Magdalena M. Moeller (Hg.) - Fränzi und Marzella. Auf Spurensuche im Brücke-Museum - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Art + Design



AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 13.04.2015


Magdalena M. Moeller (Hg.) - Fränzi und Marzella. Auf Spurensuche im Brücke-Museum
Teresa Lunz, Sharon Adler

Spätere Generationen kennen Fränzi und Marzella nur als "Kinder-Modelle", die um 1910 für die Brücke-Künstler posierten. Doch wie verlief ihr (weiteres) Leben?




Sogenannte "Kinder-Modelle" gewannen am Vorabend des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs eine vorher nie erreichte Bedeutung. Künstler_innen porträtierten sie in Ateliers, vielfach auch unter freiem Himmel in noch natürlichere Umgebung versetzt. Meist kaum bekleidet oder völlig nackt, ob beim Spielen, Toben, Baden oder einfach beim Ausruhen, in eine Beobachtung vertieft oder eine Frucht verzehrend. Gerade nach dem Triumph der Industrialisierung, der Entstehung des kapitalistischen Bürgertums, zur Zeit eines nahenden, ganz Europa erfassenden Krieges wuchs die Sehnsucht nach Unbeschwertheit und Ursprünglichkeit. Nach eben der Naivität und dem Vertrauen dem Leben gegenüber, wie es Fränzi und Marzella ausstrahlten.

Die Entdeckung einer neuen Kunstrichtung

Allmählich wandelte sich der bis dato allgemeingültige Anspruch an das Porträt, insbesondere an den Akt: Dieser wurde nicht mehr nur als anatomische Studie empfunden, deren Gelingen stundenlang still verharrende Modelle zu gewährleisten hatten, sondern als Momentaufnahme der Bewegung und Lebenslust. Besonders junge Mädchen schienen die perfekte Inspirationsquelle zu solchen Schöpfungen. "Eingebunden in den Entwurf einer alternativen Gegenwelt zur bürgerlichen Gesellschaft (...) formulierten die Brücke-Künstler so ihre Bilder vom befreiten Körper."

Fränzi und Marzella haben, wie die erhaltenen Porträts beweisen, in den Dresdner Ateliers besondere Beliebtheit genossen. Besonders die Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein ließen sie immer wieder zu sich kommen oder kutschierten mit ihnen an die Moritzburger Teiche, um Bilder zu malen, auch, um Fotos aufzunehmen, die später Skizzen ermöglichten. Dennoch blieben Jahrzehnte lang Forschungen zum sozialen Hintergrund und weiteren Leben der beiden Mädchen aus. Es konnte sich gar das Gerücht halten, es handle sich bei beiden um dieselbe Person, eine Franziska mit dem Spitznamen "Marzella". Die akribische Recherche Magdalena Moellers, Direktorin des Brücke-Museums in Berlin, hat nun historische Wahrheiten zutage gebracht.

Zwei spannende Biographien des 20. Jahrhunderts

Lina Franziska Fehrmann (1900-1950) war erst neun Jahre alt, als sie, bedingt durch die Geldnot ihrer Familie den Brücke-Künstlern als Akt-Modell zur Verfügung gestellt wurde. Deren Kreis wurde ihr aber auch bald zum zweiten Zuhause, in dem sie mehr Unbeschwertheit und Freiheit erfuhr als in dem kinderreichen Arbeiterhaushalt, dem sie entstammte. Später nahm sie viele Entbehrungen auf sich, um allein für zwei uneheliche Töchter zu sorgen, im Februar 1945 rettete sie ihre damals achtjährige Großnichte Margit Fehrmann aus dem Bombenfeuer über Dresden und kümmerte sich dann um sie. Gespräche mit der über Umwege ausfindig gemachten Margit Fehrmann ermöglichten es, "Fränzis" letzte Lebensjahre zu rekonstruieren und den Bildband um private Aufnahmen von ihr zu bereichern.

Marzella Sprentzel (1895-1977), Kirchners bevorzugte Muse, entstammte einem gutbürgerlichen Elternhaus, war musikalisch gebildet und nie wirklich dazu bereit, sich dem Künstler nackt zu präsentieren.
"Es liegt ein großer Reiz in einem solchen reinen Weibe, Andeutungen, die einen wahnsinnig machen können. Toller als in den älteren Mädchen...", erinnerte sich Kirchner. Gerade dieser Ausspruch ist es, der der heute vermuteten Pädophilie Kirchners Nahrung gibt.
Marzella bestand als eine von deutschlandweit nur 60 Frauen im Jahr 1916 ihr Abitur glänzend und war im Anschluss über 40 Jahre lang und unter vier unterschiedlichen politischen Regimes als Grundschullehrerin tätig. Die Brücke-Periode wurde von ihr verschwiegen und ihrer Familie erst durch Nachforschungen eines Großneffen bekannt.

