Elizabeth Taylor - Blick auf den Hafen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.01.2012

Elizabeth Taylor - Blick auf den Hafen
Lisa Scheibner

In poetischer N├╝chternheit beschreibt die englische Autorin, die zu Lebzeiten wie posthum kaum Bekanntheit erlangte, die kleinen Dramen eines verschlafenen Hafenst├Ądtchens so spannend,..



...dass es M├╝he macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Newby scheint auf den ersten Blick ein ereignisloser Ort an der englischen K├╝ste zu sein. Es hat einen Krieg gegeben (wir befinden uns wahrscheinlich in den mittleren bis sp├Ąteren 1940er Jahren), doch dar├╝ber wird kaum gesprochen. Einzig ein paar Rollen Stacheldraht am Strand, in denen sich von Wind davongetragene Gegenst├Ąnde verfangen, zeugen davon. Wer hier wohnt, beobachtet mehr, als dar├╝ber zu reden, was es zu sehen gibt. Selbst der Leuchtturm, der allabendlich seinen Strahl in die Fenster wirft, scheint auf seine Art Alles zu observieren.

"Lily Wilson sa├č mit `Lady Audley`s Geheimnis` auf dem Scho├č hinter ihren Spitzengardinen, doch es war zu dunkel zum Lesen. Obwohl sie darauf wartete, kam der erste Lichtstrahl des Leuchtturms jedes Mal ├╝berraschend und verwandelte den Moment in etwas Magisches und Wunderbares, wenn er mit all seiner Herablassung und Gleichg├╝ltigkeit ├╝ber den taufarbenen Abend strich, halb wiederkehrte, sich zur├╝ckzog und dann, schon fast vergessen, seinen F├Ącher ├╝ber das Wasser breitete, den ganzen Sommer ├╝ber von verwirrten V├Âgeln und Faltern durchschwirrt (...)"

Elizabeth Taylor (1912-1975) beschreibt in "Blick auf den Hafen", erstmals 1947 unter dem Titel "A View of the Harbour" erschienen, das Alltagsleben der unscheinbaren Kleinstadt. In der Tradition des britischen Gesellschaftsromans, in der sich vor allem Schriftstellerinnen wie Jane Austen und George Eliot einen Namen gemacht haben, entwickelt sie komplexe Psychologien, in die die Leserin nach und nach eintaucht.

Hinter der Gardine ist der beste Platz um zu sehen, wer sich am Kai herumtreibt

Alles beginnt mit Bertram, der neu in die Stadt kommt, und durch dessen Augen die Leserin die BewohnerInnen Newbys kennenlernt. Der alte Seemann sucht einen Platz zum Nachdenken, Zeichnen und vielleicht auch, um sich zum ersten Mal im Leben niederzulassen. Er ist neugierig und versucht, mit allen, die sich an der Promenade zeigen, Bekanntschaft zu schlie├čen - manche einsame Dame bl├╝ht unter seinem Interesse geradezu auf.
Den Alteingesessenen entgeht das Treiben des Neulings nicht: sie beobachten genauestens die Freundschaft, die er mit der k├╝rzlich verwitweten Mrs Wilson kn├╝pft, und auch, wie er diese kurz darauf f├╝r die Gesellschaft der attraktiven Tory Foyle vernachl├Ąssigt.
Die Erz├Ąhlperspektive springt mit einem Blick aus dem Fenster von Einem zur Anderen und die Orte, an denen sich die Handlung immer weiter entspinnt, sind der Leserin bald vertraut, wie etwa der Anchor, der einzige Pub im alten Teil der Stadt.

Die Einzige, die fast nichts mitbekommt, ist die Schriftstellerin Beth. Sie geht so sehr in ihrem Schreiben auf, dass sie weder bemerkt, was ihre T├Âchter Prudence und Stevie tun, noch, dass ihr Mann, der Arzt des Ortes, sie mit ihrer besten Freundin betr├╝gt...

Die Erz├Ąhlung konzentriert sich alsbald auf einige ProtagonistInnen. Elizabeth Taylor beschreibt ihre Charaktere mit liebevoller Pr├Ązision, wie etwa die missgelaunte Mrs Bracey, die von der H├╝fte abw├Ąrts gel├Ąhmt in ihrem Zimmer sitzt und ihre T├Âchter tyrannisiert, obwohl diese ihr heimlich leid tun. Maisie und Iris haben sich trotz ihrer Jugend schon fast von ihren Tr├Ąumen verabschiedet. Auch die 20j├Ąhrige Prudence wirkt einsam und scheint sich nur in Gesellschaft ihrer Katzen wohl zu f├╝hlen.

