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AVIVA-BERLIN.de im September 2019 - Beitrag vom 16.08.2019


To Survive on This Shore. Photographs and Interviews with Transgender and Gender Nonconforming Older Adults
Saskia Balser

Die Fotografin Jess T. Dugan und die Sozialarbeiterin Vanessa Fabbre sind fünf Jahre lang durch die USA gereist, um Trans*Personen jenseits der 50 zu fotografieren und zu interviewen – das Ergebnis der bewegenden Begegnungen und Gespräche dokumentiert dieser Bildband, der bereits in der 2. Auflage im Kehrer Verlag erschienen ist.



"Hey! Look how far we´ve come!" – ein Plädoyer gegen die Unsichtbarkeit

Die mediale Darstellung von "Trans*Personen über 50" beschränkt sich oft auf die schillernden und künstlerischen Performances von Travestie-Künstler*innen, die in Show-Outfits ihr Publikum begeistern. Dass es auch fernab von Show-Bühnen viele ältere Trans*Menschen gibt, die mit ihrer geschlechtlichen Identität erst nach einem langen und schmerzhaften Prozess Frieden gefunden haben, wird oft übersehen. Eine Ausnahme bildet die TV-Serie "Stadtgeschichten" (1993), von der im Juni 2019 auf Netflix ein Remake erschienen ist und welche das Großstadtleben in San Francisco in den 70-/80er-Jahren und dabei auch Trans*Personen abbildet.

"Representations of older transgender people are nearly absent from our culture, and those that do exist are often one-dimensional.", erklärt Vanessa Fabbre in der Einleitung zum Katalog "To Survive on This Shore: Photographs and Interviews with Transgender and Gender Nonconforming Older Adults" dokumentiert. Initiiert wurde das Projekt von Fabbre und Fotografin Jess T. Dugan mit der Vision, der einseitigen Darstellung von Trans*Personen über 50 entgegenzuwirken, sie in Fotos angemessen darzustellen, und ihnen eine Stimme zu geben.
Auf ihrem langen Weg durch anonyme Millionenstädte sowie verschlafene 100-Seelendörfer in Nord-Amerika haben die beiden eine Vielzahl von Menschen getroffen, die bereit dazu waren, ihre Lebensgeschichten mit der Öffentlichkeit in mündlichen Erzählungen und Fotografien zu teilen.

Die Fotos entstanden im öffentlichen oder privaten Raum mit Partner*in oder ohne. Elegant in Robe oder die Tattoos in den Fokus stellend, inszenieren sich die Interviewten so, wie sie selbst gesehen werden wollen – fernab von klischeebehafteten Zuschreibungen.
Die so entstandenen Fotografien zeigen neben den Portraitierten auch Gegenstände, die ihnen besonders wichtig sind, die ihnen Kraft gegeben haben, oder solche, mit denen sie Erinnerungen an ihr "früheres" Leben vor einer geschlechtsangleichenden Operation verbinden. Für Bobbi, 83, aus Detroit, Michigan, ist es ein Spielzeugflugzeug, das sie an ihre Tätigkeit bei der Air Force denken lässt – lange bevor sie, erst mit 72 Jahren, ihre geschlechtsumwandelnde Operation hatte.

Individuelle Lebenswege und Geschlechtsidentitäten

Die 51-jährige Freya aus Minneapolis, Minnesota, setzt sich mit der Namensänderung, die der Geschlechtsangleichung folgt, auseinander. Von ihrer Familie wünscht sie sich, dass zukünftig das "Happy Birthday" mit ihrem neuen, dem weiblichen, Namen gesungen wird: "Early on it was hard because they had no reference at all, but all the media coverage of trans people has been helpful. It gives me a way to make the reference. Now, when someone will address me by my old name, I´ll say, ´You haven´t heard? I go by Freya now. Caitlyn was on the top of my list, but somebody got it first.´"

Damit bezieht sie sich auf die Sport- und TV-Persönlichkeit Caitlyn Jenner, die sich im Jahr 2015 als Transfrau outete und nach 65 Jahren den Namen Bruce Jenner ablegte, mit dem sie als Tennisspieler weltweite Berühmtheit erlangte und bei den Olympischen Spielen im Jahr 1976 die Goldmedaille im Zehnkampf gewann. Nicht nur Freya, sondern auch viele andere Transsexuelle können von der öffentlichen Aufmerksamkeit, die die Geschlechtsumwandlung von Caitlyn Jenner auf sich zog, profitieren.

