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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 15.01.2014

Ulrike Halbe-Bauer und Brigitta Neumeister-Taroni - Bedeutende K├╝nstlerinnen - Ich mach es auf meine Art
Kristina Tencic

Bedeutsam und doch in Vergessenheit geraten ist der Gro├čteil der 12 K├╝nstlerinnen, die von einer Historikerin und einer Redakteurin in diesem reich bebilderten Portrait wiederentdeckt werden...



Ihr Leben, Werk und Erbe werden dabei auf anschauliche und unterhaltsame Weise vom Staub der Geschichte befreit und ins rechte Licht der Kunsthistorie ger├╝ckt.

Im Jahre 2009/2010 pr├Ąsentierte das Centre Pompidou in Paris ein komplettes Jahr lang die Ausstellung "elles@centrepompidou", die nur Werke weiblicher K├╝nstlerinnen enthielt. Sie zeugte von der Nachfrage und dem Bedarf der Gesellschaft, sich mit Frauen in der Kunst - und zwar als aktive und nicht als passive Teilnehmerinnen - zu besch├Ąftigen. Die Meinungen ├╝ber dieses engagierte Projekt gingen stark auseinander. Von begeisterten "Endlich" Ausrufen bis hin zu Stimmen, die vor einer Ghettoisierung der K├╝nstlerinnen warnten, war vieles dabei. Gleichwohl dr├Ąngt sich auch heute ein entscheidender Gedanke auf - wie absurd w├Ąre es, eine solche Ausstellung f├╝r m├Ąnnliche K├╝nstler zu organisieren? Was w├╝rde gezeigt werden?

Aber zur├╝ck zu den zw├Âlf von der Historikerin Halbe-Bauer und Redakteurin Brigitta Neumeister-Taroni portraitierten K├╝nstlerinnen, die bereits mit ihrer Auswahl sichtlich keinen Anspruch auf Vollst├Ąndigkeit hegen.
Die zw├Âlf K├╝nstlerinnen und ihre von den Autorinnen zugeschriebenen Charakteristika sind:
- Artemisia Gentileschi (Die K├Ąmpferin)
- Rachel Ruysch (Blumenmalerin und Wissenschaftlerin)
- Rosalba Carriera (Die vergessene Starmalerin)
- Rosa Bonheur (Die selbstbewusste Hosentr├Ągerin)
- Lilly Martin Spencer (Malerin mit Hausmann)
- K├Ąthe Kollwitz (Die Trauernde)
- Helene Schjerbeck (Die hochbegabte Einzelg├Ąngerin)
- Paula Modersohn-Becker (Die k├╝hne Eigenwillige)
- Louise Modersohn-Breling (Die Nachfolgerin)
- Sophie Taeuber-Arp (Die Unersetzliche)
- Lee Krasner (Die Widerspenstige)
- Louise Bourgeois (Die Unbeirrbare)

Mit viel Liebe zum Detail, Phantasie und Einf├╝hlverm├Âgen skizzieren die Autorinnen die Lebensumst├Ąnde der unkonventionellen Frauen, die, ganz nach der Devise der Amerikanerin Lee Krasner "Ich mache es lieber auf meine Art ..." , eigenwillige Wege gingen. Auff├Ąllig ist, dass allen K├╝nstlerinnen ein v├Ąterlicher Mentor gemein ist und meist auch ein/e in der Kunst beheimatete/r Partner/in.

Veranschaulicht werden kann dies an der italienischen Renaissance-K├╝nstlerin Artemisia Gentileschi, welche neben k├╝nstlerischem Talent das Gl├╝ck bestimmt war, in eine Kunstwerkstatt hinein geboren zu sein. Ihr Vater, der mit wichtigen Auftr├Ągen besch├Ąftigte Orazio Gentileschi, bildete seine begabte Tochter aus, bis der Erfolg der Tochter (ber├╝hmt ist sie bis heute f├╝r die minuti├Âse Darstellung von Schmuck und Spitze in ihren Gem├Ąlden) den ihres Vaters ├╝bertraf und ihr weitere T├╝ren ├Âffnete.