"Jetzt, etwas sp├Ąter, lag sie nackt im Bett, wie sie es gern hatte, mit einer Katze an jeder Seite. Seidiges Fell an ihrer Haut. Kalte, gepolsterte Pfoten auf ihrem K├Ârper. Es bedr├╝ckte sie, ihre Eltern pl├Âtzlich als menschliche Wesen zu sehen, aus einem Blickwinkel, der ihr vorher gar nicht vorstellbar gewesen war. (...) Sie war nicht darauf vorbereitet, Mitgef├╝hl mit ihrer Mutter zu haben, die sie immer eher abgelehnt, oder ihren Vater abzulehnen, den sie immer geliebt hatte. (...) Behutsam hob sie die Krallen der Katzen von ihrem blo├čen H├╝ften und sie w├╝hlten sich durch das Bettzeug nach oben, bis sie mit ihren kalten Nasen an ihren Hals stie├čen."

Verstaubte Meuchelm├Ârder

Die Fischerflotte f├Ąhrt aufs Meer und kommt zur├╝ck, die M├Âwen kreischen, Pl├Ąne werden geschmiedet, Briefe geschrieben und ab und zu f├Ąhrt sogar jemand nach London. Dorthin ist es nicht wirklich weit, und doch scheint die gro├če Stadt mit ihrem Trubel unendlich fern zu sein. Die Zeit in Newby ist stehen geblieben wie in Mrs Wilsons verstaubtem Wachsfigurenkabinett, in dem l├Ąngst vergessene M├Ârder aus ihren Glasaugen die wenigen TouristInnen anstieren, die sich dorthin verirren.

Doch die kleinen Geheimnisse machen geradezu s├╝chtig: Gelingt es der zur├╝ckgezogenen Maisie, mit dem draufg├Ąngerischen Fischer anzub├Ąndeln? Wird Tory in ihrer Launenhaftigkeit Beth ihren unverzeihlichen Betrug beichten? Und malt Bertram am Ende das Bild vom Hafen, das er dem Wirt des Anchor versprochen hat?
Ein poetischer Hafengeschichten-Reigen aus einer anderen Zeit, bei der es im Endeffekt nicht die Ereignisse sind, die die Spannung erzeugen, sondern Taylors au├čergew├Âhnliche Art des Erz├Ąhlens, mit der sie subtil und fast modern die Werte und Schwierigkeiten der unmittelbaren Nachkriegsgeneration dargestellt.
Bettina Abarbanells Neu├╝bersetzung offenbart Taylors feine Ironie und sprachliche Gewandtheit, die sich sehr unterhaltsam und ├╝berraschend zeitlos entfaltet.

Zur Autorin: Elizabeth Taylor, geborene Coles, wurde 1912 im englischen Reading geboren, zwanzig Jahre vor ihrer ber├╝hmten Namensvetterin, und starb 1975 in Penn. Coles arbeitete bis zu ihrer Heirat als Hauslehrerin und Bibliothekarin, danach ver├Âffentlichte sie zw├Âlf Romane, mehrere Kurzgeschichtenb├Ąnde und ein Kinderbuch. Die Schriftstellerin war kurzzeitig Mitglied der KP, sp├Ąter Anh├Ąngerin der Labour Party. "Blick auf den Hafen" (1947) erschien erstmals 1950 unter dem Titel "Kleiner Wellenschlag" auf deutsch, auch zwei andere ihrer Werke wurden ins Deutsche ├╝bersetzt. 2007 verfilmte Fran├žois Ozon ihren Roman "Angel".
Zur ├ťbersetzerin: Bettina Abarbanell, 1961 geboren, arbeitet als Literatur├╝bersetzerin in Potsdam. Sie ├╝bersetzte unter anderem Jonathan Franzens "Die Korrekturen", die meisten Werke von Denis Johnson und "Der gro├če Gatsby" von F. Scott Fitzgerald.

AVIVA-Tipp: Elizabeth Taylors Roman ist ein besonderer Lesegenuss f├╝r dunkle Winternachmittage und auch ├╝ber sechzig Jahre nach seinem Erscheinen voller interessanter Beobachtungen aus dem Leben eines scheinbar vertr├Ąumten Hafenst├Ądtchens im England der 1940er Jahre. Die leidenschaftliche Tory, die Schriftstellerin Beth und die einsame Prudence wissen mehr, als sie sagen. Poetisch, pr├Ązise und mit feinem Humor beschreibt die Autorin allt├Ągliche Dramen so spannend und lebendig, dass es eine Freude ist.

Elizabeth Taylor - Blick auf den Hafen
(Im Original: "A View of the Harbour")
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
D├Ârlemann, erschienen 2011
Gebunden in Leinen mit Leseband, 384 Seiten
23.90 Euro
ISBN 9783908777663
www.doerlemann.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Mehr zu Literatur aus Taylors Zeiten:

Luise Berg-Ehlers: "Das Gl├╝ck des Schreibens" (2009)

Barbara Sichtermann: "50 Klassiker Schriftstellerinnen" (2009)

Stefan Bollmann: "Briefe liebe ich, f├╝r Briefe lebe ich" (2008)

Karen Joy Fowler: "Der Jane Austen Club" (2005)

Literatur Beitrag vom 09.01.2012 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken