Hedwig Dohm im GesprĂ€ch - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Women + Work
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Weiberwirtschaft GrĂŒnderinnenzentrale Frauensommer 2018 - Mythos 68
AVIVA-Berlin > Women + Work AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Infos
   WorldWideWomen
   Wettbewerbe
   Lokale Geschichte_n
   Schalom Aleikum
   Veranstaltungen in Berlin
   Public Affairs
   Kultur
   JĂŒdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.02.2006

Hedwig Dohm im GesprÀch
Ruth Niehaus

AVIVA-Redakteurin Ruth Niehaus "sprach" mit der Schriftstellerin, Publizistin, Dramatikerin und Feministin ĂŒber Gleichberechtigung und die lĂ€ngeren Beine der MĂ€nner.



Seit die II. Internationale Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen den Frauentag eingefĂŒhrt hat, ist in zĂ€hen KĂ€mpfen viel erstritten worden, was zu Beginn des Jahrhunderts noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien: Wahlrecht, MĂŒndigkeit, Zulassung zu beinahe allen Berufen und StudiengĂ€ngen oder die Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz.
Frauen in der Politik oder auf Chefsesseln sind lĂ€ngst kein einmaliges PhĂ€nomen mehr. Seit 2005 ist der mĂ€chtigste Posten in Deutschland von einer Frau besetzt. Also, Ziel erreicht und die HĂ€nde in den Schoß gelegt? - Mitnichten: die Statistik und die Erfahrung vieler zeigen: von umfassender Gleichberechtigung kann noch nicht die Rede sein.

copyright: Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin
copyright:
Thomas Mann Archiv, ZĂŒrich
...
HEDWIG DOHM
gab im Jahr 2000 der AVIVA-Redakteurin Ruth Niehaus zum 90. Frauentag die Ehre eines Interviews, das wir anlĂ€sslich des Hedwig Dohm - Jahres und der Eröffnung ihrer Webseite, entstanden durch die Initiative von Isabel Rohner und Nikola MĂŒller, www.hedwigdohm.de aktualisiert erneut veröffentlichen.

AVIVA-Berlin: "Wir leben in einer Zeit des Überganges", schrieben Sie 1874 in "Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau". Doch ein Blick auf einen x-beliebigen Spielplatz zeigt: die Zeit des Übergangs dauert nun schon ĂŒber hundert Jahre an, und - bei allen Errungenschaften - ein Ende ist nicht abzusehen.
Hedwig Dohm: "Wenn ein Volk das andere beherrscht, so kann ich mir als Bedingung der Herrschaft nur denken: entweder eine grĂ¶ĂŸere geistige oder physische Kraft, (...) oder zweitens, der Besitz der Macht, diese mag nun eine ererbte oder eine durch Gesetz oder Tradition festgestellte sein.
Der maßgebende Gesichtspunkt bei der Frauenarbeitsfrage ist nicht das Recht der Frauen, sondern der Vorteil der MĂ€nner."


AVIVA-Berlin: Wie rechtfertigte man damals den Ausschluß von Frauen aus öffentlichen Ämtern?
Hedwig Dohm: Es hieß u.a., "wegen ihres durch GefĂŒhlsrĂŒcksichten leicht irregeleiteten Verstandes sei die WirkungssphĂ€re der Frauen nicht in den Kreisen des öffentlichen Lebens zu suchen". Das schien mir interessant, "gewahren sie doch kein Gebiet mĂ€nnlicher TĂ€tigkeit, auf dem nicht abwechselnd Haß und Parteileidenschaft, maßlose Eitelkeit, Ehrgeiz, Rache, Aberglauben und Genußsucht ihr wildes Spiel treiben".

AVIVA-Berlin: Wurde der Vorwurf der GefĂŒhlsduseligkeit deutlicher gemacht - in bezug aufÂŽs Berufsleben?
Hedwig Dohm: Leider nicht, das mußte ich ĂŒbernehmen. Ich versuchte mich in diese Argumentationsweise hineinzudenken. Das klang dann so: "Frau B. hat eine Professur der Geschichte inne. Sie soll von den GrĂ€ueltaten der römischen Kaiserzeit berichten. Da erstickt der Schmerz um die Ermordeten ihre Stimme, der Abscheu raubt ihr den Atem, sie verliert den Faden der Gedanken und muß ohnmĂ€chtig hinausgetragen werden".

