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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.01.2006

Der J├╝dische Almanach - die Jeckes
Sarah Ross

Der j├╝dische Almanach des Leo Baeck Instituts von 2005 widmet sich den Lebenswelten der "Jeckes" - der in den drei├čiger Jahren vor den Nazis nach Pal├Ąstina geflohenen deutschen Juden.



In den 1990er Jahren hat das Leo Baeck Institut die Vorkriegstradition des j├Ąhrlich erscheinenden, deutschsprachigen J├╝dischen Almanachs wieder aufgenommen. Damals erschien der Almanach vor allem in den gro├čen Metropolen Berlin, Wien und Prag, jedoch wird er heute, im Auftrag des Jerusalemer Leo Baeck Instituts, in Israel herausgegeben. Anl├Ąsslich des 50. Geburtstags des Instituts widmet sich der J├╝dische Almanach von 2005, herausgegeben von Gisela Dachs, den deutschst├Ąmmigen Juden in Israel - den so genannten Jeckes - und beleuchtet deren Erlebnisse, Schicksale und charakteristische Eigenheiten.

"Kommst du aus Zionismus oder aus Deutschland?" war die Frage, der sich die deutschen Juden stellen mussten, die zwischen 1933 und 1939 vor den Nazis nach Pal├Ąstina geflohen sind. Man nannten sie die "Jeckes".
Im Volksmund hei├čt es, dass man sie deshalb so nannte, weil sie auch bei gr├Â├čter Hitze stets ihre Jacketts und Krawatten anbehielten. Eine andere Worterkl├Ąrung bezieht sich auch die hebr├Ąische Abk├╝rzung von jehudi kasche havana - ein Jude, der schwer von Begriff ist. Die genaue Herkunft des Wortes ist nach wie vor ungekl├Ąrt.

Die Herausgeberin Gisela Dachs, langj├Ąhrige Korrespondentin der Wochenzeitung Die Zeit in Israel, hat in diesem Buch 19 Texte von Juden, Israelis und Deutschen zusammengetragen, die zusammen ein umfassendes und zum Teil auch sehr pers├Ânliches Bild von den Erfahrungen der Jeckes, ihrem Charakter, ihren Leistungen beim Aufbau des Staates Israel und deren Einfluss auf die israelische Gesellschaft und Kultur zeichnen. Sie berichten von dem Leid, das sie erfuhren, als sie ungewollt ihre Heimat Deutschland verlassen mussten und von der schwierigen Integration in die Pioniergesellschaft.
Alles in allem hat das Buch jedoch ein bestimmtes Ziel: n├Ąmlich den Jeckes die Ehre zukommen zu lassen, die ihnen lange Zeit nicht verg├Ânnt war. Was dieses Buch von anderen Publikationen zum Thema unterscheidet, ist, dass erstmals auch die "Zweite Generation", also die Kinder der Jeckes, zu Wort kommen.

Die Juden aus Deutschland waren zu gro├čen Teilen alles andere als gern gesehene Mitb├╝rgerInnen - sie galten vielmehr als sonderbar und fremd, ja sogar als Au├čenseiterInnen. Wegen ihrer guten Sitten, ihrer H├Âflichkeit und vor allem ihrer preu├čischen Tugenden, wie Ordentlichkeit, P├╝nktlichkeit, Disziplin und Etikette, wurden sie schnell zu einem beliebten Objekt von Witzen und Sp├Âtteleien. Auch ihre akademische Bildung ├╝berforderte oft die zionistischen, osteurop├Ąischen LandarbeiterInnen, die das j├╝dische Gemeinwesen in Pal├Ąstina bis dahin wesentlich pr├Ągten. Die deutsche Hebr├Ąer passten sich an, aber nur bis zu einem gewissen Ma├če: Ob selbst gew├Ąhlt oder doch eher gezwungen - einem Teil ihrer Identit├Ąt blieben sie stets treu.

Zu Beginn des Buches rekapituliert Avraham Barkai die Entstehungsgeschichte der drei Leo Baeck Institute weltweit, und Tom Segev erz├Ąhlt, "wie sehr sich die in alle Welt zerstreuten deutschen Juden nach der Shoah auch auf privater Ebene verbunden geblieben waren". Fania Oz-Salzberger und Eli Salzberger berichten ├╝ber den Obersten Gerichtshof in Israel und seine verborgenen deutschen Quellen und Amos Elon erz├Ąhlt eine jeckische Heldensaga ├╝ber Salman Schocken.
Aber auch der Orient als Exil der letzten Europ├Ąer (Adi Gordon) und die Jeckes in der DDR (Anetta Kahane) werden neben vielen anderen Aspekten thematisiert.

AVIVA-Tipp: Mit der Besonderheit der f├╝nften Aliyah und besonders der deutschst├Ąmmigen Juden in Israel besch├Ąftigt man sich auch auf wissenschaftlicher Ebene erst seit 20 Jahren. Der diesj├Ąhrige J├╝dische Almanach setzt somit nicht nur seine eigene Tradition fort, sondern f├╝hrt auch den Diskurs um die Jeckes kompetent weiter. Die Auswahl der AutorInnen und der Themen ist ohne Zweifel gut gelungen, und die einzelnen Essays machen den LeserInnen deutlich, wie in den Jeckes Welten und Zeitalter aufeinander prallten, und wie sie in ihrer eigenen Gegenwart eine untergegangene Welt konservierten. Der J├╝dische Almanach von 2005 vermittelt nicht nur ein eindrucksvolles Bild der Jeckes, sondern macht auch Lust, sich intensiver mit dem Thema zu besch├Ąftigen.

Zur Herausgeberin:
Gisela Dachs ist seit 1994 Korrespondentin der Zeit in Israel.

Lesen Sie hierzu auch "Zweimal Heimat. Die Jeckes zwischen Mitteleuropa und Nahost" von Moshe Zimmermann und Yotam Hotam.


J├╝discher Almanach des Leo Baeck Instituts
Die Jeckes

Herausgegeben von Gisela Dach. Fotos von Micha Bar-Am.
J├╝discher Verlag im Suhrkamp Verlag, September 2005
ISBN 3-633-54219-1
Taschenbuch, 188 Seiten
14,80 Euro90008115&artiId=3548804&nav=5081"


Literatur Beitrag vom 09.01.2006 Sarah Ross 





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