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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 27.02.2015


Rosemarie Zens - The Sea Remembers
Teresa Lunz

70 Jahre, nachdem sie mit ihrer Mutter aus Polen fliehen musste, kehrt die Fotografin, Essayistin und Lyrikerin dorthin zurück, um in Fotografien eine visuelle Vergangenheitsbewältigung umzusetzen.




"Wie sehen die Bilder aus, die aus sehr früher Prägung herrühren, aus Erinnerungen, die dem tiefen Vergessen entspringen?"

Die im polnischen Bad Polzin/Polczyn geborene Fotografin, Essayistin und Lyrikerin Rosemarie Zens beantwortet sich ihre Frage selbst durch die in ihrer ursprünglichen Heimat aufgenommenen Fotografien.

Im März 1945 musste die damals noch nicht Einjährige mit ihrer Mutter die Flucht antreten. Jahrzehnte später veranlassen sie deren wiederaufgefundene Notizen über die Flucht dazu, an ihre Geburtsstätte zu reisen und den Versuch zu unternehmen, vor allem fotografisch Brücken zwischen dem Damals und Heute zu schlagen. Die Erinnerungen der Mutter, entstanden 1989 anlässlich des Mauerfalls, bilden die Basis des Vorhabens, ein Stück Familiengeschichte nachzuvollziehen und in einer Bildreise festzuhalten. Die im Buch gezeigten Fotografien sind teils den Familienbeständen entnommen, größtenteils aber selbst vor Ort angefertigt. Die eingestreuten Begleittexte zentriert Rosemarie Zens um die Themenkomplexe, die sie bei dieser Unternehmung bewegen, wie etwa "Herkunftsort" und "Mutter".

Das Nebeneinander von subjektiv empfundener Gegenwart und Vergangenheit, das die Autorin während ihrer Fahrt ins nordwestliche Polen empfunden hat, ist auch in ihren Fotografien präsent. Mehrfach zeigt die Auswahl der Aufnahmen die Mutter in den 1940ern und Rosemarie selbst als kleines Mädchen im Porträt. Immer wieder sind es auch nur Details aus diesen alten Familienfotos, die Rosemarie Zens an die Betrachter_innen weitergibt: Etwa einen für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts typischen steifen Spitzenkragen, einen Taillengürtel, dann grobe Feldstiefel neben nackten Mädchenbeinen oder die Armlehne eines Sessels. Die Ausschnitte dienen dazu, den vagen Charakter der Erinnerung zu transferieren, welcher es oftmals nicht gelingt, komplette Gesichter und Szenarien nachzuzeichnen. Daneben gilt das Hauptaugenmerk der rund um das heutige Bad Polzin angetroffenen, vom Wandel der Zeit unberührten Landschaft: Offenes, weites Land verheißt Freiheit, aber auch Ungewissheit, scheint verlockend und angsteinflößend zugleich. Vor allem empfindet frau es als nicht festgelegt. Einige alte Häuser und ferne Gestalten erscheinen auf den modernen Aufnahmen, sonst ist die Einöde nur von vereinzelten Tieren – Fischen, einem Fuchs – belebt.

Nebelschwaden, die wesentliches Element vieler Fotos sind, verweisen metaphorisch darauf, wie Jetzt und Damals, Erinnerung und Realität verschwimmen, untrennbar werden. Zusätzlich sind etliche Aufnahmen zur Stunde der Dämmerung entstanden, um die Unklarheit des Erinnerten zu illustrieren. Abgebildet werden Spuren im Sand, Spuren im Schnee, in Form niedergetretener Grashalmen sichtbare Spuren auf einer Wiese. Die Leser_innen fragen sich, ob die Auswahl der Motive zufällig erfolgte, was die Autorin implizit mit der Frage beantwortet:

"Schien hier in der Aktivität des inneren Auges der Ursprungsort der Bilder selbst zu liegen?"

Sinn der Reise war nicht die Suche nach einer bestimmten Erkenntnis. Viel eher unterstand die Reise einem Gefühl der Ungewissheit, des Sichtreibenlassens:

"Wo sollte ich jetzt mitten in der Landschaft hin?"

Die Aufnahmen sind eine schrittweise erfolgende Annäherung an die Vergangenheit, zugleich an die verlorene Heimat in ihrem zuweilen einschüchternden, ungastlichen Charakter. Die Autorin schließt durch diese Bildreise einen Riss in der eigenen Biographie, eine "Weiß-nicht-Lücke", wie sie schreibt, die sich seit ihrer Kindheit erhalten hat. Der Fotoband bemüht sich um die Offenlegung einer Vergangenheit, die Rosemarie Zens selbst nie lebte, und die doch die Periode ihres Heranwachsens wie auch ihr späteres Leben prägte.
Am Ende des Werkes zitiert Rosemarie Zens die Aufzeichnungen der Mutter, ihnen nochmals eigene Erinnerungen an ihre Kindheit und beide Elternteile voranstellend. Diese reflektieren vor allem ein immer wieder aufflammendes Gefühl, keiner Nationalität absolut zugehörig zu sein, sich mit keiner Kultur vollständig identifizieren zu können.

"In Mutters Nachlass später dieser kleine Notizblock. Auf weißen Seiten ohne Linien die flüssige Handschrift, abgerundete Zeichen..."

Zur Fotografin: Rosemarie Zens, 1944 in Bad Polzin in Pommern geboren, wuchs in Bochum auf. Sie studierte zunächst Biologie, Geschichte und Anglistik an den Universitäten Münster und München und arbeitete dann als Lehrerin in München, Berkeley (Kalifornien) und Düsseldorf, wo sie sich zur Montessori-Lehrerin ausbilden ließ. Nach einer psychoanalytischen Ausbildung in Zürich mit dem Schwerpunkt "Daseinsanalyse" ist sie als auch in diesem Fachbereich publizierende Psychotherapeutin tätig. Ihr Zweitstudium im Fach Neuere Deutsche Literaturwissenschaften führte 1989 zur Promotion über das Spätwerk von Wilhelm Raabe. Seit 1995 veröffentlicht sie ihre Essays und Gedichte regelmäßig in Einzelbänden, Literaturzeitschriften und Hörbüchern.
Die in "The Sea Remembers" enthaltenen Fotografien wurden im November 2014 auf der "Paris Photo" ausgestellt. Rosemarie Zens lebt heute in Berlin. Übersicht zu Werk und Vita finden Sie unter: www.zens.info

AVIVA-Tipp: Die Leser_innen nehmen durch die Bilder und Worte Rosemarie Zens´ intensiv an deren Reise teil, identifizieren sich mit ihrer Familiengeschichte, die gleichzeitig exemplarisch stehen könnte für das Schicksal vieler Flüchtlinge und ihrer Nachkommen. Düster und faszinierend ziehen die einzelnen Landschaftsaufnahmen, jede für sich, in den Bann.

Rosemarie Zens
The Sea Remembers

Englisch/Deutsch
Kehrerverlag, erschienen 2014
Softcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten mit 51 Farbabbildungen
ISBN 978-3-86828-505-5
Euro 36,00
www.kehrerverlag.com

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Beitrag vom 27.02.2015

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