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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.06.2006

Ausgew├Ąhlte Texte - herausgegeben von Nikola M├╝ller und Isabel Rohner
Ruth Niehaus

Ratlose Buchh├ĄndlerInnen und komplizierte Beschaffungswege sind pass├ę - ein wichtiger Schritt ist getan, der fabelhaften Denkerin und Autorin Hedwig Dohm den Platz einzur├Ąumen, der ihr geb├╝hrt.



Endlich! Der erste Band einer kritischen Gesamtausgabe erscheint zum 175. Geburtstag.

87 Jahre nach ihrem Tod startet der trafo-Verlag die Edition Hedwig Dohm, herausgegeben von Nikola M├╝ller und Isabel Rohner, beide ausgewiesene Dohm-Kennerinnen.
Die Zeit ist mehr als reif, um so mehr, als es bislang zwar die eine oder andere Neuauflage einzelner Texte der radikalen Feministin (1831-1919) gab, doch niemals eine kritische Edition. Eine erstaunliche Marginalisierung, meinen die Herausgeberinnen, angesichts der zentralen Bedeutung Dohms f├╝r die Geschichte der deutschen Frauenbewegungy, die bereits ihren ZeitgenossInnen bewusst war.

M├╝ller und Rohner versammeln im ersten nun vorliegenden Band Briefe, essayistische und belletristische Texte Dohms die, chronologisch geordnet, einen guten Querschnitt durch das umfangreiche Werk der Schriftstellerin, Journalistin und Philosophin zeigen.
Mit stilistischer Brillanz schrieb sie gegen das Patriarchat in Wissenschaft und Politik an und scheute sich nicht, Beitr├Ąge zur Frauenfrage anerkannter Gr├Â├čen wie Nietzsche, Sombart oder Maupassant als bedauerlich geistlos zu brandmarken.
Wem bislang nur die meisterhaften und auch heute noch mitrei├čenden Essays und Feuilletons bekannt sind, in welchen sie kompromisslos f├╝r die Sache der Frau focht, der entdeckt in "Werde, die du bist" eine einf├╝hlsam erz├Ąhlte Novelle. Der fein gesponnene innere Monolog der Heldin, einer alternden Witwe, f├╝hrt uns eindringlich die psychologischen Auswirkungen der damals herrschenden Repression gegen Frauen vor Augen. "Unf├Ąhigkeit ist der Schlaftrunk, den man dir, alte Frau, reicht. Trink ihn nicht! Sei etwas! Schaffen ist Freude! Und Freude ist fast Jugend!", formuliert sie an anderer Stelle.

Die Leistung Hedwig Dohms ist vor dem Hintergrund der repressiven Stimmung in der zweiten H├Ąlfte des 19. Jahrhunderts umso beeindruckender.
Aktiv und risikobereit hatten sich die Frauen in der 48er Revolution f├╝r Gleichheit und Freiheit eingesetzt. Begeistert folgten sie 1832 wie Louise Otto Peters, der Mitbegr├╝nderin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, der Einladung zum Hambacher Fest. ("Dem Reich der Freiheit werbÔÇÖ ich B├╝rgerinnen"). Die Ma├čnahmen der Reaktion nach der Niederschlagung der Freiheitsbewegung trafen sie jedoch in ungleich st├Ąrkerem Ma├če. Es hagelte Verbote und Repressionen. Anders als ihre Schwestern aus der Arbeiterschaft, galt f├╝r Frauen aus dem B├╝rgertum ein Arbeitsverbot. Als Antwort auf m├Âgliche Freiheits- und Gleichheitsbestrebungen wurde die Verschiedenheit von Mann und Frau zum politischen und p├Ądagogischen Programm erkl├Ąrt. Falls sich f├╝r Frauen die favorisierte M├Âglichkeit der Lebensgestaltung einer standesgem├Ą├čen Heirat nicht realisieren lie├č, war Arbeit eine soziale Notwendigkeit. Die einzige Besch├Ąftigungsnische f├╝r den Gelderwerb war die Arbeit als Gouvernante, Gesellschafterin und, ab Mitte des Jahrhunderts, als Lehrerin. Der Freiheitskampf der organisierten Frauen konzentrierte sich daher auf eine nachhaltige Verbesserung der Bildungschancen f├╝r M├Ądchen und Frauen. Aktivistinnen handelten im Bewusstsein eines dr├Ąngenden sozialen Erfordernisses, im Mittelpunkt der Argumentation stand jedoch in alter Tradition die Zweckdienlichkeit der angestrebten Bildung:
Ging es in der kurzen Revolutionszeit noch um die Heranbildung besserer B├╝rgerinnen, die ihre Erziehungsaufgabe gleichsam als Staatauftrag verstehen sollten, so blieb die Gleichung gebildete Frauen = tugendhaftere bessere M├╝tter bestehen. Das Recht auf Bildung als Naturrecht wird nur sehr vereinzelt artikuliert.
Um z.B. das Wahlrecht erfolgreich fordern zu k├Ânnen, waren die "Gem├Ą├čigten" unter den Feministinnen der Ansicht, Frauen m├╝ssten ihre F├Ąhigkeiten erstmal unter Beweis stellen.

