Unda H├Ârner - Kafka und Felice Unda H├Ârner liest aus ihrem Roman - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur > Biographien AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.09.2017

Unda H├Ârner - Kafka und Felice
Silvy Pommerenke

Phantasievoll und kenntnis- wie detailreich hat Unda H├Ârner ihren Roman anhand des Briefwechsels zwischen Franz Kafka und Felice Bauer gestaltet, der die Leserin vom ersten Satz an in die historische Zeit des Beginns des zwanzigsten Jahrhunderts katapultiert.



Akribisch recherchiert und lebendig geschildert f├╝hrt Unda H├Ârner in die schwierige Liebesbeziehung zwischen Franz Kafka und Felice Bauer und l├Ąsst so auch das Berlin der 1910er Jahre lebendig werden. Aber nicht nur das allein, vielmehr l├Ąsst die Germanistin und Romanistin fast beil├Ąufig die Weltgeschichte am Rand des Briefwechsels erscheinen. Ob nun Suffragetten-Bewegung oder Ausbruch des Ersten Weltkrieges, alles findet sich gut recherchiert in "Kafka und Felice" wieder. Zudem werden den Texten wie "Das Urteil", "Die Verwandlung", "Vor dem Gesetz" oder "In der Strafkolonie", die Kafka in den Jahren mit Felice schrieb, ein n├Ąheres Augenmerk geschenkt, und die am├╝santen Kommentare Felices ├╝ber die Prosa von Franz regen so manches Mal zum Lachen an.

Ein interessanter Apekt an "Kafka und Felice" ist, dass sich Unda H├Ârner explizit der Erlebniswelt von Felice Bauer widmet, obwohl ihr nur die Briefe Kafkas vorlagen. Ihr gelingt dabei ein erz├Ąhlerischer Sog, der die Leserin unweigerlich in den Roman hineinzieht.

Anhand des Briefwechsels zwischen Kafka und Bauer entwickelt sie ein Szenario, das sich durchaus so - oder ├Ąhnlich - zwischen den beiden Liebenden entwickelt haben k├Ânnte. Beginnend im August 1912, als sich die beiden zuf├Ąllig bei Max Brod kennenlernten, entwickelt sich rasch ├╝ber einen Briefwechsel, den Kafka nach dem Treffen begann und der die n├Ąchsten vier Jahre andauern sollte, eine Ann├Ąherung zwischen den beiden. ├ähnlich wie im heutigen online-Dating, wo sich zwei Menschen zuerst einmal ├╝ber das Schreiben kennenlernen und quasi eine virtuelle Realit├Ąt aufbauen. Es hat scheinbar nichts mit der wahren Person zu tun, sondern mit einer idealisierten Phantasiegestalt. So hadert Kafka denn auch mit diesem Kontaktmittel, was er trotzdem wie besessen anwendet: "Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe miteinander verkehren k├Ânnen!".

Auch wenn er immerzu zweifelt ("Wer bin denn ich... Ein Schatten, der Dich unendlich liebt, den man aber nicht ans Licht ziehen kann"), so schreibt er Brief um Brief und fordert bisweilen penetrant Antworten von Felice ein. Wohlbemerkt: Franz hatte sie zu diesem Zeitpunkt nur ein einziges Mal gesehen, und diese Begegnung lag bereits f├╝nf Monate zur├╝ck. Als sie sich zu Ostern im Jahr darauf endlich wiedersehen, da schritt, so H├Ârner"der Herbeigesehnte ... stumm neben ihr her". Fr├Âhliches Beisammensein sieht anders aus, und der Schriftsteller wurde ihr fremder denn je. Unda H├Ârner bringt das Dilemma der beiden auf den Punkt: "Das Karussell der Briefe drehte sich bis zur Besinnungslosigkeit im Kreis".

