Transit Amsterdam, Deutsche Künstler im Exil 1933 - 1945 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 27.05.2008


Transit Amsterdam, Deutsche Künstler im Exil 1933 - 1945
Yvonne de Andrés

Die geografische Nähe, die lange offenen Grenzen und die Gastfreundschaft führten dazu, dass Amsterdam bis zum Einmarsch der deutschen Truppen ein bevorzugter Ort für deutsche Flüchtlinge wurde.




"Immer noch zögerte ich, nun selbst mit Schreiben anzufangen und für mein Buch ein Deutschland der Nationalsozialisten lebendig werden zu lassen mit braunen SA-Männern, fischäugigen Gestapo-Mördern und schwachsinnigen-fanatischen Stürmer-Verkäufern…Ein Deutschland voll berauschter Spießbürger. Berauscht, weil sie es sein wollten". So schreibt Irmgard Keun in ihrem Roman "Nach Mitternacht" der 1937 im niederländischen Exil-Verlag Querido erschien. Die Bücher von Irmgard Keun wurden 1933 verboten und verbrannt. Die Nationalsozialisten hatten diese als "Asphaltliteratur mit antideutschen Tendenzen" und als "nicht geeignete Lektüre für das nationalsozialistische Volk" eingestuft.

Für Irmgard Keun wie für viele andere LiteratInnen und KünstlerInnen wie Erika und Klaus Mann, Erich Salomon, Rudolf Nelson, Elisabeth Augustin, Hans Keilson wurde Amsterdam ein Fluchtort. Sowohl die politischen, aber ganz besonders die jüdischen EmigrantInnen entfalteten hier ein breites kulturelles Leben. Zwei der wichtigen deutschen Exil-Verlage "Allert de Lange" und "Querido" befanden sich hier. Die Zeitschrift "Die Sammlung. Literarische Monatsschrift", die Intellektuelle vereinte, die sich kritisch gegen den Nationalsozialismus aussprachen, hatte ebenfalls in Amsterdam ihre Adresse. Der Herausgeber der Zeitschrift war Klaus Mann, die Mäzenin Annemarie Schwarzenbach. "Die Pfeffermühle", das politische Kabarett von Erika Mann, welches auf unterhaltsame Weise vor den Nationalsozialisten warnte, gastierte in der Stadt. Rudolf Nelson, "der dicke Napoleon des Cabarets" wie ihn Kurt Tucholsky beschrieben hatte, ging mit seinem Ensemble auf Tournee, um dann fest in Amsterdam "die Sterne des Berliner Kabaretts zu sammeln". Grete Weil arbeitete hier als Fotografin, Bruno Walter dirigierte, Elisabeth Augustin übersetzte, Klaus Gerron filmte und Max Beckmann malte. Bekannte holländische Literaten wie Menno ter Braak und Nico Rost haben die Exilliteratur ihren Landsleuten nahe gebracht.

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940 erlosch das lebendige Zentrum des Exils. Amsterdam wurde zur Falle. Für einige folgten weitere Stationen des Exils, andere tauchten bis zur Befreiung unter oder wurden deportiert und ermordet.

Zu den Autoren:

Veit Johannes Schmidinger
, geboren 1972 in München, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Leipzig und Paris und promovierte über Klaus Manns Beziehungen zur französischen Kultur und Literatur. Im Herbst 2006 debutierte er mit dem Essay "Wo freilich ich ganz daheim sein werde ..." Außerdem verfasste er zusammen mit Alfred Biolek die Biographie "Bio. Mein Leben".

Wilfried F. Schoeller, geboren 1941 in Illertissen/Schwaben. Er lebt in Berlin und Frankfurt am Main. Schoeller studierte Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie und promovierte über den wilhelminischen Gesellschaftskritiker Heinrich Mann. Er ist Literaturkritiker und war Leiter der Abteilung "Aktuelle Kultur" im Hessischen Rundfunk/Fernsehen. 1990 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Er schrieb Bücher u.a. über Adorno, Heinrich Mann, Michail Bulgakow und ist der Herausgeber des Gesamtwerkes von Oskar Maria Graf. Schoeller verfasste zahlreiche Literaturfilme und Hörspiele. Er ist Honorarprofessor für Literatur des 20. Jahrhunderts, Literaturkritik und Medien an der Universität Bremen.

AVIVA-Tipp: "Transit Amsterdam" ist eine wahre Fundgrube. Liebevoll zusammengetragen bietet es anhand von zahlreichen Dokumenten, unveröffentlichten Briefen, Tagebüchern, Fotos, Textpassagen und Lebensdokumenten eine vielfältige Sicht auf die verschiedenen Aspekte, die Amsterdam für die KünstlerInnen hatte. Die Stadt war sowohl Fluchtpunkt, Gastspiel, als auch Sommerfrische. Ab 1940 konnte es auch bedeuten: Abreise, Untergrund oder Deportation. Die Herausgeber bieten mit dieser Veröffentlichung ein farbiges, und gleichzeitig sehr trauriges Kaleidoskop.

Veit Johannes Schmidinger, Wilfried F. Schoeller,
Transit Amsterdam

Deutsche Künstler im Exil 1933 - 1945
Allitera Verlag, erschienen Mai 2007
kartoniert - 259 Seiten, 100 Abbildungen.
ISBN: 9783865202413
24,00 Euro


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Beitrag vom 27.05.2008

Yvonne de Andrés 






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