Der Fall Gentileschi offenbart neben dem v├Ąterlichen F├Ârderer als Basis des K├╝nstlerinnentums jedoch noch etwas anderes: Die Einflussnahme der Medien und der ├ľffentlichkeit, die aus Subjekten Objekte macht. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Brutalit├Ąt in Artemisia Gentileschis ber├╝hmtesten Werk, der Judith, welche Holofernes enthauptet, auf der eigenen Erfahrung der Vergewaltigung beruht. Der Kollege und Freund ihres Vaters, welcher in der v├Ąterlichen Werkstatt zugegen war, soll sie, wie es in einem - wie Sie sich vorstellen k├Ânnen sehr seltenen - Gerichtsverfahren festgehalten wurde, vergewaltigt haben. Neuesten Nachforschungen zufolge k├Ânnte dies jedoch auch anders ausgesehen haben: Der von der talentierten K├╝nstlerin angezogene K├╝nstler buhlte um die Gunst seiner Kollegin, die er u.a. mit einem Heiratsversprechen dann auch erlangte. Als sich herausstellte, dass er dies niemals halten k├Ânne, da er bereits verheiratet war, ging es dem Vater um die Wiederherstellung der Ehre seiner in der r├Âmischen Gesellschaft bereits bekannten Tochter. Sicher, ihr ist ein Unrecht widerfahren, jedoch empfand sie (wie man/frau aus sensationell gut erhaltenen Tagebucheintr├Ągen wei├č) die Tortur des Gerichtsprozesses als weitaus grausamer.

Das Autorinnenduo beschreibt hingegen sehr eindrucksvoll, wie die Nachfrage nach kunsthandwerklichen Erzeugnissen in ganz Europa stieg und wie es Artemisia Gentileschi in ihrer neuen Heimat Florenz mit smartem Gesch├Ąftssinn verstand, ihren Ruhm auch monet├Ąr geltend zu machen. Denn auf dem aufflammenden Kunstmarkt ging es auch damals schon darum, sich als K├╝nstlerIn ├╝ber den Preis zu etablieren. Die Ausf├╝hrungen zu Rachel Ruysch machen allerdings auch deutlich, dass eine Frau, die als Hofmalerin in D├╝sseldorf t├Ątig war und mit ihren Blumenstillleben mehr verdiente als ihre Zeitgenossen Rembrandt und Vermeer, dem Bekanntheitsgrad ihrer Kollegen heutzutage weit nachsteht.

AVIVA-Tipp: Mit pers├Ânlichem Ton und erz├Ąhlerischer Unterhaltsamkeit lassen uns die Autorinnen in eine Recherchearbeit eintauchen, die einige fast vergessene Talente auf die kunstliterarische B├╝hne holt. Bei einigen K├╝nstlerinnen waren bisher nur einige Eckdaten vorhanden, die hier erz├Ąhlerisch erg├Ąnzt wurden ÔÇô was manchmal leider der Spekulation zu viel Raum l├Ąsst. Bei der hochwertigen Gestaltung des Buches w├Ąre das vielleicht gar nicht n├Âtig gewesen. Mit den vielen Illustrationen und kunsthistorischen Einordnungen ist das Werk und Leben der K├╝nstlerinnen bereits sehr anschaulich und zug├Ąnglich.

Zu den Autorinnen:
Ulrike Halbe-Bauer
wurde 1949 in Warendorf geboren. Nach einem Studium der Germanistik und Geschichte in M├╝nster und Freiburg begann sie an Hamburger Gymnasien ihre Lehrt├Ątigkeit. Seit 1979 unterrichtet sie Deutsch und Geschichte in Freiburg, ist als selbst├Ąndige Autorin t├Ątig und ├╝bersetzt gemeinsam mit ihrem Ehemann Werke aus dem Englischen.
Die Literatur- und Kunstwissenschaftlerin Brigitta Neumeister-Taroni arbeitet als Lektorin, Autorin und Herausgeberin. Zudem erf├╝llte sie ihren Traum von Selbst├Ąndigkeit mit linguart, f├╝r das sie als Lektorin, Redakteurin und Autorin t├Ątig ist.

Bedeutende K├╝nstlerinnen - Ich mach es auf meine Art
Ulrike Halbe-Bauer, Brigitta Neumeister-Taroni

Belser Verlag, erschienen September 2011
Fester Einband, 168 Seiten, 100 Abbildungen
ISBN: 978-3-7630-2587-9
24,95 Euro

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