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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.03.2006

Liebe Tante Fori
Sarah Ross

Martin Gilbert hat ein ganz besonderes Buch zur j├╝dischen Kultur geschrieben. In zahlreichen Briefen erz├Ąhlt er einer in Indien lebenden Freundin, selbst eine J├╝din, die Geschichte ihres Volkes.



Mit "Liebe Tante Fori. Eine Geschichte der j├╝dischen Kultur, erz├Ąhlt in Briefen" erhebt der britische Historiker Martin Gilbert sicherlich nicht den Anspruch, seinen LeserInnen eine allumfassende Enzyklop├Ądie der j├╝dischen Geschichte und Kultur vorzulegen. Denn die Intention seines Werkes ist vielmehr die, einer engen, 90 Jahren alten Freundin einen ├ťberblick ├╝ber die Geschichte ihres Volkes zu geben. Sie selbst ist eine ungarische J├╝din, die bereits als junge Frau vor dem Holocaust nach Indien ausgewandert ist.
So schl├Ągt der Autor in seinem eher romanhaft als wissenschaftlich anmutenden Werk einen Bogen von der biblischen ├╝ber die historische Zeit, bis ins 20. Jahrhundert, und l├Ąsst dabei die ├╝ber 5000 Jahre alte Geschichte des Judentums Revue passieren. Im letzten Kapitel gibt er Tante Fori schlie├člich auch einen ├ťberblick ├╝ber die wichtigsten Feiertage im Judentum sowie ├╝ber den j├╝dischen Lebenszyklus.

Dem Buch selbst geht eine Jahrzehnte lange und pers├Ânliche Geschichte voraus. Alles nahm seinen Anfang, als Martin Gilbert im Jahr 1958 eine ereignisreiche Reise von England nach Indien unternimmt - sein Geschichtsstudium gerade erst beendet. Mit sich tr├Ągt er ein Empfehlungsschreiben seines indischen Studienfreundes Ashok Nehru und die Bitte, bei Ankunft in New Delhi seine Mutter zu besuchen.
Als er dort ankommt wird Martin Gilbert schwer krank und findet gl├╝cklicherweise in Ashoks Mutter Fori eine liebevolle Krankenpflegerin - und schlie├člich auch eine enge Freundin. So kommt es, dass der Autor und Tante Fori, wie Gilbert sie von der Zeit an nannte, regelm├Ą├čig miteinander in Kontakt stehen. Vierzig Jahre sp├Ąter, als Gilbert Tante Fori zu ihrem 90. Geburtstag erneut besucht, fragt sie ihn, ob er ihr ein Buch ├╝ber die Geschichte des Judentums empfehlen k├Ânne, was Gilbert ein wenig erstaunt.
Da beginnt die "Inderin" ihre Geschichte zu erz├Ąhlen:

Eigentlich ist Tante Fori eine ungarische J├╝din, die als Magdolna Friedmann 1908 in Budapest geboren wurde, und deren Eltern hoch gesch├Ątzte Mitglieder der dortigen j├╝dischen Gemeinde waren. Die strengen Zulassungsquoten f├╝r j├╝dische StudentInnen an der Universit├Ąt in Budapest zwingen Magdolna jedoch dazu, als junge Frau nach England zu gehen, um dort zu studieren.
Hier trifft sie 1930 auf den Inder B. H. Nehru, ein Cousin von Jawaharlal Nehru, den sie f├╝nf Jahre sp├Ąter heiratet. Gemeinsam gehen sie nach Indien, wo ihr Ehemann die politische Karriereleiter emporsteigt und sie sich sozial engagiert. Der mittlerweile renommierte Historiker Martin Gilbert, der nun die ganze Lebensgeschichte seiner Freundin kennt, schl├Ągt Tante Fori an dieser Stelle vor, die Urspr├╝nge und die Geschichte des j├╝dischen Volkes, dem sie selber angeh├Ârt, lieber in Briefen aufzuschreiben. Erst nachdem der letzte Brief an sie verfasst und an Tante Fori versandt wurde, kommt Gilbert zu dem Entschluss, diese als Grundlage f├╝r das vorliegende Werk zu verwenden.