AVIVA-Berlin: Die Ärmste!
Hedwig Dohm: "Oder an der Börse. Sie ist eben im Begriff einen großen Coup zu machen. Sie kann in einer Stunde 30.000 gewinnen, da erbebt ihr GemĂŒt! Gott im Himmel - eine TrĂ€ne der Gerechtigkeit schmĂŒckt ihr Auge, sie schnappt ab - die 30.000 sind dahin".

AVIVA-Berlin: Tja, so kannÂŽs kommen.
Hedwig Dohm: "Oder nehmen wir noch das Beispiel einer Postmeisterin: Es wird ihr von einem Menschen ein Paket ĂŒbergeben, dessen Gesicht ihr heftigen Widerwillen einflĂ¶ĂŸt. Sie bringt das Paket um die Ecke, um ihrer Antipathie zu fröhnen".

AVIVA-Berlin: So ganz vom Tisch ist die Frage der SensibilitĂ€t allerdings noch nicht. Auch heute wird hin und wieder ĂŒberlegt: sind Frauen zu schlaff, um "in Sach- und Machtfragen" hart zu entscheiden?
Erstaunlich beliebt ist beim Postenschacher auch der Àsthetische Gesichtspunkt. Herr Stoiber, assistiert von der Bildzeitung, macht sich Gedanken um Frau Merkels Haartracht - ein ganz alter Hut.
Hedwig Dohm: In der Tat. "Mit dem Begriff einer starkgeistigen, d.h. denkenden und wissenden Frau verbindet man gern die Vorstellung von harten ZĂŒgen, einer langen Nase (...) und einer, wenn auch unverschuldeten, so doch unerfreulichen Ältlichkeit. Besonders fantasiereiche mĂ€nnliche GemĂŒter neigen auch zur Annahme eines kleinen Schnauzbartes...
Die verfĂŒhrerischsten und liebreizendsten Frauen Frankreichs waren fast immer zugleich die starkgeistigen. Ich kann nicht daran glauben, daß dem gemĂŒtreichen HindĂ€mmern ĂŒber Kochtöpfen die kosmetische Kraft inne wohnt, den Teint zu heben oder die Runzeln zu verklĂ€ren."
Und letztlich - "mĂŒĂŸten nicht von diesem Ă€sthetischen Gesichtspunkt aus auch alle MĂ€nner, die sich von der Normalgestalt des Apollo von Belvedere um so und so viele Linien böswillig entfernt haben, aller öffentlichen Ämter enthoben werden"?

AVIVA-Berlin: Was denken Sie - woran liegt es, daß in dieser Frage so dumpf argumentiert wurde, und wird, wie man am Beispiel Merkel sieht?
Hedwig Dohm: "Daß die Frage der Konkurrenz bei der EinschrĂ€nkung der Frau bewußt oder unbewußt eine große Rolle spielt, ist fĂŒr mich zweifellos. Die MajoritĂ€t der Menschen urteilt nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Magen.
Ein Beweis dafĂŒr ist der Umstand, daß jeder Mann das unermeßlich wichtige GeschĂ€ft, das er gerade betreibt, fĂŒr denjenigen Beruf hĂ€lt, den auszufĂŒllen Gott und die Natur der Frau versagt habe.
Wie sonderbar diese Konkurrenzsucht ist!
Sind die MĂ€nner wirklich mit höheren KrĂ€ften begabt,(...)so brauchen sie doch die Konkurrenz nicht zu fĂŒrchten (...). Sind ihre KrĂ€fte aber nicht höher, so setzen sie sich dem Verdacht aus, daß sie die Frauen einsperren, damit sie ihnen nicht die Preise verderben, und ihr Verhalten wird zur Gewalttat, zur widerrechtlichen Aneignung eines Monopols".