Diese im Zeitzusammenhang verst├Ąndliche Haltung eines gro├čen Teils der organisierten Frauen war nichts f├╝r Hedwig Dohm, die nicht gewillt war, von ihren in der Euphorie der 48er Revolution aufgeflammten Idealen zu lassen. Kompromisslos wollte sie das Stimmrecht f├╝r Frauen, gleiche Bedingungen f├╝r Ausbildung, Studium und Arbeit und all dies ohne den Frauen einen Tauglichkeitsnachweis abzuverlangen. Auch von der Idee eines spezifischen "Gattungscharakters" der Frau, die von etlichen gem├Ą├čigten Feministinnen propagiert wurde, hielt Dohm nichts. In vielen Schriften entlarvte sie die sogenannte "Natur der Frau" als soziales und kulturelles Konstrukt. Der M├╝tterlichkeit, so ├Ąu├čerte sie sich unmissverst├Ąndlich, m├╝sse die Speckschicht der Idealit├Ąt, die man ihr angeredet hat, genommen werden. So wirkte sie lange als Einzelk├Ąmpferin, doch stets in regem Austausch mit den fortschrittlichsten Intellektuellen der damaligen Zeit. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts organisierten sich endlich auch die radikalen Frauen verst├Ąrkt und Hedwig Dohm schloss sich den "Schwestern im Geiste" an.

88 Jahre nach Erringung des Frauenstimmrechts (noch zu Lebzeiten Dohms) sei die Gleichberechtigung zwar noch nicht durch alle Institutionen, aber durch alle K├Âpfe gegangen, schreibt Alice Schwarzer. Das ist sicher so, doch manchmal ist es, als w├Ąre die Zeit stehen geblieben, seit den fulminanten Wortgefechten, die Hedwig Dohm sich mit unz├Ąhligen Antifeministen geliefert hat. "Man kommt sich auf dem Gebiet der Frauenfrage immer wie ein Wiederk├Ąuer vor", schrieb Dohm und dieser Eindruck scheint sich angesichts der aktuellen familienpolitischen Debatten wieder zu best├Ątigen:
Schade, dass Hedwig Dohm nicht in Maischbergers Talkrunde sitzen konnte, als es um die Geburtenrate in Deutschland ging. Das Lamento des Medienwissenschaftlers Bolz ├╝ber den Familienniedergang und das Ende der M├Ąnnlichkeit, verursacht durch berufst├Ątige Frauen, h├Ątte sie zweifelsohne an jenen Arzt erinnert, der zu ihrer Zeit die Theorie von der physiologischem Schwachsinn des Weibes unters Volk brachte. Mit seiner Idee von der potentiellen genetischen Impotenz von Karrierefrauen, machte Bolz dem Mediziner alle Ehre.
Und was h├Ątte sie Eva Hermann, Tagesschausprecherin und Sachbuchautorin, entgegnet, die, unbeleckt von jeder historischen Kenntnis, den verstaubten Zankapfel der biologischen Determination der Frau wieder ausgr├Ąbt. Bar jeder Ironie schreibt sie, Frauen verstie├čen gegen Gesetze, die das ├ťberleben unserer Spezies einst gesichert h├Ątten.
Die beinahe freundliche Mitleidigkeit mit der Hermanns und Bolzens Beitr├Ąge aufgenommen wurden, zeigt, dass es sich bei den beiden um VertreterInnen einer mittlerweile unwesentlichen Randgruppe handelt, die aber nat├╝rlich trotzdem mitreden darf.
Immerhin, es geht also doch voran.

Noch in diesem Jahr erscheint Hedwig Dohms Roman "Sibilla Dalmar" (1896), dar├╝ber hinaus folgen bis zum Jahr 2008 sieben weitere B├Ąnde mit Romanen, ihrer feuilletons, darunter Glossen, Rezensionen und Anti-Kriegs-St├╝cke, die Edition ihrer Briefe und schlie├člich der Essays - ein gro├čes Vorhaben, dem eine nicht minder gro├če Resonanz beschieden sein m├Âge!

Lesen Sie mehr: AVIVA-Redakteurin Ruth Niehaus "sprach" mit der Schriftstellerin, Publizistin, Dramatikerin und Feministin ├╝ber Gleichberechtigung und die l├Ąngeren Beine der M├Ąnner. Hier geht┬┤s zum Interview.

Weitere Infos unter: www.hedwigdohm.de


Hedwig Dohm
Ausgew├Ąhlte Texte

Herausgegeben von Nikola M├╝ller und Isabel Rohner
Trafo Verlag, Berlin 2006
317 Seiten, Paperback
ISBN 3-89626-559-8

Literatur Beitrag vom 04.06.2006 AVIVA-Redaktion 





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