Aidan, 52, aus Burien, Washington, beschäftigt sich mit der Frage, ob es eigentlich notwendig sei, sich in das Spektrum der Geschlechtsidentitäten einzuordnen. Für ihn, der zuerst als Frau in einer lesbischen Community ihren Platz gefunden zu haben schien und sich später für eine Geschlechtsumwandlung entschied, ist Geschlecht etwas fluides, das nicht unbedingt festgesetzt werden muss: "You know, what is my gender? I don´t have an answer to that and I don´t need an answer. I´ve never felt fully female and I´ll never feel fully male and that´s really just fine."

Auch die 54-jährige Justin Vivian aus New York findet es unnötig, sich ein festes Label zu geben: "Well, I guess I identify as trans nonbinary. And I say ‚I guess´ because those seem to be the most applicable terms in the current list of options."

Zusätzlich zu den individuellen Wegen, die die interviewten Menschen gegangen sind, wird auch das sich im Laufe der Jahrzehnte wechselnde Bild von Trans*Personen beleuchtet. Die 56-jährige Grace aus Boston, Massachusetts, beschreibt diesen persönlichen, historischen Verlauf folgendermaßen: "In the 60s they called me a sissy. In the 70s they called me a faggot. In the 80s I was a queen. In the 90s I was transgender. In the 2000s I was a woman, and now I´m just Grace."

Entstehung des Projekts: Wanderausstellung und Bildband

To Survive in this Shore wurde 2018 als Wanderausstellung von dem interdisziplinären Kunst-Kollektiv "Barrett Barrera Projects" konzipiert und kann seitdem gebucht werden. Gezeigt werden 22 Fotografien und die Interviews. Bisher war die Ausstellung im "Provincetown Art Association and Museum" und im "Patricia & Phillip Frost Art Museum" der Florida International University zu sehen und befindet sich vom 23. August 2019 bis zum 7. Dezember 2019 im "University of New Mexico Art Museum".

Der gleichnamige Katalog ist im Kehrer Verlag bereits in der zweiten Auflage erschienen. Neben den 65 Portraits von Einzelpersonen und Paaren, die von ihren Kindheiten, Familien, Beziehungen und ihrem Bezug zur eigenen (Geschlechts-)Identität berichten, enthält er ein ausführliches Interview zwischen Künstlerin Jess T. Dugan, Sozialarbeiterin Vanessa Fabbre, und Karen Irvine, die als Kuratorin des Museum of Contemporary Photography (MoCP) des Columbia College Chicago arbeitet. Die drei Frauen sprechen über den LGBTQ*-Background, den sowohl Dugan als auch Fabbre haben. Beide beschäftigten sich bereits zuvor mit Trans*Personen und verbanden schließlich ihre unterschiedlichen Ansätze miteinander in diesem großartigen Projekt. Dugan erklärt ihre Vorgehensweise: "I had never focused specifically on aging or older adults, and Vanessa had never worked with photography. We combined the aging component from her work with the photographic component from mine."
Auf diese Weise wollten sie der Altersdiskriminierung sowie Homo-und Transphobie entgegentreten:
"We were both aware that in the LGBTQ world, there´s a fair amount of ageism and lack of awareness about aging, and in the aging world there´s a fair amount of homophobia and transphobia and lack of awareness of LGBTQ issues, especially trans identities."

Das Interesse der Medien am Thema beweist, wie sehr Dugan und Fabbre den offenen Nerv getroffen haben. Unter anderem die "The New York Times" (20.08.18), sowie "The Guardian" (30.08.18) und "The Washington Post" (30.10.18) erkennen die Wichtigkeit des Projekts an und verhelfen ihm durch ihre lobenden Kritiken zusätzlich zu mehr Sichtbarkeit.

Damit die umfassende Sammlung an Fotografien und Interviews für alle Interessierten, