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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.12.2005

Das Schweigen brechen
Sarah Ross

Die HerausgeberInnen Alexandra Rossberg und Johan Lansen beschäftigen sich in den "Berliner Lektionen zu den Spätfolgen der Schoa" mit den seelischen und psychosomatischen Folgen des Naziterrors.



W√§hrend des Zweiten Weltkrieges wurden in Deutschland und in allen von Deutschen besetzten Gebieten √ľber sechs Millionen Juden, darunter anderthalb Millionen Kinder, ermordet. Doch erst Ende der 1980er Jahre kam unter Klinikern in Deutschland, bzw. in der Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychologie, ein nennenswertes Interesse an den klinischen und sozialen Folgen der Schoa, bzw. an den √úberlebenden des Holocausts, auf. Das Buch mit dem Titel "Das Schweigen brechen. Berliner Lektionen zu den Sp√§tfolgen der Schoa", herausgegeben von Alexandra Rossberg und Johan Lansen, befasst sich mit den seelischen und psychosomatischen Folgen des Naziterrors und fragt nach den Konsequenzen der der Entmenschlichung f√ľr die √úbriggebliebenen, die geretteten Kinder, die n√§chste Generation und die Gesellschaft.

International hochgesch√§tzte ExpertInnen geben vor dem Hintergrund ihrer gro√üen fachlichen Erfahrung Antwort auf die Frage, was f√ľr diese traumatisierten Menschen getan werden kann. Dabei umrei√üen die in dem Buch zusammengetragenen Betr√§ge eine Zeitspanne von mehr als 50 Jahren, da es auch heute, 60 Jahre nach dem Krieg, noch Sp√§tfolgen gibt. Im Mittelpunkt der Aufs√§tze steht das Schweigen. Da die AutorInnen √ľberwiegend selbst Holocaust-√úberlebende sind, wissen sie, was es mit dem Schweigen auf sich hat. Zwar erhebt das Buch keinen Anspruch auf ein vollst√§ndiges Bild der klinischen Folgen der Schoa noch auf eine komplette Bibliographie, doch finden die LeserInnen hier eine breite Auswahl an Beitr√§gen zum Thema: Neben Aufs√§tzen, die ein breites Publikum ansprechen, gibt es zudem "Erfahrungs- und Forschungsberichte √ľber Diagnostik und Behandlung von Menschen, die w√§hrend langer Zeit massivster staatlich organisierter Gewalt ausgesetzt waren, sowie Erg√§nzendes aus dem fachlichen Umgang in den Niederlanden mit anderen Opfergruppen aus der damaligen Zeit". Dabei verzichtet dieser Band auf technisch-wissenschaftliche Themen.

Die HerausgeberInnen haben das Buch in vier Teile eingeteilt, die auf unterschiedliche Art und Weise, bzw. aus verschiedenen Perspektiven, das Oberthema "Schweigen" behandeln: Der erste Teil des Buches, "Schweigen: treuer Begleiter des Traumas", besteht aus Vortr√§gen f√ľr einen breiten Kreis von Interessierten. Hier befassen sich die AutorInnen, wie beispielsweise Leo Eitinger, mit dem Schweigen, bzw. der Ignoranz der Weltgemeinschaft gegen√ľber dem, was den Juden schon zum Beginn des Zweiten Weltkrieges geschah. Aber auch die Frage, warum geschwiegen wurde, warum man erinnert und gedenkt, wird beantwortet, und das Schicksal der Kinder thematisiert.

Der zweite Teil, "Extremtrauma: Folgen und Behandlung in mehr als einer Generation", ist eine Art Capitia Selecta aus Theorie und Behandlungspraxis der Schoa-√úberlebenden. Hier sind Teilst√ľcke aus dem Lehrstoff einer Weiterbildung f√ľr Fachkr√§fte bei ESRA als Lektionen abgedruckt. So beschreibt zum Beispiel Johan Lansen in seinem Kapitel "Sp√§tfolgen" die klinischen Folgen bei √úberlebenden anhand der Erfahrungen der spezifischen Hilfeleistung in den Niederlanden. Chris Barneveld hingegen setzt sich mit der "Behandlung von Verfolgten im Seniorenalter" auseinander. Ein weiterer Schwerpunkt des zweiten Teil des Buches bildet die so genannte Zweite Generation.

Im dritten Teil, "Entsch√§digung und zeitgem√§√üe psychiatrische Begutachtung", werden schlie√ülich Antworten auf die Frage gegeben, wie das entsch√§digungspflichtige Leid der √úberlebenden, besonders das der Kinder, gerecht zu beurteilen ist. Hier findet der Leser und die Leserin vor allem Beitr√§ge von ExpertInnen psychiatrischer gutachterlicher T√§tigkeit f√ľr Anerkennungsverfahren bei deutschen Entsch√§digungsbeh√∂rden. Im vierten und letzten Teil des Buches, "Child Survivors an ihre Schicksalsgef√§hrten", richten dann die AutorInnen, √ľberlebende Kinder der Schoa, Worte an ihre Schicksalsgef√§hrtInnen. In kurzen Beitr√§gen berichten sie von ihren eigenen Erfahrungen und sagen, dass das Mitteilen und das Wiedererlangen der Erinnerung heilend sein kann.

AVIVA-Tipp: "Das Schweigen brechen. Berliner Lektionen zu Sp√§tfolgen der Schoa" ist ein gelungener Band, in dem sich ExpertInnen mit dem Schweigen der Holocaust√ľberlebenden und den klinischen und sozialen Folgen der Schoa auseinandersetzen. Das Buch vereint gleicherma√üen Beitr√§ge, die einen eher allgemeinen √úberblick √ľber die Thematik vermitteln, mit Aufs√§tzen, die sich an ein Fachpublikum richten. Somit erreicht der Band einen breiten Kreis an LeserInnen. Auch wenn der Hauptaugenmerk auf den j√ľdischen Opfern des Naziterrors liegt, so werden dennoch auch andere Gruppen Kriegs- und Verfolgungstraumatisierter ber√ľcksichtigt. Und somit ist das Ziel dieses Buches, allen Betroffenen das Leben leichter zu machen.

Zu den HerausgerInnen:
Johan Lansen
wurde 1933 geboren. Er ist Psychiater und Psychoanalytiker. Von 1981-1993 war er √§rztlicher und allgemeiner Direktor des Sinai Centrums, dem in Europa gr√∂√ütem Zentrum zur Behandlung von Schoa-√úberlebenden. Er war aktiv involviert als Berater, Supervisor und Dozent beim Aufbau von ESRA. Seit 10 Jahren arbeitet er international als Trainer und Supervisor bei Behandlungseinrichtungen f√ľr andere Gewalt- und Verfolgungsopfer.
Alexandra Rossberg wurde 1945 geboren. Sie wurde in der Psychotherapie mit Extremtraumatisierten und Gruppenanalyse ausgebildet. Zusammen mit Johan Lansen hat sie ESRA initiiert und aufgebaut. Seit 12 Jahren arbeitet sie einzeln oder in Gruppen mit √úberlebenden der Schoa und deren Nachkommen. Dabei hat sie ungew√∂hnlicher Wege im therapeutischen Umgang mit sehr fr√ľh und schwer traumatisierten Kindern beschritten.

Mehr Informationen zu ESRA(Hebr√§isch f√ľr "Hilfe"), dem Psychosozialen Zentrum in Wien auf:
www.esra.at


Alexandra Rossberg/Johan Lansen (Hrsg.)
Das Schweigen brechen.

Berliner Lektionen zu Spätfolgen der Schoa
Peter Lang Verlag, 2003
ISBN 3-631-37967-6
388 Seiten, Paperback
29,80 Euro

Literatur Beitrag vom 30.12.2005 Sarah Ross 





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