In den einzelnen Briefen durchwandert der Autor also die Jahrtausende alte Geschichte der Juden und ihres Glaubens. Er beginnt beim Sch├Âpfungsakt, durchstreift die gesamte biblische Geschichte mit all ihren markanten Figuren und setzt im zweiten Teil des Buches beim Aufstand der Hasmon├Ąer an. Weiter geht die Reise dann von den Kreuzz├╝gen ├╝ber die Vertreibung der Juden aus Spanien, ├╝ber den aschkenasischen Chassidismus im Osteuropa des 17. Jahrhunderts bis hin zur Aufkl├Ąrung und zu Theodor Herzl. Der dritte Teil besch├Ąftigt sich schlie├člich mit der j├╝dischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Hier schreibt der Autor neben dem Holocaust unter anderem auch ├╝ber den j├╝dischen Widerstand, ├╝ber Gandhi und die Juden und nat├╝rlich die Staatsgr├╝ndung Israels.
Der vierte und letzte Teil des Buches beschreibt eindrucksvoll das j├╝dische Jahr und seine Feste, sowie den j├╝dischen Lebenszyklus.

Scheinbar nie die Adressantin seiner Briefe vergessend, r├Ąumt Gilbert in seinem Werk den indischen Juden mehr Platz ein als den europ├Ąischen Juden, was in der eigentlichen Intention der Briefe seine Berechtigung findet. Denn schlie├člich beabsichtigte der Autor nicht, eines von unz├Ąhligen Werken zu schreiben, das versucht die umfassendste aller Geschichten - n├Ąmlich die des Judentums - portionsweise und auf m├Âglichst wenigen Seiten l├╝ckenlos darzustellen. Nein. Martin Gilbert schrieb diese Geschichte des Judentums speziell f├╝r eine in Indien lebende J├╝din. Und somit ist es viel mehr der Entstehungsprozess und die inhaltliche Struktur des Buches, die durch die zahlreichen Briefe an die "liebe Tante Fori" vorgegeben wird, das, was dem Buch diesen besonderen Charakter verleiht. Daher sind auch einige wenige Ungenauigkeiten bei der ├ťbersetzung und Transkription hebr├Ąischer Namen und Ausdr├╝cke sowie zeitgeschichtliche L├╝cken nur zu gerne zu verzeihen.
Diese zu kritisieren w├╝rde an dem eigentlichen Wert des Buches v├Âllig vorbeif├╝hren.

AVIVA-Tipp: Martin Gilberts Buch "Liebe Tante Fori" kann aus der Sicht der Rezensentin zweifelsfrei zu den pers├Ânlichsten Geschichten des Judentums gez├Ąhlt werden, die je geschrieben wurden. Mit diesem Werk liegt eine sehr gut lesbare Einf├╝hrung ins Judentum vor, die zudem in die interessante und spannende Lebensgeschichte der Hauptfigur Tante Fori sowie in die pers├Ânliche Lebenswelt des Autors eingebettet ist. Der Autor hat mit diesem Werk sicher nicht den Anspruch gehabt, an seine bisher viel gelobten wissenschaftlichen Publikationen anzukn├╝pfen. F├╝r diejenigen LeserInnen, die sich erstmals ├╝ber das Judentum informieren wollen, bietet das Buch eine gelungene und informative Gesamtschau ├╝ber die j├╝dische Geschichte, die Lust macht, mehr zu lernen.

Zum Autor:
Martin Gilbert
wurde 1936 geboren und war lange Jahre Professor in Oxford.
1995 wurde er f├╝r seine Verdienste als Historiker geadelt. Er ist einer der intimsten Kenner der j├╝dischen Geschichte, der bereits zahlreiche B├╝cher zu diesem Thema ver├Âffentlich hat - unter anderem Jerusalem (1994), Endl├Âsung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden (1995) und Das j├╝dische Jahrhundert (2001).


Martin Gilbert
Liebe Tante Fori

Eine Geschichte der j├╝dischen Kultur, erz├Ąhlt in Briefen
Originaltitel: Letters to Auntie Fori.
Aus dem Englischen von Yvonne Badal
Rowohlt Verlag, erschienen September 2003
ISBN 3-498-02495-7
528 Seiten, gebunden
24,90 Euro90008115&artiId=2490632"


Literatur Beitrag vom 05.03.2006 Sarah Ross 





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