eigentlich viel lieber Fl├Âte gespielt h├Ątte, aber mit dem einzig noch freien Instrument vorlieb nehmen musste: dem Schlagzeug. Zu allem ├ťberfluss bewies sie zur Freude ihres Lehrers ein ausgesprochenes Talent an dem ungeliebten Instrument: "Er sagte: Du bist so begabt, du musst unbedingt weiter Schlagzeug spielen. Aber ich war sehr deprimiert, weil ich das einfach nicht machen wollte". Mit einigen Umwegen, unter anderem ├╝ber ein Sprach- und ein VWL-Studium, landete sie schlie├člich wieder bei der Musik und beim Schlagzeug und spielt heute im "Ensemble Modern", wo sie "zeitgen├Âssische Kompositionen zu Geh├Âr bringen und f├╝r sie werben" will.

Aber "Hier spielt die Musik!" erz├Ąhlt auch von "Wunderkindern" wie Anne-Sophie Mutter, die nach ihrem B├╝hnendeb├╝t bei den Luzerner Festspielen im Alter von zw├Âlf Jahren vom Dirigenten Herbert von Karajan als "die gr├Â├čte musikalische Fr├╝hbegabung seit dem jungen Menuhin" entdeckt wurde. Ein Jahr sp├Ąter machte sie als Solistin bei den Salzburger Pfingst- und Sommerfestspielen auch den Rest der internationalen Musikwelt auf sich aufmerksam.

Auch Karen Kamensek entschied sich schon fr├╝h f├╝r eine musikalische Laufbahn und schaffte es schlie├člich als eine von sehr wenigen Frauen, sich als Dirigentin durchzusetzen.
Doch der Weg dahin war alles andere als einfach. Neben musikalischen F├Ąhigkeiten sind Durchsetzungskraft, F├╝hrungsqualit├Ąten und eine gewisse Hartn├Ąckigkeit unabdingbar: "Manche sind sehr schnell frustriert, wenn sie als Dirigenten in ihrem Job nicht vorankommen und auf Widerstand sto├čen. Aber so ist das Leben! Wenn es nicht weitergeht, versuche ich immer, einen anderen Weg zu finden, oder ich buddel einen Tunnel, um weiterzukommen", erkl├Ąrt die in Chicago geborene Berufsmusikerin ihr Erfolgskonzept.

Auch die in der ehemaligen Sowjetunion geborene Sofia Gubaidulina, eine der ber├╝hmtesten Komponistinnen unserer Zeit, hatte es auf ihrem Weg nicht immer leicht. Ihre Eltern waren weder wohlhabend, noch hatten sie selbst eine musikalische Erziehung genossen. Dennoch unterst├╝tzten sie ihre beiden T├Âchter soweit es ihnen m├Âglich war, bezahlten den Unterricht an der Musikschule und schafften einen Fl├╝gel an. Als Gubaidulina zw├Âlf war, begann sie ihre ersten Kompositionen niederzuschreiben, mit zwanzig wurde ihr bewusst, dass sie sich w├╝rde entscheiden m├╝ssen zwischen ihren beiden Leidenschaften Klavier und Komposition. "Irgendwann sp├╝rte ich, dass ich nicht beides bew├Ąltigen konnte, und so verzichtete ich auf eine B├╝hnenlaufbahn als Pianistin. Das war f├╝r mich ein inneres Drama, fast eine Trag├Âdie".

Mittlerweile hat sie ├╝ber 100 Werke komponiert, unter anderem auch "In tempus praesens" f├╝r Anne-Sophie Mutter. Nur vom Unterrichten nimmt Gubaidulina Abstand: "Die Vorstellung, f├╝r jemanden Mentorin zu sein, ist mir zuwider", um unterrichten zu k├Ânnen m├╝sse man Antworten haben, sie jedoch wolle weiter in der Welt der Fragen bleiben und experimentieren. Sie hoffe auf eine weitere Zusammenarbeit mit all den Musikerinnen und Musikern, denen sie "so viel Inspiration und Gl├╝ck" zu verdanken habe, erkl├Ąrt die Komponistin mit Blick in die Zukunft.

AVIVA-Tipp: "Hier spielt die Musik!" von Brigitte Beier und Karina Schmidt blickt in 20 Portr├Ąts hinter die Kulissen der gro├čen Konzerthallen und auf den Werdegang von besonderen Frauen in der Klassikszene. Es wirft einen Blick auf deren Lebensentw├╝rfe, ihre W├╝nsche, ihre Gef├╝hle und ihr Verst├Ąndnis von Musik, und bringt sie der Leserin ganz nah. Dabei werden interessante Unterschiede als auch ├╝berraschende Gemeinsamkeiten aufgedeckt.

Zu den Autorinnen:

Brigitte Beier
studierte Germanistik und Philosophie und arbeitet freiberuflich als Sachbuchautorin, Lektorin und ├ťbersetzerin aus dem Englischen in Hamburg.

Karina Schmidt studierte Germanistik und Soziologie in Frankfurt am Main und Hamburg. Sie lebt als freie Lektorin und Autorin in Hamburg.
(Quelle: AvivA Verlag)


Brigitte Beier & Karina Schmidt
Hier spielt die Musik! Tonangebende Frauen in der Klassikszene

AvivA Verlag, erschienen September 2011
Gebunden, 255 Seiten mit Register der Orchester und Ensembles und Personenregister
ISBN 978-3-932338-49-6
23,80 Euro

www.aviva-verlag.de

www.facebook.com/aviva.verlag

Mehr zum Thema Frauen in der Musik finden Sie unter:

www.archiv-frau-musik.de

Die Studie "Orchestrating Impartiality: The Impact of "Blind" Auditions on Female Musicians" von Claudia Goldin und Cecilia Rouse

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit der Komponistin Ursula Mamlock

Literatur Beitrag vom 13.01.2012 AVIVA-Redaktion 





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