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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.02.2006

Semit Times ÔÇô Das J├╝dische Magazin
Sarah Ross

Es seien die "besten" Artikel aus dem k├╝hnen Magazin in dem Buch zusammengefasst, die nicht nur eine offensive, sondern auch zum Teil einseitige Kritik am Nahostkonflikt und anderen Themen ├╝ben.



Das Buch zu dem, zwischen 1988 und 2004 erschienen, j├╝dischen Magazin Semit, umfasst insgesamt 63 Artikel, die sich mit dem Nahostkonflikt und der Besatzungspolitik Israels, mit dem Antisemitismus, der j├╝dischen Gemeinschaft in Deutschland und anderen j├╝dischen bzw. judaistischen Themen auseinandersetzen. Die Idee des (Mit-)Herausgebers Abraham Melzer war es, mit Semit ein j├╝disches Organ ins Leben zu rufen, das eben nicht defensiv und vorsichtig, sondern offensiv mit diesen Reizthemen umgeht. Ein Magazin, das Bewegung in die starren und monotonen Strukturen der j├╝dischen Bev├Âlkerung in Deutschland bringen, sowie einen Beitrag zu einer friedlichen L├Âsung im Nahostkonflikt leisten sollte.

Doch hat diese gut gemeinte Absicht nicht ├╝berall Anh├ĄngerInnen gefunden:
So unterschiedlich die einzelnen Artikel sind ÔÇô sie reichen von objektiven bis zu fanatischen, unsachlichen und zweckgef├Ąrbten Beschreibungen der einzelnen Thematiken ÔÇô so gespalten und extrem waren auch die Reaktionen der vorwiegend j├╝dischen LeserInnen. So schrieb beispielsweise der Spiegel im Jahr 1991, dass dieses forsche Blatt in den j├╝dischen Gemeinden der Bundesrepublik f├╝r Aufregung sorgte und die Leserschaft polarisierte.

Auf den ersten Blick ist bereits ein erster Mangel an dem vorliegenden Buch auszumachen: Die Herausgeber von Semit Times waren zwar darauf bedacht, eine relativ gro├če Bandbreite an Artikeln, die einst in der Zeitschrift Semit erschienen sind, hier zusammenzufassen, doch haben sie es vers├Ąumt, die Beitr├Ąge entweder nach Erscheinungsjahr oder nach Themen zu ordnen. Dieses Vers├Ąumnis hat das Fehlen jeglicher Struktur ÔÇô bzw. eines roten Fadens ÔÇô zur Folge. Generell ist es f├╝r den Leser und die Leserin schwierig, die zum Teil ├╝ber 20 Jahre alten Beitr├Ąge in einen historischen/zeitgeschichtlichen Kontext zu setzen, da das Verfassungsdatum fehlt. Zudem fehlen in nahezu allen Artikeln die Quellenangaben, die die oft wirren Argumentationsstr├Ąnge der AutorInnen nachvollziehbar machen.

Ein zweiter Nachteil zeigt sich dann auch schon im Vorwort und im Editorial von Abraham Melzer, dem hier leider auch der Gro├čteil der negativen Kritik gilt. In diesem wird von Beginn an deutlich, dass seine Aufmerksamkeit, bzw. sein Interesse, ausschlie├člich dem Nahostkonflikt zu gelten scheint. Mit keinem Wort werden Anmerkungen zu den Co-AutorInnen und deren vielgestaltigen Berichten gemacht, die sich beispielsweise mit der j├╝dischen/israelischen Literatur, der Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus, den neuen Formen des Antisemitismus oder mit der deutschen und franz├Âsischen Vergangenheitsbew├Ąltigung besch├Ąftigen. Generell ist die Rezensentin der Ansicht, dass einige der eher wenigen gelungenen Artikel (wie Thomas Reicherts Beitrag Irrsal und Wirrsal ├╝ber das Werk von Martin Buber, oder Isabella Campbell-Wessigs Artikel ├╝ber Edith Stein) v├Âllig im Schatten der blindw├╝tigen und einseitigen Beitr├Ąge, vor allem ├╝ber den Staat Israel und den Konflikt zwischen Israel und Pal├Ąstina, versinken. Zu den gelungenen Beitr├Ągen z├Ąhlt die Rezensentin beispielsweise auch den Text von Gunnar Heinsohn, Was ist Antizionismus? (S.119-128), ├╝ber die Doppelz├╝ngigkeit des Antzionismus, Dietrich SchwanitzÔÇÖ Artikel Surrealpolitik oder die deutsche Reaktion auf den Golfkrieg im Spiegel der deutschen und internationalen Presse (S.358-369), oder etwa der Beitrag von Nasser Aruri, Die Zukunft Israels aus der Sicht des Pal├Ąstinensers (S.431-437), in dem er treffend und objektiv die Lage Israels um die Jahrhundertwende beschreibt.

