Chasia Bornstein-Bielicka - Mein Weg als Widerstandskämpferin - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 16.02.2009


Chasia Bornstein-Bielicka - Mein Weg als Widerstandskämpferin
Silvy Pommerenke

Die Autorin erzählt von ihrer Tätigkeit als jüdische Widerstandskämpferin in den Jahren 1941 bis 1945 im besetzten Polen, von der täglichen Lebensgefahr, in der sie schwebte, da sie ...




... als Polin getarnt auf der "arischen" Seite lebte, von ihrem selbstlosen Einsatz für die JüdInnen im Ghetto und schließlich von ihrer Arbeit als Verbindungsmädchen zu jüdischen PartisanInnen im Wald.

Dabei stellt Chasia Bornstein-Bielicka vielfach ihre eigenen Erinnerungen in Frage, und das ist das Besondere an dieser Autobiografie, denn während andere sich mit dem Nimbus des All- und Besserwissenden umgeben, wagt die Autorin den Schritt des Infragestellens ihrer eigenen - lange Jahre zurückliegenden – Erlebnisse. Erinnerung ist subjektiv, somit tut diese selbstkritische Rückschau gut, erklärt gleichermaßen, informiert und bewegt die LeserIn zu einem genauen Hinschauen des Geschehens. "Aus der Distanz von 60 Jahren versuche ich zu verstehen."
Dabei fällt der poetische Zugang der Autorin zu ihrer Vergangenheit auf, durch den sie besonders eindringlich ihre Erlebnisse auszudrücken versteht. Immer, wenn es sich um sehr berührende und intime Erinnerungen handelt, die sie bis heute detailliert verfolgen, wechselt sie vom Perfekt ins Präsens, wodurch die LeserIn noch stärker in den Text einbezogen wird.

Bei all ihren Schilderungen ist die Autorin sehr bemüht, keine Generalverurteilung gegenüber der polnischen Bevölkerung zu fällen und benennt einige wenige, die ihr geholfen haben. Aber, und das markiert sie sehr deutlich, es waren nur wenige, denn beispielsweise sah der Großteil der polnischen Bevölkerung über mehrere Tage der Liquidierung des Ghettos Bialystok zu: "Viele von ihnen verbergen ihre Freude nicht: Endlich machen die Deutschen für uns die Arbeit, die Juden zu vernichten." Dennoch versäumt sie es nicht, auf PolInnen hinzuweisen, die "unter Lebensgefahr [ihre] Menschlichkeit" bewahrten. Der Dank für die selbstlosen HelferInnen konnte selten ausgesprochen werden, denn Chasia und ihre MitkämpferInnen waren "mitten im Sturm des Krieges, voller Siegeszuversicht", so dass erst Jahrzehnte später in diesem Buch das Versäumte gegenüber den vielfach namenlosen HelferInnen nachgeholt werden kann, wodurch sie alle wieder lebendig werden.

Chasia Bornstein-Bielicka führte ein aufopferndes Leben, das für private Belange keinen Raum ließ. Sowohl während der Nazi-Diktatur als auch in der Zeit nach 1945. Sie war angetrieben von unerwünschten Mächten, von dem unbedingten Willen zum Kampf und dem Wissen um den Tod ihrer gesamten Familie, die aus dem Ghetto direkt in die Gaskammer deportiert wurde. Die ehemalige Widerstandskämpferin bleibt bis zum Ende selbstkritisch, bedauert sogar einige ihrer Entscheidungen, die sie in Bezug auf ihre Arbeit mit jüdischen Kindern nach 1945 getroffen hat. Dies löst das Buch und die Autorin aus einer einseitigen Position der Geschichtsbetrachtung heraus und bewirkt dadurch einen kritischen und reflektierten Blick auf die Vergangenheit.

Weiterlesen: "Das Tagebuch der Partisanin Justyna. Jüdischer Widerstand in Krakau" von Gusta Davidson-Draenger und "Die Untergrundarmee. Der jüdische Widerstand in Bialystok" von Chaika Grossmann

Zur Autorin: Chasia Bornstein-Bielicka, geboren 1921 in Grodno, stammt aus einer gutbürgerlichen jüdischen Familie. Nach dem deutschen Einmarsch im Juni 1941 wurde sie mit ihren Eltern und Schwestern ins Ghetto gesperrt. Sie schloss sich dem jüdischen Widerstand an, konnte aus dem Ghetto fliehen und ging nach Bialystok. Dort arbeitete sie als polnisches Hausmädchen getarnt für die Widerstandskämpfer im Ghetto Bialystok und für die Partisanen in den Wäldern der Umgebung, überbrachte Material und Nachrichten und knüpfte Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen. Nach dem Krieg kümmerte sie sich um jüdische Waisenkinder und wanderte 1947 nach Israel aus. Sie war bis zu ihrer Pensionierung Erzieherin und lebt mit ihrer Familie in einem Kibbuz in Israel. (Quelle: Verlagsinformationen)

AVIVA-Tipp: Die Lebensgeschichte von Chasia Bornstein-Bielicka ist ein ergreifendes Porträt einer mutigen Frau, die ihr Leben in den Dienst der jüdischen Widerstandsbewegung des besetzten Polens stellte. Zeitweilig lesen sich ihre Erinnerungen wie ein Agentinnen-Krimi, der mitunter vergessen lässt, dass es sich um einen Tatsachenbericht aus der Nazi-Diktatur und des Holocausts handelt. Dank der kritischen und mehrschichtigen, bisweilen auch poetischen Aufarbeitung ihres bewegenden Lebens, wird der LeserIn aber immer wieder vor Augen gehalten, dass es kein fiktionaler Stoff, sondern tödlicher Ernst war, dem sich die Autorin vor mehr als sechzig Jahren ausgesetzt hat, und den nur wenige überlebt haben. Ein wichtiges Buch, das für Aufklärung und für Erschütterung sorgt.

Chasia Bornstein-Bielicka
Mein Weg als Widerstandskämpferin

Herausgegeben von Heiko Haumann
Verlag: dtv, September 2008
Broschiert, 382 Seiten
Aus dem Hebräischen von Orna Keren-Carmel. Mit Fotos.
ISBN: 978-3423344975
14,90 Euro


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Beitrag vom 16.02.2009

Silvy Pommerenke 






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