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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.03.2005

Drei Frauen, gelesen von Otto Sander und Christoph Waltz
Sabine Grunwald

Robert Musil beschreibt mit großem Können in drei exemplarischen Geschichten die ewige Fremdheit zwischen den Geschlechtern und das Unvermögen, einander näher zu kommen.



"Musil ist der Meister der psychischen Zwischentöne und der Bewusstseinsphänomene. Mit der Liebe werden wir nie klar kommen...vor allem nicht, wenn wir Männer sind." Sein Thema geht Musil ganz aus der männlichen Perspektive an, die ProtagonistInnen lässt er erzählen, was ihnen widerfahren ist.

Neben der psychologischen Tiefensch√§rfe Musils verleihen auch die gegens√§tzlichen Frauenfiguren den drei Erz√§hlungen ihren Reiz. Die B√§uerin Grigia schildert Musil (durch die m√§nnliche Sichtweise) genauso pr√§zise, wie eine portugiesische Aristokratin und letztendlich die Verk√§uferin Tonka. Dennoch kommen die Erz√§hlungen alle zum selben Schluss: Die Schwierigkeiten und Probleme, die die Liebe mit sich bringt, sind schwerlich zu √ľberwinden.

In Grigia verl√§sst Homo Frau und Sohn und begleitet als Geologe eine Expedition in ein abgelegenes italienisches Bergdorf. "Kurze Zeit danach war er der Geliebte einer Bauernfrau geworden, diese Ver√§nderung, die mit ihm vorgegangen war, besch√§ftigte ihn sehr, denn ohne Zweifel war da nicht etwas durch ihn, sondern mit ihm geschehen." Er ist von ihrer nat√ľrlichen und offenen Art angetan und findet mit ihr zusammen ein tragisches Ende, als sie vom Ehemann unvermutet entdeckt werden.

Die Portugiesin verl√§sst als junges M√§dchen ihre Heimat und folgt dem charmanten Herrn von Ketten auf seine unwirtliche Burg. Zuhause angekommen verwandelt sich der liebensw√ľrdige Werber in einen Fremden, der elf Jahre in den Kampf zieht und kaum Frau und Kinder kennt. Erst eine t√∂dliche Verwundung zwingt ihn zum Umdenken.

Tonka ist eine kleine Verkäuferin ohne großes Selbstvertrauen. Sie lebt allein durch ihren Geliebten. Eines Tages wird sie schwanger und verliert ihre Stellung. Ihr Lebensgefährte kommt zu der Überzeugung, dass das ungeborene Kind nicht sein Eigenes sein könne. Obwohl seine Mutter drängt, sich von der Gefährtin zu trennen, hält er an ihr fest. Erst ihr Tod befreit ihn von der Bindung.

Otto Sander und Christoph Waltz sind in Stimmlage und Typus ganz unterschiedlich, dadurch entsteht als H√∂rerin das Gef√ľhl, in v√∂llig grundverschiedene Charaktere einzutauchen.

Robert Musil, geboren am 6.11.1880 in Klagenfurt (K√§rnten), wuchs in Steyr und Br√ľnn auf, besuchte Milit√§rschulen und studierte in Wien Maschinenbau. Nachdem er die Matura nachgeholt hatte, studierte er Psychologie und Philosophie und dissertierte 1908 in Berlin. 1911-14 arbeitete er als Bibliothekar an der Technischen Hochschule in Wien und schrieb an dem Drama "Die Anarchisten" (sp√§terer Titel "Die Schw√§rmer", 1921). Anfang 1914 wurde Musil Redakteur der "Neuen Rundschau". Im 1. Weltkrieg war er an der S√ľdfront und 1918 wurde er ins Kriegs-Pressequartier versetzt. Ab 1922 lebte er als freier Schriftsteller in Wien, 1931-33 in Berlin, kehrte dann nach Wien zur√ľck und emigrierte 1938 in die Schweiz. Ab 1939 lebte Musil in Genf, wo er unbekannt und verarmt am 15.4.1942 starb.

