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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.05.2003

Versiegte Brunnen
Kirsten Eisenberg

Als "Die Tochter des Geschichtenerz√§hlers" berichtet die in England geborene Afghanin Saira Shah √ľber Heimatlosigkeit und Identit√§tssuche



"Die Tochter des Geschichtenerzählers": Was nach orientalischem Märchen klingt, ist in Wirklichkeit das autobiographische Werk der britischen Journalistin Saira Shah.
1965 wurde Shah als Tochter eines afghanischen Schriftstellers und Gelehrten in Langton Green geboren. Durch die mythischen Geschichten ihres Vaters lernte sie das Land ihrer Urspr√ľnge als paradiesischen M√§rchengarten kennen und lieben.
Die Erzählungen entfachten in ihr die große Sehnsucht, Afghanistan endlich mit eigenen Augen zu sehen. So studierte sie Persisch und Arabisch, wurde Journalistin und begab sich als 21Jährige erstmals auf eine Reise ins Land ihrer Ahnen.

Die Intention, die Saira Shah in "Die Tochter des Geschichtenerz√§hlers" verfolgte, ist nun aber weniger politischer als vielmehr ganz pers√∂nlicher Natur. In einem ersten Abschnitt des Buches berichtet die Autorin √ľber ihre beh√ľtete Kindheit, in der ihr Bild von Afghanistan als "Garten" entstand.
Unter dem aussagekr√§ftigen Titel "Die M√§rchenkarte" spricht Shah anschlie√üend √ľber ihre erste, lang ersehnte Reise ins Land ihrer Tr√§ume, welche ihre Phantasien auf brutale Weise zerst√∂rte.

Krieg und Leid statt 1001 Nacht: Was sie Ende der 80er Jahre dann erlebt, ist alles andere als das Märchen-Paradies aus den väterlichen Geschichten.
Zu jener Zeit, als der Kalte Krieg in seiner eisigsten Phase angelangt ist und Russland und die USA ihre Feindschaft auch in Afghanistan austragen, l√§sst sich die junge Kriegsberichterstatterin f√ľr drei Jahre im pakistanischen Peshawar nieder.
Schon bald geh√∂rt es zum Alltag, unter der Burka versteckt in Sch√ľtzengr√§ben zu springen, um dem Granatenhagel zu entgehen.

Neben tiefen Einblicken in komplizierte politische Verflechtungen mit Pakistan, der damaligen Sowjetunion und den USA, welche die intime Kennerin Afghanistans, die Shah ihren LeserInnen gew√§hrt, spricht sie vor allem √ľber pers√∂nliche Begegnungen mit verr√ľckten westlichen Abenteurern, russischen Geheimdienstagenten und afghanischen Mudshaheddink√§mpfern. Wie kleine Mosaiksteinchen entsteht f√ľr Saira Shah nach und nach ein klareres Bild "ihres" Afghanistan, ein Bild, das auch von Krieg und Leid gekennzeichnet ist.

Afghanin? Britin? Zwei Identit√§ten? Oder gar keine? Tief in den afghanischen Bergen sp√ľrt Saira Shah, im tiefsten Inneren schon immer Muslimin gewesen zu sein. Trotzdem wei√ü sie, dass sie und ihre Verwandten praktisch auf unterschiedlichen Planeten leben. "Ich habe eine √∂stliche und eine westliche Seite in mir, die st√§ndig miteinander k√§mpfen" sagt Saira Shah von sich selbst. "Die Tochter des Geschichtenerz√§hlers" ist ihre Beschreibung einer langen Reise der Identit√§tssuche.

Gespaltene Wahrnehmung: Die Autorin spricht einerseits vom "wilden, edlen, und kämpferischen Volk der Afghanen". Aus dem offensichtlichen Stolz auf ihre Zugehörigkeit zu diesen Menschen leitet Shah die Pflicht ab, der Welt ein anderes Afghanistan vorzustellen, ein Afghanistan des kulturellen Reichtums. So bettet sie in die Schilderung ihres Journalistinnenalltags viele Hinweise auf weise Gelehrte, afghanische Literatur, Geschichte und Traditionen.
Besondere Aufklärungsarbeit leistet sie hinsichtlich falscher Vorstellung zum Islam als einer Religion des Fanatismus. Sie selbst wuchs mit einer sehr toleranten Auslegung auf, in der "Frauen die Zwillingsschwestern der Männer" sind.

"Vertraue Gott, aber binde dein Kamel an." Man muss lachen, wenn Saira Shah liebevoll Macken und sehr eigene Charaktereigenschaften der Afghanen beschreibt.rn"Wie Allah es will. Die Afghanen haben keine Angst vor dem Tod". Shah kritisiert auf der anderen Seite auch den Hang zu Kompromisslosigkeit und Extremismus.

Saira Shah wurde vor allem mit ihrem preisgekr√∂nten Dokumentarfilm "Im Reich der Finsternis" aus dem Jahr 2001 ber√ľhmt. Mit versteckter Kamera gelang es ihr, erschreckende Einblicke in die menschenverachtenden Praktiken des seit 1996 an der Macht stehenden Taliban-Regimes zu gew√§hren.
Verh√ľllte, halbverhungerte Frauen, die im Dreck kauern und betteln, weil es ihnen untersagt ist, zu arbeiten - Saira Shah¬īs Bilder ersch√ľtterten die westliche Welt.
Im dritten Abschnitt von "Die Tochter des Geschichtenerzählers" hat die engagierte Reporterin Teile dieser Bilder eines Afghanistan des religiösen Fanatismus schriftlich festgehalten.

Heute k√§mpft die intime Kennerin Afghanistans Saira Shah vor allem f√ľr die Rechte afghanischer Frauen. Im Februar diesen Jahres reiste sie zudem f√ľr eine Undercover-Fernsehreportage nach Bagdad. Zur Zeit besch√§ftigt die Journalistin zwischen √∂stlicher und westlicher Kultur sich mit einem f√ľr sie besonders heiklen Thema: In ihren aktuellen Filmprojekte geht sie dem Anti-Amerikanismus in der islamischen Welt auf den Grund.



Saira Shah
Die Tochter des Geschichtenerzählers

Originaltitel "The Storyteller¬īs Daughter"
Aus dem Englischen √ľbersetzt von Elke Hosfeld und Andrea Ott
Goldmann Verlag, Februar 2003, 351 Seiten
Preis: 22,90 ‚ā¨,
ISBN: 3-442-30988-3200531833575"

Literatur Beitrag vom 22.05.2003 AVIVA-Redaktion 





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