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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.09.2008

Alexis Schwarzenbach - Auf der Schwelle des Fremden - Das Leben der Annemarie Schwarzenbach
Silvy Pommerenke

Dem Gro├čneffen Annemarie Schwarzenbachs ist ein ber├╝hrendes und eindringliches Portrait dieser faszinierenden Frau gelungen, die als Journalistin, Fotoreporterin, Literatin, Antifaschistin...



...und vor allem als unglaublich beeindruckende Gestalt auf ihre Umwelt eingewirkt hat.

Annemarie Schwarzenbach war von Geburt aus au├čerordentlich privilegiert: 1908 hineingeboren in eine Schweizer Familie, die sich durch Milit├Ąr, Adel und vor allem Reichtum auszeichnete, waren ihr von Anfang an die Wege in die Upper-Class geebnet. Aber sie ruhte sich auf diesen Lorbeeren nicht aus, sondern sperrte sich ganz im Gegenteil dem ihr vorgeplanten Lebensweg von Heirat und Luxusleben. Es war zwar nicht so, dass sie sich dem Luxus per se abgewandt h├Ątte, und sp├Ąter heiratete sie auch den homosexuellen franz├Âsischen Diplomaten Claude Clarac, aber sie teilte nicht die politische Einstellung ihrer nazi-begeisterten Familie. Fr├╝h schon fand sie ihre Vorliebe im Androgynen und ihre Ablehnung gegen die Faschisten. Ersteres wurde durchaus von ihrer Mutter gutgehei├čen, war sie doch selbst eine herbe und m├Ąnnlich wirkende Frau, die trotz der Ehe mit ihrem Mann jahrzehntelang eine Liebesbeziehung zu einer anderen Frau hatte. Aber die politische Einstellung ihrer Tochter behagte ihr gar nicht. Schlie├člich f├╝hrte die Freundschaft Annemaries zu Klaus und Erika Mann zum unvers├Âhnlichen Bruch mit dem Elternhaus. Zwar bem├╝hte sich die Tochter aus gutem Hause immer wieder um die Zuneigung ihrer Mutter, aber die strafte sie meist mit Ablehnung. Dies wird einer der Gr├╝nde gewesen sein, weswegen Annemarie Schwarzenbach zu einer Morphiums├╝chtigen wurde. Sie k├Ąmpfte ÔÇô ebenfalls wie Klaus Mann ÔÇô gegen diese Droge an, versuchte mehrfach in Entziehungsanstalten und durch Reisen sich davon zu befreien, aber letztendlich sollte es ihr nicht gl├╝cken. Ironischerweise trat Schwarzenbach vielfach Reisen in gef├Ąhrliche L├Ąnder an, trotzte manch einer brenzligen Situation und fand ihren Tod in Folge eines `banalen` Fahrradunfalls und der fehlerhaften Behandlung von ├ärzten in der heimischen Schweiz.

Alexis Schwarzenbach, Gro├čneffe Annemaries, wurde von seinen Verwandten nur dahin gehend aufgekl├Ąrt, dass sie "lesbisch gewesen sei und morphiums├╝chtig". Als er 1987, kurz vor der Wiederentdeckung der Autorin, in der Bibliothek seiner Gro├čeltern auf das Buch "Lyrische Novelle" von Annemarie stie├č, war seine Verwunderung und Faszination gro├č. Zwanzig Jahre sp├Ąter ist diese Faszination in jeder Textzeile seiner Bild-Biographie ├╝ber Annemarie Schwarzenbach immer noch anzumerken, die sich unweigerlich auf die LeserIn ├╝bertr├Ągt. Liebevoll bl├Ąttert er die Lebens- und Liebesstationen seiner Gro├čtante auf, vermittelt ein faszinierendes Portrait dieser unvergleichlichen Frau, ohne dass er dabei Dinge besch├Ânigt oder sensationsl├╝stern aus- oder verpackt. Im Gegenteil, denn er deckt famili├Ąre Umst├Ąnde auf, die einen Erkl├Ąrungsversuch f├╝r das Scheitern dieser begabten und sch├Ânen Frau abgeben. Weder verschweigt er ihr unstetes Wesen, das sich immer wieder in den h├Ąufigen Reisen und wechselnden Liebesbeziehungen zu Frauen ├Ąu├čert, noch verharmlost er ihre Alkohol-, Tabletten- und Morphiumsucht. Gleichzeitig zeichnet er das Bild einer nach Liebe suchenden Frau nach, die vor allem im Schreiben einen Halt im Leben fand, den ihr Menschen offensichtlich nicht geben konnten. Annemarie Schwarzenbach war eine ambivalente Frau, die durchaus Best├Ąndigkeit suchte, und viele ihrer Freundschaften ├╝ber Jahre pflegte. Sie suchte den Austausch mit Gleichgesinnten, unter anderem mit Erika und Klaus Mann, die wie sie gegen den Faschismus k├Ąmpften und die Literatur zu ihrer Religion machten.

Letztendlich war ihr Aussehen ihr Kapital, gleichzeitig auch ihre B├╝rde, denn es gab wohl kaum einen Raum, den sie betrat, kaum einen Menschen, dem sie begegnete, den sie nicht verzauberte. Aber Annemarie Schwarzenbach hatte auch ihre dunklen Seiten, die sich in Form von Aggressionen, Depressionen und ihren diversen S├╝chten ├Ąu├čerten, die sie schlie├člich auch zu Suizidversuchen f├╝hrten. Gerade als sie sich von ihrer Morphiumsucht befreit hatte und dem Leben wieder einen Sinn abgewinnen konnte, passierte der tragische Fahrradunfall, aufgrund dessen sie nur kurze Zeit sp├Ąter starb. Zu diesem Zeitpunkt, Oktober 1943, galt sie als bekannteste schweizerische Reiseschriftstellerin, und eine Vielzahl anr├╝hrender Nachrufe zeigen die Ersch├╝tterung, die ihr verfr├╝hter Tod in der ├ľffentlichkeit hervorrief.

Dass sie ungew├Âhnlich schnell aus dem ├Âffentlichen Bewusstsein entschwand, lag unter anderem an den famili├Ąren Streitigkeiten um ihr schriftstellerisches Erbe. Erst Ende der achtziger Jahre wurde Schwarzenbach `rehabilitert`und fast alle ihrer B├╝cher neu publiziert. Alexis Schwarzenbach wird mit seiner Bild-Biopgraphie einen weiteren Schritt dazu tun, dass das Andenken an diese ungew├Âhnliche Frau auch in Zukunft wachgehalten und ihre B├╝cher nicht mehr aus den Bibliotheken wegzudenken sein werden.

Weiterlesen: Annemarie Schwarzenbach zum 100. Geburtstag und Annemarie Schwarzenbach ÔÇô Eine Frau zu sehen

Annemarie Schwarzenbach wurde am 23. Mai 1908 als Kind einer Z├╝rcher Industriellenfamilie geboren. Nach dem Studium in Z├╝rich und in Paris, das sie mit einer Promotion im Fach Geschichte abschloss, ver├Âffentlichte sie mit 23 Jahren ihren ersten Roman, Freunde um Bernhard. Von 1933 an unternahm die rastlose Schriftstellerin und Journalistin, die eine enge Freundschaft mit Klaus und Erika Mann verband, zahlreiche Reisen in ferne L├Ąnder. Sie starb 1942, geschw├Ącht durch lange Jahre der Drogensucht, an den Folgen eines Fahrradunfalls. (Quelle: Verlagsinformationen)

Zum Autor: Alexis Schwarzenbach, 1971 in Z├╝rich geboren, studierte Geschichte am Balliol College in Oxford und promovierte am Europ├Ąischen Hochschulinstitut in Florenz. Zuletzt ver├Âffentlichte er "Die Geborene" ├╝ber Ren├ęe Schwarzenbach-Wille und ihre Familie, sowie "Das verschm├Ąhte Genie" ├╝ber Albert Einstein und die Schweiz. Er lebt in Z├╝rich und g├Ąrtnert im Glarnerland. (Quelle: Verlagsinformationen)

AVIVA-Tipp: Der Gro├čneffe Annemarie Schwarzenbachs hat ein sehr intimes, fesselndes und ├Ąu├čerst ber├╝hrendes Andenken an diese einmalige Frau geschaffen, indem er zum Teil unver├Âffentlichte Photographien, Briefe, Faksimiles und familieninterne Geheimnisse l├╝ftet, ohne dabei Einzelnen zu nahe zu treten. In akribischer Feinarbeit hat er das Leben von Annemarie Schwarzenbach nachgezeichnet - sowohl in seiner dunklen als auch in seiner hellen Seite - und dies ├Ąu├čerst spannend niedergeschrieben, so dass die LeserIn vom ersten Moment an in einen Sog ger├Ąt, der das Weglegen des Buches schier unm├Âglich macht.

Alexis Schwarzenbach
Auf der Schwelle des Fremden - Das Leben der Annemarie Schwarzenbach

Collection Rolf Heyne, erschienen M├Ąrz 2008
Gebunden, 420 Seiten
23 x 29 cm
Gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Abbildungen, Duotone auf Kunstdruckpapier
Mit H├Ârbuch-CD "Eine Frau zu sehen", gelesen von Bibiana Beglau
ISBN: 978-3899103687
58,00 Euro

Literatur Beitrag vom 27.09.2008 Silvy Pommerenke 





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