Seine erste gro√üe Erz√§hlung, "Die Verwirrungen des Z√∂glings T√∂rle√ü" (1906), thematisiert die Begegnung mit Sexualit√§t, Gewalt und dem Fremden im Allgemeinen. Die Erz√§hlungen "Drei Frauen" erschienen 1923. Sein Magnus Opus der Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" blieb unvollendet: 1930 erschien der 1.Teil, 1933 der 2.Teil und 1943 ein 3.Teil, der als Fragment von Musils Witwe aus dem Nachlass herausgegeben wurde. In einer umfassenden Gesamtschau setzt sich Musil darin mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie ("Kakanien") auseinander, der f√ľr die Aufl√∂sung der Weltordnung schlechthin steht.

Otto Sander, geboren am 30. Juni 1941 in Hannover, gibt 1965 sein Deb√ľt an den D√ľsseldorfer Kammerspielen. 1967/68 geht er ans Theater nach Heidelberg, dann an die Freie Volksb√ľhne Berlin. Ab 1970 ist er bei Peter Stein an der Schaub√ľhne am Hallerschen Ufer in Berlin, wo er spielt und inszeniert. Bundesweit kennt man ihn durch die Aufzeichnungen oder auch Kinoinszenierungen der St√ľcke: Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" (1972), die "Optimistische Kom√∂die" (1973) und "Die Bakchen" (1974). In Andrzej Wajdas "Eine Liebe in Deutschland" (1983) ist Sander der Sprecher. Gemeinsam mit Bruno Ganz realisiert er das Schauspielerportr√§t √ľber Curt Bois "Das Ged√§chtnis". 1980 spielt er bei Werner Schroeter in "Palermo oder Wolfsburg", 1981 in Carl Schenkels "Kalt wie Eis", schlie√ülich spielt er die Titelrolle in Hartmut Schmiege und Christian Rateukes "Der Mann im Pyjama" (1981) - daf√ľr erh√§lt er ein Jahr sp√§ter den Ernst-Lubitsch-Preis.
Au√üerdem arbeitet Otto Sander h√§ufig f√ľr Fernsehen, ist Moderator, Synchron- und Radio-Sprecher und tritt bei Lesungen auf. Otto Sander liest Grigia und Tonka.

Christoph Waltz, geboren am 4. Oktober 1956 in Wien. Der Schauspieler f√§llt vielen deutschen KinobesucherInnen erstmals als Hauptkommissar Becker in Peter Fratzschers seltsamen Thriller "Sieben Monde" (1998) auf. Einen weiteren Publikumserfolg hat er als melancholisch frustrierter Romanautor, f√ľr den Hemingway das gro√üe Vorbild ist, in Marc Rothemunds "Das merkw√ľrdige Verhalten geschlechtsreifer Gro√üst√§dter zur Paarungszeit" (1998). Christoph Waltz ist bereits seit Ende der 70er Jahre als Schauspieler aktiv. So sah man ihn etwa in "Feuer und Schwert - Die Legende von Tristan und Isolde" (1985) oder in dem Mehrteiler "Lenz oder die Freiheit" (1986). Besonders auff√§llig war seine Darstellung des Maximilian Kolbe in Krzysztof Zanussis "Leben f√ľr Leben" (1991). Christoph Waltz liest Die Portugiesin.

AVIVA-TIPP: Ein H√∂rvergn√ľgen ohnegleichen, auch wer die Erz√§hlungen bereits gelesen hat, wird sich gerne von den beiden so unterschiedlichen Stimmen verf√ľhren lassen.


Otto Sander & Christoph Waltz lesen
Drei Frauen
von Robert Musil

Tacheles/Roof Music GmbH
3 CDs (ungek√ľrzte Fassung) Dauer 3 Std. 34 Minuten
ISBN 3-936186-78-2
19,90 Euro
200683725588"



Literatur Beitrag vom 19.03.2005 Sabine Grunwald 





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