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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2018 - Beitrag vom 15.03.2006

Petr Ginz. Prager Tagebuch. 1941-1942
Constanze Geißler

Wie ein Junge im Alter von 13 und 14 Jahren die Zeit der Shoah erlebte, bezeugen seine Tagebuchaufzeichnungen. Herausgegeben von seiner Schwester, der Malerin Chava Pressburger



Im Jahr 2003 startete die amerikanische Raumfähre Columbia ins All. An Bord befand sich der israelische Astronaut Ilan Ramon, der die Bleistiftzeichnung "Mondlandschaft", angefertigt von einem in Auschwitz ermordeten Juden, mitgenommen hatte. Nachdem die Raumfähre auf tragische Weise abgestürzt war, ging auch der Name des Zeichners um die Welt: Petr Ginz. In Prag erinnerte sich daraufhin ein Mann an Tagebücher, die er vor langer Zeit auf dem Dachboden seines Hauses gefunden hatte – geschrieben von einem Jungen mit demselben Namen. Mit seinem Fund ging er nun an die Öffentlichkeit. So wurde die Schwester von Petr Ginz, Chava Pressburger, auf die verloren geglaubten Tagebücher aufmerksam. Als sie mit Hilfe des Holocaustmuseums Yad Vashem in Jerusalem - wo sich schon zahlreiche Zeichnungen ihres Bruders befinden - in den Besitz zweier Tagebuchbände von 1941 und 1942 gelangte, bestand für sie nach der Lektüre kein Zweifel: Diese Aufzeichnungen mussten veröffentlicht werden.

Wer war Petr Ginz? Als Sohn einer Tschechin und eines in der Tschechei lebenden Juden wird er am 1. Februar 1928 geboren. Gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester wächst er in Prag auf. Petr Ginz ist der erste seiner Familie, den die Nationalsozialisten 1942 in das Ghetto Theresienstadt abtransportieren. Im Alter vom 16 Jahren wird er von dort nach Auschwitz deportiert, wo er kurz vor Ende des 2. Weltkriegs stirbt.
Das sind die äußeren Fakten seiner Biographie. Doch was bedeutete das Leben für Petr Ginz während einer Zeit, in der das 3. Reich gegen Juden tobte?

Der junge Tagebuchschreiber erlaubt seinen Gedanken nicht, einzudringen in die Bitterkeit des Alltags in Prag. Gemeinsam mit anderen jüdischen Kindern geht er regelmäßig zur Schule. In seinem Tagebuch notiert er die Auswirkungen der erlassenen nationalsozialistischen Gesetze, nach denen Juden ihre Wäsche, Möbel, Nähmaschinen abgeben müssen und ihnen Spaziergänge in der Stadt untersagt werden. Er notiert, wie Stück um Stück das Leben der Juden eingeschränkt und unmöglich gemacht wird. Über seine eigenen Emotionen, die er dabei empfindet, schreibt er nur selten: "Morgens in der Frühe sind die Mautners gegangen, überall wurde geweint, wie Galeeresklaven mit einer Nummer auf dem Mantel verließen sie das Haus. Angestellte der jüdischen Kultusgemeinde trugen ihnen das Gepäck."
Dabei bewahrt Petr Ginz den Blick eines jungen Menschen, der sich unerschrocken den Gegebenheiten stellt. Die Knappheit, mit welcher er die Abtransporte von Verwandten und Freunden nach Theresienstadt schildert, mag verwundern. Doch letztlich spiegeln sie wider, dass der Tagebuchschreiber an eine gemeinsame Zukunft glaubt.

Das Gefühl des Optimismus, das Petr Ginz am Leben hielt, ihn ermunterte, tätig zu sein und den schöpferischen Blick in die Welt nicht zu verlieren, spricht vor allem aus seinen Linolschnitten. Es sind Bilder, die eine Welt bezeugen, in der er die Gräuel seiner Zeit vertilgte als ein Zeichen des Protestes gegen sie. "Es liegt im Wesen der Technik eines Linolschnitts, dass er Ausdruck eines kompromisslosen Menschen ist. Entweder schwarz oder weiß. Graue Übergänge existieren nicht." schreibt er in einem Text.
Gemeinsam mit den Tagebucheintragungen, Gedichten und Kurzgeschichten des Jungen, sind die Linolschnitte in dem von Chava Pressburger herausgegebenen Buch "Petr Ginz. Prager Tagebuch. 1941-1942" veröffentlicht.

Das Tagebuch des Jungen endet am 9. August 1942, mehrere Tage bevor er erfährt, dass sein Name auf der Liste der Abtransporte nach Theresienstadt steht. Vielleicht hat er zu diesem Zeitpunkt schon von seiner Deportation gewusst. Rückblickend schreibt Petr Ginz im Ghetto:
"Also ging ich nach Hause. Auf dem Weg versuchte ich zum letzten Mal möglichst viel Straßenlärm aufzunehmen, den werde ich sicherlich lange (nach meiner Meinung – Papa und Mama rechneten mit ein paar Monaten) nicht hören. Ich kam nach Hause (damit man nicht sah, dass in unserem Haus noch Juden wohnten, versteckte ich von der Ecke bis zum Hauseingang und bis zu unserer Wohnung den Stern)."
Das Ghetto galt den Nationalsozialisten als Vorzeigestadt, mit der sie der Welt ihre Umsiedlungspläne der Juden nach Osten demonstrierten. Doch in Wahrheit fuhren von Theresienstadt regelmäßig Züge ab, welche die Menschen zu den Konzentrationslagern brachten.

Die Herausgeberin Chava Pressburger hat Recht, als sie auf einer Pressekonferenz am 6. März 2006 im Tschechischen Zentrum Berlin sagte: "Ich war überzeugt davon, dass die Tagebücher nicht nur mir gehören, sondern der Menschheit."

Das Manuskript des Buches wurde bisher in über 10 Länder verkauft.
Der Berliner Verlag gibt die erste deutsche Übersetzung heraus.
Daneben erschien das Buch im Ausland in tschechischer Sprache und in Esperanto.
Die Kunstsprache hat eine lange Tradition in der Familie von Petr Ginz und Chava Pressburger. Deren Eltern lernten sich auf einem Esperanto-Kongress kennen und unterhielten sich lange Zeit in Esperanto.
Auf diese Weise kamen auch ihre beiden Kinder mit dieser Sprache in Berührung.

AVIVA-Tipp:
Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Der junge Tagebuchschreiber bewältigt mit seiner Couragiertheit das Wissen um eine sich von der Menschlichkeit abgewandten Welt.

Zur Herausgeberin:
Chava Pressburger wurde 1930 in Prag geboren. Im Alter von 14 Jahren kam sie nach Theresienstadt, wo sie den Holocaust überlebte. Nach dem 2. Weltkrieg ging sie nach Israel und lebt dort noch heute als erfolgreiche Malerin.

Lesen Sie zur Buchrezension auch das Interview mit der Herausgeberin Chava Pressburger.


Petr Ginz
Prager Tagebuch. 1941 - 1942.

Originaltitel: Denik Meho Bratra.
Mit einem Vorwort von Mirjam Pressler. Herausgegeben von Chava Pressburger. Übersetzt von Eva Profousová
Berlin Verlag, erschienen Februar 2006
ISBN 3827006414
167 Seiten, gebunden
Euro 19,9090008115&artiId=5181769"

Literatur Beitrag vom 15.03.2006 AVIVA-Redaktion 





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