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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.02.2006

Ein Kaddisch f√ľr seltene V√∂gel
Sarah Ross

Anita Albus ist es gelungen, zugleich einen faszinierenden Thriller, ein bewegendes Klagelied und eine Hymne auf alle ausgestorbenen und gefährdeten Vogelarten dieser Welt zu schreiben.



Anita Albus ist nicht nur Autorin, sondern auch eine Vogelliebhaberin, Privatgelehrte und Malerin, wie sie in ihrem Prachtband "Von seltenen V√∂geln" ohne jeden Zweifel beweist. In einer mal poetischen und dann eher wissenschaftlichen Erz√§hlweise berichtet sie √ľber untergegangene und bedrohte Vogelarten wie kein/e andere/r. Dies tut sie auf ganz anschauliche Art und Weise, ohne dabei einen apokalyptischen Ton anzuschlagen, obwohl das, wor√ľber sie schreibt, diesen rechtfertigen w√ľrde. Eine besondere Bereicherung erf√§hrt der Band durch die von ihr und von fremder Hand gezeichneten, zahlreichen Vogelbilder sowie durch zwei Falttafeln.

Die Autorin beschreitet in ihrem Buch einen ungewöhnlichen Weg:
W√§hrend sie uns √ľber die wundersamen Liebesspiele der V√∂gel, ihre Balz und ihre Sch√∂nheit informiert, macht sie den LeserInnen in Wort und Bild ohne Umschweife bewusst, dass es sich hierbei um bereits ausgestorbene, bzw. vom Aussterben bedrohte Vogelarten handelt. So lautet die Message des Buches:
Dieser Naturverlust ist im Wesentlichen auch als ein Kulturverlust zu beklagen, da mit jeder verlorenen Spezies auch eine "Welt" untergeht, die sich im menschlichen Geist - in den K√ľnsten, der Mythologie und der Wissenschaft - widergespiegelt hat.

Im ersten Teil des Buches widmet sich Anita Albus den bereits untergegangenen Vogelarten, wie der Wandertaube, dem Karolinasittich, dem Riesenalk und dem Blauara. So er√∂ffnet sie beispielsweise ihren Bericht mit einem Untergangsszenario, das gleich zu Beginn unseren Blick f√ľr die schlimmen und schleichenden Verluste in der Natur sch√§rfen soll. Albus erz√§hlt in ihrem gewagten ersten Kapitel "Taubenfinsternis" von der amerikanischen Wandertaubenplage im 19 Jahrhundert, und wie diese Spezies durch die darauf folgenden Massaker ausgerottet wurden. Die Autorin bringt es gleich zu Anfang ihres Buches auf den Punkt: "Kein Mensch kann sich f√ľr Millionen V√∂gel erw√§rmen" (Seite 18). Eingebettet ist dieser Naturkrimi in die Erz√§hlung des zeitgen√∂ssischen Ornithologen John James Audubon, der allgemein verst√§ndlich aber rigoros beschreibt, wie Milliarden von Wandertauben - wie in Alfred Hitchcocks Thriller - √ľber das Land, die W√§lder und schlie√ülich die Menschen herfielen und diese in einem ungeheuerlichen Gemetzel vernichten. Nur eine Taube namens Martha √ľberlebte.

Noch erschlagen von der N√ľchternheit, mit der Anita Albus anfangs die Vorg√§nge in der Natur und wie deren Gleichgewicht durch das Eingreifen des Menschen zerst√∂rt wird, erz√§hlt sie im zweiten Teil des Buches von den Gewohnheiten, Eigenarten, Vorlieben und eindrucksvollen wie teilweise auch merkw√ľrdig anmutenden F√§higkeiten der bedrohten Vogelarten. Schon in den einzelnen Kapitel√ľberschriften weist die Autorin mit gew√§hlten Attributen auf die jeweiligen Besonderheiten der vorgestellten sechs Spezies hin: Die Autorin widmet sich also dem wundersamen Waldrapp, dem scheuen Wachtelk√∂nig, dem unheimlichen Ziegenmelker, der sch√∂nen Schleiereule, der k√ľhnen Sperbereule und dem weisen Eisvogel. Sp√§testens hier wird dem Leser und der Leserin klar, das Albus¬ī Werk √ľber seltene V√∂gel weitaus mehr als blo√ü eine gelungene Sammlung von Beobachtungen ist: Dieser Band kommt einer unersch√∂pflichen Enzyklop√§die gleich, die von der Beschreibung ihrer Lebensr√§ume und Empfindlichkeiten, ihres Jagd- und Lusttriebs, √ľber die Besprechung historischer und aktueller Forschungsliteratur, bis hin zu einer Auflistung volkst√ľmlicher Vogelnamen und den Vogelmythen verschiedener V√∂lker reicht. Schlussendlich setzt sich Anita Albus in ihrem Nachwort noch kritisch und klug, sowie mit einem Schuss Polemik, unter anderem mit Darwins Evolutionstheorie auseinander.

AVIVA-Tipp:
So wie das Kaddisch zum Gedenken der Toten gesprochen wird, wurde dieses Buch zur Erinnerung, aber auch als Ermahnung, an die seit 1800 einhundertdrei ausgestorbenen und zweitausend bedrohten Vogelarten geschrieben.
Dieses Buch ist ein Vogelthriller, ein Kuriosit√§tenkabinett zwischen zwei Buchdeckeln, ein solides wie faszinierendes Nachschlagewerk von bleibendem dokumentarischem Wert, ein Loblied auf die Sch√∂nheit und Einzigartigkeit der gefiederten Tiere, ein Kondolenzbuch f√ľr eine untergegangene, zerst√∂rte und bedrohte Welt und gleichzeitig ein Zeichen des Protests gegen die Ignoranz, mit der wir Menschen die Umwelt behandeln. In diesem Werk gehen phantastische und kriminalistische Anekdoten, die die Natur schrieb, mit bemerkenswerten Zeichnungen und Stillleben Hand in Hand.

Zur Autorin:
Anita Albus
wurde 1942 in M√ľnchen geboren. Sie studierte in Essen-Werden Graphik und begann ihre k√ľnstlerische Karriere als Autorin von Kinderb√ľchern. Ber√ľhmt wurde sie vor allem durch ihre minuti√∂s gemalten Naturdarstellungen, von Pflanzen, V√∂geln, Schmetterlingen, die vielfach ausgestellt wurden, zuletzt 2004 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Neben der Malerei hat sich Anita Albus auch der Literatur gewidmet. Als Autorin von Erz√§hlungen (u.a. Liebesbande), Romanen (u.a. Farfallone) und einer Reihe von kunsthistorischen Essayb√§nden - Die Kunst der K√ľnste, Paradies und Paradox etc. -, die zu Kultb√ľchern wurden. F√ľr ihr vielseitiges k√ľnstlerisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis f√ľr literarische Kritik und Essay (2004).
Anita Albus lebt in M√ľnchen und in Burgund.


Anita Albus
Von seltenen Vögeln

Mit zahlreichen Abbildungen und zwei Falttafeln
Gestaltet von Franz Greno
S. Fischer Verlag, September 2005
ISBN 3-10-000620-8
299 Seiten, Großformat, gebunden mit Schutzumschlag
48,00 Euro90008115&artiId=3572774"

Literatur Beitrag vom 03.02.2006 Sarah Ross 





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