Zwar ist die lobende Intention des Buches, bzw. des Magazins, die, sich auch als Jude kritisch zum Nahostkonflikt, der israelischen Politik im Allgemeinen und besonders zur Besatzungspolitik Israels ├Ąu├čern zu k├Ânnen, doch scheinen die von den Herausgebern Abraham Melzer und Oskar Le Winter ausgew├Ąhlten Beitr├Ąge lediglich ihre pers├Ânliche Meinung zu dieser Thematik widerzuspiegeln. Kritik kann positiv und negativ sein ÔÇôhier herrscht die negative Sicht auf Israel eindeutig vor. Damit ein ausgewogenes Verh├Ąltnis h├Ątte erlangt werden k├Ânnen, h├Ątten die Herausgeber das, von Melzer in seinem Artikel Ceterum Censeo zitierte Beispiel aus dem Talmud, in dem das Teilen gelehrt wird, auch f├╝r sich selbst geltend machen sollen ÔÇô n├Ąmlich das Teilen des Rechts auf Meinungs├Ąu├čerung.

Besonders Melzer wittert in seinen Texten immer wieder gegen den Zionismus und die israelische Politik, gibt ihr alleine die Schuld an den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Pal├Ąstinensern und den Israelis.
Er bezeichnet Israel als Mafiaorganisation (S. 36), schimpft Alt-Bundespr├Ąsidenten Johannes Rau als Autisten (S. 38) und verstrickt sich ├╝berdies in Widerspr├╝che: Einerseits behauptet er, seit 45 Jahren keinen neuen oder althergebrachten Formen des Antisemitismus in Deutschland verst├Ąrkt begegnet zu sein (S. 36/37), und dass die Kritik an Israel/Antizionismus nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen sei, andererseits erkl├Ąrt er jedoch in einem anderen Text, dass der Antisemitismus in Deutschland immer dann sichtbar w├╝rde, wenn Israel seine Interessen gegen die Deutschen anmeldet (Stichwort: Wiedergutmachung etc.), und sich eine Art Philosemitismus bemerkbar machte, wenn Israel f├╝r die Deutschen agierte (S. 254). Im Gro├čen und Ganzen bekommt man besonders in seinen Beitr├Ągen den Eindruck, dass historische Daten nach pers├Ânlichem Gusto in den Texten verarbeitet, und sogar geschichtlich relevante Fakten bewusst verschwiegen werden (zum Beispiel in Der Nahost-Konflikt).

Ein ebenso au├čerordentliches Negativbeispiel f├╝r dieses Buch ist der Artikel von Jonas Robbin, Sind Sie Antisemit? ÔÇô Ich? Ich lese Kishon, in dem der Autor den deutschen LeserInnen vorwirft, die Werke von Ephraim Kishon nur deshalb zu lesen, weil sie ihnen erm├Âglichen, ihrem Antisemitismus eine schiefe philosemitische Maske ├╝berzust├╝lpen. Auch hier gibt es nat├╝rlich keine einzige Quellenangabe, zum Beispiel eine statistisch verwertbare Umfrage, auf der diese Behauptung eine Legitimation finden w├╝rde.

AVIVA-Fazit: Semit Times ÔÇô Das j├╝dische Magazin h├Ąlt bei Weitem nicht das, was es verspricht. Die angestrebte kritische Auseinandersetzung mit der Politik Israels, dem Nahostkonflikt oder mit dem Antisemitismus m├╝ndet in gr├Â├čtenteils einseitigen, subjektiven, dogmatischen, fanatischen und daher fruchtlosen Diskussionsbeitr├Ągen, hinter denen die gelungenen Artikel zu ├╝berwiegend anderen j├╝dischen Themen v├Âllig zur├╝cktreten.


Semit Times
Das j├╝dische Magazin

Oswald Le Winter, Abraham Melzer (Hg.)
Abraham Melzer Verlag, M├Ąrz 2005
ISBN 3-937389-34-2
528 Seiten, Paperback
19,95 Euro90008115&artiId=2775592&nav=5081"



Literatur Beitrag vom 27.02.2006 Sarah Ross 





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