Neben den 153 farbigen Abbildungen enthält der Bildband "Fränzi und Marzella. Auf Spurensuche im Brücke-Museum" detaillierte Aufsätze zu einzelnen Facetten der Thematik – etwa die allgemeine Bedeutung des weiblichen Aktes zur Brücke-Zeit, die Ausflüge an die Moritzburger Teiche, die Biographien von Fränzi und Marzella sowie der Weg zu ihrer Enthüllung – bieten Einsteiger_innen in die Materie, aber auch Kenner_innen zahlreiche, teils nie zuvor publizierte Informationen. Stets weisen die Essayist_innen darauf hin, wie sie zu den jeweiligen Erkenntnissen gelangten, wo ihre Forschung eventuell an Grenzen stieß. Im Anschluss an jedes Kapitel werden thematisch passende Bilder, nur mit ihrem Titel versehen, fokussiert: Hier ist der/ die Betrachter_in aufgefordert, selbst zu erkennen, wie verschiedenartig die Mädchen die Künstler inspirierten – zu farbenfrohen Ölgemälden, doch ebenso zu Holzschnitten, zu in Teilen ausgemalten oder schraffierten Kohle- oder Bleistiftzeichnungen. Im "Anhang" finden sich u.a. übersichtliche Kurzbiographien zu den wesentlichen Malern sowie zu Fränzi und Marzella.

Das Tabuthema "Kinder-Modelle" in Bezug auf Pädophilie renommierter Maler und die Rolle der Museen und Galerien wird im Buch leider nicht, bzw. nur am Rande thematisiert. Nur kurz wird auf die noch fehlenden Vorschriften im Sinne des Kinderschutzes und den damals anders gearteten Ästhetikbegriff verwiesen, laut dem die Faszination 30jähriger Männer angesichts minderjähriger Mädchen nicht zwangsläufig als bedenklich gewertet wurde.

Zur Herausgeberin: Magdalena M. Moeller studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und ostasiatische Kunstgeschichte in Köln und Bonn. Ihre Promotion erfolgte über das Thema "Sonderbund Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler", für ihre Dissertation erhielt sie den Paul Clemen-Preis, der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker fördert, die über Werke und Fragen der Kunst im Rheinland arbeiten. Sie arbeitete u.a. bei der Staatsgalerie Stuttgart und dem Sprengel-Museum Hannover, bevor sie 1988 zur Direktorin des Brücke-Museums in Berlin berufen wurde. Dort konnten durch ihren Einfluss insbesondere die Bestände zum Werk Ernst Ludwig Kirchners und Erich Heckels entscheidend erweitert werden, darunter das 1995 erworbene Gemälde Artistin – Marcella aus dem Jahr 1910. Zu ihren bisherigen Publikationen zählen "Der blaue Reiter" (1987), "Karl Schmidt-Rottluff. Formen und Farben" (2007) und 2013 "Brücke-Meisterstücke. Die schönsten Erwerbungen des Brücke-Museums". (Quelle: Verlagsinformation, Brücke-Museum)

Zur Website des Brücke-Museums: www.bruecke.museum.de

AVIVA-Tipp: Für alle Kunstinteressierten, die die Ausstellung im Brücke-Museum 2014 versäumt haben oder die sich einfach an sie erinnern möchten, ist der Bildband "Fränzi und Marzella. Auf Spurensuche im Brücke-Museum" eine Bereicherung. Er erlaubt sowohl die intensive Auseinandersetzung mit dem Kunststil der Brücke-Phase als auch mit dem zeitlichen Kontext, aus welchem dieser sich entwickelte. Ergänzt wird das Werk durch in ihrem Ansatz einzigartige Recherchearbeiten über das Leben zweier Legenden der modernen deutschen Malerei, die bis dato doch nie über den Status geschichtsloser Kunstfiguren hinausgelangt sind: Fränzi und Marzella.

Magdalena M. Moeller (Hg.)
Fränzi und Marzella. Auf Spurensuche im Brücke-Museum

AutorInnen: Joachim Sprentzel, Katja Lindenau, Laura Mang, Regina Klein
Kehrer Verlag, erschienen 2014
Broschur, 120 Seiten, 153 Farbabbildungen
ISBN 978-3-86828-503-1
29,90 Euro
www.artbooksheidelberg.com

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Beitrag vom 13.04.2015

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