Aber nicht nur das, sondern der gar nicht virile Mann kr├Ąnkelt permanent und gibt zu, dass er an "in sich selbst verliebte(r) Hypochondrie" leiden w├╝rde. Felice hingegen, eine moderne Frau, die einen verantwortungsvollen Job als Prokuristin bei der Firma Lindstr├Âm hat, zweifelt immer h├Ąufiger an dem fernen Geliebten. Als er sich denn doch durchringt, ihr einen Heiratsantrag zu machen, versucht er sogleich, alle m├Âglichen Gr├╝nde dagegen aufzuf├╝hren. Beide hadern mit der Hochzeit. Er w├╝rde seine geliebte Einsamkeit aufgeben, sie ihre geliebte Arbeit. Nachdem herauskommt, dass er einen ├Ąhnlich innigen Briefverkehr mit einer anderen Frau (Grete Bloch) f├╝hrt, wird die Hochzeit abgeblasen. Es folgen zwei Jahre des erneuten Hin und Hers, schlie├člich kommt es zu einem gemeinsamen Urlaub 1916 in Marienbad, bei dem es offenbar auch zu einer gemeinsam verbrachten Nacht kommt. Erneut wird von einer Hochzeit gesprochen. Der Plan, dass Kafka nach Berlin zieht und sie an der Spree heiraten, wird sich allerdings nie erf├╝llen. Im Sp├Ątsommer 1917 erh├Ąlt Kafka die Diagnose Lungentuberkulose und ist damit kein geeigneter Heiratskandidat mehr. Weihnachten 1917 treffen sie sich ein letztes Mal in Prag. Felice Bauer heiratet 1919 den Teilhaber einer Berliner Privatbank, Moritz Marasse, mit dem sie 1936 nach Kalifornien emigriert. Kafka stirbt 1924 an der Seite seiner letzten gro├čen Liebe, Dora Diamant.

AVVA-Tipp: Unda H├Ârner hat einen ├Ąu├čerst lesenswerten und fesselnden fiktiven Roman ├╝ber die (unausgelebte) Beziehung zwischen Franz Kafka und Felice Bauer geschrieben. Und auch wenn Kafka, der "ewig Klagende", ein ganz Gro├čer der Weltliteratur sein mag, so scheinen ihm soziale Kompetenzen indes weniger in die Wiege gelegt worden zu sein, belastend f├╝r sein Umfeld die "komplizierte Natur". Nach der Lekt├╝re von "Kafka und Felice" bleibt aus diesem Grund das Gef├╝hl der Entzauberung des weltber├╝hmten Schriftstellers zur├╝ck. Aber auch ein innerlich gemurmeltes: "Gl├╝ckwunsch Felice, dass Du Dich dieses ambivalenten und ├Ąu├čerst anstrengenden Mannes rechtzeitig entledigt hast!" Denn welche Frau m├Âchte schon das "Leben an der Seite eines verdrossenen traurigen, schweigsamen, unzufriedenen, kr├Ąnklichen Menschen" f├╝hren?

Zur Autorin Unda H├Ârner, geboren 1961, promovierte ├╝ber Elsa Triolet, ist Germanistin und Romanistin und eine Spezialistin f├╝r die Geschichte der 1920/30er Jahre. Neben mehreren biographischen Werken, u.a. "Die realen Frauen der Surrealisten. Simone Breton, Gala ├ëluard, Elsa Triolet" (1996/1998), "Madame Man Ray. Fotografinnen der Avantgarde in Paris"(2002) und "Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen der 20er und 30er Jahre in Paris" (2010) ver├Âffentlichte sie im Herbst 2000 ihren ersten Roman "Unter Nachbarn" sowie 2010 "Orte j├╝dischen Lebens in Berlin. Literarische Spazierg├Ąnge durch Mitte". 2012 erschien "Berliner Luft ÔÇô Pariser Leben. Geschichten und Geschichte". Bei ebersbach & simon erschienen "Scharfsichtige Frauen", B├╝cher ├╝ber die Boh├Ęme auf Hiddensee und in Davos, zuletzt die Biografie ├╝ber die Frauen im Leben von Kurt Tucholsky, "Ohne Frauen geht es nicht" (2017). F├╝r ihre Kurzgeschichte "Hangar f├╝r Hellermann" erhielt sie 2001 den Bettina-von-Arnim-Preis. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin, Herausgeberin, Journalistin und ├ťbersetzerin in Berlin. (Quelle: ebersbach & simon, AVIVA-Berlin)

Zu Franz Kafka: Am 3. Juli 1883 wurde Franz Kafka in Prag geboren. Er ist das erste Kind von Hermann Kafka (1852-1931) und seiner Frau Julie, geb. L├Âwy (1856-1934). Die j├╝dischen Eltern f├╝hren ein Gesch├Ąft mit Galanteriewaren (Accessoires, feine W├Ąsche etc.). In der Familie wird deutsch gesprochen, mit Bediensteten aber zumeist tschechisch.
Nach einem Jurastudium, das er 1906 mit der Promotion abschloss, trat Kafka 1908 in die "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt" ein, deren Beamter er bis zu seiner fr├╝hzeitigen Pensionierung im Jahr 1922 blieb. Im Sp├Ątsommer 1917 erlitt Franz Kafka einen Blutsturz, es war der Ausbruch der Tuberkulose, an deren Folgen er am 3. Juni 1924, noch nicht 41 Jahre alt, starb. Sein Grab befindet sich auf dem j├╝dischen Friedhof in Prag-Straschnitz. (Quelle: S. Fischer Verlag)
Mehr Informationen unter: www.franzkafka.de/franzkafka

Zu Felice Bauer: Felice Bauer wurde am 18. November 1887 als Tochter j├╝discher Eltern in Neustadt (Oberschlesien) geboren und schloss ihre Schulausbildung ohne Abitur ab. Sie arbeitete als Stenotypistin, sp├Ąter als Prokuristin. Auf Anregung Kafkas wurde sie 1916 auch ehrenamtliche Mitarbeiterin des J├╝dischen Volksheims. Nach der endg├╝ltigen Trennung von Kafka heiratete Felice Bauer 1919 Moritz Marasse, mit dem sie 1931 in die Schweiz, 1936 nach Kalifornien emigrierte. Die Briefe, die sie von Kafka erhalten hatte, musste Felice Bauer in den 1950er Jahren aus finanziellen Gr├╝nden f├╝r 8.000 Dollar verkaufen. 1987 wurden sie f├╝r mehr als eine halbe Million Dollar an eine/n bis heute unbekannt gebliebene/n europ├Ąische/n H├Ąndler_in oder Sammler_in versteigert. Felice Bauer starb am 15. Oktober 1960 in Rye n├Ârdlich von New York. (Quelle: S. Fischer Verlag)
Mehr Informationen unter: www.franzkafka.de/franzkafka/die_frauen/felice_bauer

Unda H├Ârner
Kafka und Felice

ebersbach & simon, erschienen August 2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag und Fadenheftung, 336 Seiten
ISBN: 978-3-86915-152-6
Euro 20,00
www.ebersbach-simon.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Unda H├Ârner - Ohne Frauen geht es nicht. Kurt Tucholsky und die Liebe
"Es gibt keinen Erfolg ohne Frauen" schrieb Kurt Tucholsky in seinen "Schnipseln". Ob er damit auch seinen eigenen Erfolg als Journalist, Dichter und Schriftsteller meinte? Unda H├Ârner ("Berliner Luft ÔÇô Pariser Leben") berichtet von den Frauen in seinem Leben denen er Lieder und Gedichte schrieb, die ihn zu Romanfiguren inspirierten, die er liebte und bewunderte. Zu ihnen geh├Ârten Claire Waldoff, Trude Hesterberg, Irmgard Keun, Gussy Holl, Lisa Matthias und viele andere. (2017)

Unda H├Ârner - Berliner Luft - Pariser Leben
Wer Paris mag, lernt Berlin zu lieben, wem Berlin vertraut ist, die kann es in dieser Lekt├╝re in Paris wiederfinden. Die Autorin widmet sich nach Werken ├╝ber Avantgarde und Boh├Ęme nun diesen zwei besonderen Metropolen. (2012)

Literatur > Biographien Beitrag vom 19.09.2017 Silvy Pommerenke 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken