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AVIVA-BERLIN.de im April 2021 - Beitrag vom 10.02.2010


Karoline Hille - Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus
Claudia Amsler

"Wie bei den berühmten Lilien auf dem Felde bestand ihr Daseinsrecht allein darin, die Fantasie ihrer Gebieter zu beflügeln." Die Frau im Surrealismus war ausschliesslich eine Projektion, ein....




... männliches Gedankenkonstrukt, entweder ein vergöttertes Blumenwesen oder ein gefährliches böses Raubtier. Sie selbst, als Frau, ja sogar als Künstlerin, gab es in den Augen der Surrealisten nicht.

Die Muse, Geliebte, Ehefrau, Freundin von André Breton, Yves Tanguy, Max Ernst, Picasso et cetera. So trifft frau meistens ihresgleichen in der Geschichte an, als Attribut, als Inspirationsquelle oder Unterhaltungsspielzeug des Mannes. Nicht, dass man nicht am "weiblichen Geschöpf" interessiert war, er vergötterte sie auf eine gewisse Art und Weise, doch nicht als reale Frau - der Fokus war nur auf sein eigenes konstruiertes weibliches Phantasma gerichtet.

Die Kunsthistorikerin Karoline Hille zeigt mit "Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus" diese erschreckenden Gegebenheiten im facettenreichen und faszinierenden Surrealismus auf und stellt der Leserin zehn Künstlerinnen vor, die dieser männlichen Kategorisierung zu trotzen versuchten und veranschaulicht ihre künstlerische "Spielereien" durch differenzierte Bilder, Malereien und Fotografien.

Durch das einführende Essay "Der schäumende Rubin des Champagners" wird der Surrealismus aufgeklärt, frau wird an die Hand genommen und die Reise in die tiefen Gewässer der Kunstbewegung beginnt - es ist ein Treiben in den schönen, aber auch kritischen Aussagen von Karoline Hille. Frau wird in die "Chants de Maldoror" von Lautréamont eingeführt und gleichzeitig schlägt die Autorin gekonnt den Link zu der kongenialen Übersetzerin der Gesänge, Ré Soupault, die sich zu einer der bedeutendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts etablierte.

Karoline Hille gibt mit ihrem Essay nicht nur einen Einblick, sondern einen Rundblick in die Strömung des Surrealismus, in dessen Innenleben und frau erhält das Gefühl, genau zu wissen, was so faszinierend an dieser Kunstrichtung ist - fühlt sich selbst als Surrealistin. Der Mann wird nicht als eine Schreckensfigur dargestellt, sondern er und seine Kunst, seine Vorstellungen werden beschrieben und dies nicht abwertend. Die Kunsthistorikerin hinterfragt diese doch ergreifenden Vorstellungen und zeigt so die Schattenseiten des Surrealismus auf.

Im Schatten stehen die Surrealistinnen - die Frauen. Doch Karoline Hille gelingt es durch ihre Zusammenstellung, die Künstlerinnen ins Licht zu rücken. Gleichwertig werden verschiedenen Portraits von Frauen vorgestellt, nicht nur ihr künstlerisches Schaffen, sondern sie als Personen, als Liebende, Leidende und eigenständige, unabhängige und emanzipierte Künstlerinnen.

Obwohl die zehn Surrealistinnen Gemeinsamkeiten vorweisen wie beispielsweise die Thematisierung ihres Geschlechts, das Teilen der Idee des "androgynen Geistes", die Selbstinszenierung, das Experimentieren mit sich selbst, Formen und Techniken, könnten sie auch gleichzeitig unterschiedlicher nicht sein: Die Fotografin, die Malerin, die Zeichnerin, die Dichterin und die Autorin ist in diesem Bildband anzutreffen. Von der Pionierin Toyen, der mutigen Claude Cahun, der abenteuerlichen Lee Miller zu der rätselhaften Dora Maar, der Rebellin Meret Oppenheim hin zu der Selbstdarstellerin Leonor Fini, der abgründigen Leonora Carringtion und der Konstrukteurin Kay Sage bis hin zu der Kämpferin Dorethea Tanning und der Grenzgängerin Unica Zürn.

Es sind Frauen, die nicht kategorisiert werden wollen - keine Lesbierin, keine Feministin, kein Model und schon gar nicht eine Muse sein wollen, sondern Menschen, die Kunst schaffen.

Frau ist von dieser Vielfältigkeit und Prächtigkeit fasziniert, simultan ist es aber auch erschreckend, dass dennoch mehr als die Hälfte der Künstlerinnen das Schicksal teilen mussten, auf ihre Liebesbeziehungen mit einem "großen" Künstler reduziert zu werden. Und so ist es wiederum nur lobenswert, dass ein Buch die Künstlerinnen aus dieser Verdammnis befreit und sie in den Vordergrund stellt, überhaupt zeigt, dass es sie - die Künstlerin - gibt.

AVIVA-Tipp: Karoline Hille gelingt es mit ihrem reich illustrierten Band, zehn Künstlerinnen, die sich ab den 1930er Jahren der Pariser Avantgarde-Bewegung anschlossen, authentisch zu porträtieren. Frau lebt, fühlt und malt mit. Es ist ein regelrechtes Wissenswerk, denn es lehrt nicht nur die Tiefen des Surrealismus, sondern auch, dass Kunst kein Geschlecht hat.

Zur Autorin: Karoline Hille, Kunsthistorikerin, ist Autorin zahlreicher Bücher und Aufsätze zu Kunst, Kultur und Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts mit den Arbeitsschwerpunkten Rezeptionsgeschichte sowie Frauen- und Geschlechterforschung. Sie lebt als freie Publizistin in Ludwigshafen am Rhein. (Quelle Verlagsinformation)
Mehr Infos finden Sie unter: www.belser-verlag.de

Karoline Hille
Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus

Deutsch
BelserVerlag, erschienen 2009
Gebunden, 192 Seiten
ISBN-13: 978-3-7630-2534-3
22,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Laure Adler, Elisa Lécosse - Endlose Liebe - Leidenschaftliche Frauen in der Kunst von Tizian bis Warhol

Die Fotografin der magischen Sekunde und Frauenportraits, Ré Soupault

Lee Miller, 1907-1977, die Freundin des Surrealen

Madame Man Ray von Unda Hörner




Literatur > Art + Design

Beitrag vom 10.02.2010

AVIVA-Redaktion 






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