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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.12.2005

CyberGender ‚Äď Geschlecht und K√∂rper im Internet
Christiane Sanaa

Verschwinden die Grenzen zwischen Frau und Mann, Mensch und Maschine, Realit√§t und Virtualit√§t im Cyberspace? Welche Rolle spielt der K√∂rper im k√∂rperlosen Raum? Valeska L√ľbkes sucht nach Antworten.



Die Autorin beantwortet diese Fragen auf einer empirischen und einer theoretischen Ebene. Einerseits untersucht sie die geschlechtsspezifischen Unterschiede von Männern und Frauen bei der Nutzung des Internets. Andererseits diskutiert sie die Frage, "ob das Internet die Kategorie Geschlecht und die damit verbundenen Grenzziehungen revolutionieren kann".

In den drei theoretischen Kapiteln "Kategorie Geschlecht", "Reale und virtuelle K√∂rper" und "Das Netz als sozialer Raum" er√∂rtert sie zun√§chst die grundlegenden Kategorien ¬īGeschlecht¬ī, ¬īK√∂rper¬ī und ¬īRaum¬ī.
Valeska L√ľbkes stellt heraus, dass das Internet ein Raum ist, der nicht einfach "da" ist, sondern sich erst durch Handlungen konstituiert. Das gleiche gilt f√ľr die Kategorie Gender. Sie entwickelt sich nicht aus den Kategorien Sex und Natur, sondern entsteht durch performative, sich wiederholende Akte in einem st√§ndig neu hervorgebrachten Proze√ü. Bis hierher bezieht sich die Autorin vor allem auf die Theorien von Judith Butler, die in ihrem 1990 ver√∂ffentlichten Werk "Das Unbehagen der Geschlechter" das performative Modell entwickelt hat. Demnach sind die Kategorien "m√§nnlich" und "weiblich" keine nat√ľrlichen und unab√§nderlichen Absolutheiten. Sie entwickeln sich vielmehr st√§ndig durch sich wiederholende Handlungen neu.
√úber diesen Ansatz geht Valeska L√ľbke mit dem Gedanken hinaus, "dass auch im Cyberspace, gerade mit Hilfe neuer Formen der Verk√∂rperung ¬īLeiblichkeit¬ī nicht obsolet wird, sondern vielmehr dazu beitr√§gt, virtuellen Wirklichkeiten eine Qualit√§t von Sozialit√§t zu geben."

Hieraus leitet sich ihre wichtigste These ab: "Wir k√∂nnen in der virtuellen Realit√§t zwar ¬īK√∂rper haben¬ī, ¬īK√∂rper sein¬ī hingegen nicht."

Der Körper wird zur leiblichen Schnittstelle zwischen realen und virtuellen Räumen. Er wird zwar auf vielfältige Weise im Netz simuliert, auch jenseits des traditionellen Geschlechterbegriffs. Denn gerade die Anonymität des Internets ermöglicht das sogenannte "Genderswapping", bei dem man sich nicht als der zu erkennen gibt, der man in Wirklichkeit ist. Doch das bleibt die Ausnahme. Denn nicht nur in Chat- und Flirträumen halten die UserInnen an einer strikten Geschlechterordnung fest.
Die Autorin stellt heraus, dass auch im virtuellen R√§umen die Normen und Werte der sozialen Wirklichkeit eine authentizit√§tsstiftende Funktion besitzen, was fr√ľheren gender-utopischen Annahmen widerspricht. Die Internet-UserInnen wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben - besonders auch, mit welchem Geschlecht. Diese Gewi√üheit dient der Akzeptanz und Verst√§ndigung im k√∂rperlos erscheinenden Netz.

Der empirische Teil greift in weiten Teilen auf vorhandenes statistisches Material zur√ľck. Die Abschnitte "Bundesdeutsche Internetpopulation" und "Netz als Gender-Werkstatt" referieren die Resultate anderer Forscherinnen. Im dritten Teil "Wie Chatterbots Menschen werden" stellt die Autorin hingegen die Ergebnisse ihrer eigenen explorativen Studie zum Thema "Gender" von drei computeranimierten und konversationf√§higen Internet-Gesch√∂pfen vor. Sie zeigt, dass der "Transhumanismus", also die Aufl√∂sung der Grenzen zwischen Mensch und Maschine weniger beunruhigend zu sein scheint, als die Aufl√∂sung der Geschlechtergrenze.

Als Fazit ihrer Untersuchung kann festgehalten werden, dass K√∂rper, auch die Geschlechtsk√∂rper in virtuellen Interaktionen, nicht √ľberfl√ľssig werden. Vielmehr spielt die Simulation von "leiblich-affektiven Zust√§nden" bei der "Herstellung von Glaubw√ľrdigkeit" eine wichtige Rolle.
Auch wenn die empirischen Erhebungen zeigen, dass geschlechtliche Eindeutigkeit im Netz eingefordert wird, bietet das Internet gleichzeitig viel Spielraum, um mit den Geschlechterrollen zu experimentieren. Er fasziniert einerseits als "Identit√§tswerkstatt", andererseits bleibt Authentizit√§t f√ľr die UserInnen von gro√üer Bedeutung. Denn trotz aller Spielr√§ume sto√üen Verhaltensmuster, die von den Geschlechterstereotypen abweichen, auf wenig Akzeptanz.

AVIVA-Tipp: Das Buch ist nicht als Bettlekt√ľre geeignet, sondern eine wissenschaftliche Dissertation. Valeska L√ľbke f√ľhrt den aktuellen Theoriediskurs zur Konstruktion von Geschlecht, K√∂rper- und Raumkonzepten zusammen und gibt einen √úberblick √ľber die Forschungsliteratur zum Thema "Genderlosigkeit" im Cyberspace. Wer sich dazu auf den aktuellen Stand der soziologischen und feministischen Diskussion bringen will, darf Valeska L√ľbkes Ausf√ľhrungen nicht links liegen lassen.

Zur Autorin:
Valeska L√ľbke
studierte Soziologie, neuere deutsche Literatur und Erziehungswissenschaften an der Universität Bonn. Hier unterrichtet sie seit 2004 als Studienreferentin die Fächer Sozialwissenschaften und Deutsch. Als Forscherin widmet sie sich den Themen Gender Studies, Wissenschaftssoziologie, Internet und Sozionik.


Valeska L√ľbke
CyberGender

Geschlecht und Körper im Internet
Ulrike Helmer Verlag, erschienen März 2005
ISBN 389741175X
26,95 Euro
kartoniert, 269 Seiten90008115&artiId=3116489"



Literatur Beitrag vom 11.12.2005 AVIVA-Redaktion 





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