AVIVA-Berlin: A propos Preise. Das statistische Landesamt Berlin verrĂ€t: 1999 verdienten mĂ€nnliche Arbeitnehmer im Schnitt 1950 Mark netto im Monat. Frauen mußten mit 500 Mark weniger auskommen
Hedwig Dohm: "Dieselben ökonomischen Erscheinungen wiederholen sich (...)" Ich hoffte damals beweisen zu können, "daß zwei Grundprinzipien bei der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau klar und scharf hervortreten: die geistige Arbeit und die eintrĂ€gliche fĂŒr die MĂ€nner, die mechanische und die schlecht bezahlte fĂŒr die Frauen. Nie und nirgends hat man die Frau von den mĂŒhsamsten (...) BeschĂ€ftigungen fern gehalten, etwa aufgrund ihrer zarten Konstitution - Schranken, die aufzufĂŒhren man niemals versĂ€umt, wo es sich um höhere und eintrĂ€glichere Arbeitsgebiete handelt".

AVIVA-Berlin: Frau Dohm, hatten Sie niemals Lust, das Handtuch zu werfen?
Hedwig Dohm: Nein, dafĂŒr ist es zu amĂŒsant. Ein Professor bemerkte z.B. sehr richtig: "ÂŽDer Mann hat lĂ€ngere Beine als die FrauÂŽ..."

AVIVA-Berlin: ...und wollte damit wahrscheinlich ihre StudierunfÀhigkeit beweisen!
Hedwig Dohm: Tja... "Ein SchlußsĂŒchtiger könnte allenfalls daraus schließen, daß der Mann sich mehr zum BrieftrĂ€ger eigne, als die Frau..."

Die im Interview in AnfĂŒhrungsstriche gesetzten Passagen sind Originalzitate aus: Hedwig Dohm, Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau, Berlin 1874. Erschienen 1982 in der zweiten Auflage beim ALA Verlag ZĂŒrich als Reprint (ISBN 3-85509-024-6)

Hedwig Dohm setzte sich in etlichen Streitschriften mit unvergleichlichem Biß fĂŒr Frauenbelange ein. Ohne Scheu vor AutoritĂ€ten kĂ€mpfte sie fĂŒr die Aufhebung von Studien -und BerufsbeschrĂ€nkungen, und fĂŒr das Wahlrecht der Frauen. Besonders mit dieser Forderung war sie ihren Zeitgenossinnen weit voraus. Obwohl in der Frauenbewegung engagiert, war sie politisch eher eine EinzelkĂ€mpferin.

Als ihre wichtigsten Schriften sind zu nennen:
"Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung"1902
"Die MĂŒtter. Beitrag zur Erziehungsfrage"1903
"Die Erziehung zum Stimmrecht der Frau"1909

Aktuelle Zahlen und Fakten aus dem WSI-FrauenDatenReport 2005:

  • (...) Zwischen 1991 und 2004 sank die Zahl der vollzeitbeschĂ€ftigten Frauen um 1,6 Millionen, wĂ€hrend die Zahl der Frauen in Teilzeitjobs um 1,8 Millionen stieg.

  • Entsprechend öffnete sich die Schere zwischen den durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeiten von MĂ€nnern und Frauen weiter: (...)Im gesamtdeutschen Durchschnitt arbeiten MĂ€nner 40,2 Stunden, Frauen dagegen nur 30,8 Stunden. Drastisch stieg der Anteil der Frauen, die lediglich sehr kurze Teilzeit-Jobs unter 15 Stunden in der Woche haben: von knapp sechs Prozent 1991 auf 13 Prozent 2003.

  • Der Anteil der VĂ€ter, die in Elternzeit gehen, hat sich seit 2001 gut verdoppelt - allerdings lediglich von zwei auf fĂŒnf Prozent. (...)

  • Das durchschnittliche Einkommen von Frauen mit VollzeittĂ€tigkeit liegt in Deutschland weiter erheblich unter dem der MĂ€nner. In Westdeutschland verdienen Frauen im Durchschnitt 23 Prozent weniger, in Ostdeutschland etwa 10 Prozent. (...) Unter den 25 EU-LĂ€ndern gibt es nur zwei, in denen die Lohnkluft zwischen den Geschlechtern noch grĂ¶ĂŸer ist als in Deutschland: Estland und die Slowakei.


  • Lesen Sie auch den Beitrag zur Eröffnung der Webseite von Hedwig Dohm auf AVIVA-Berlin.

    Women + Work Beitrag vom 01.02.2006 AVIVA-Redaktion 





      © AVIVA-Berlin 2018 
    zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken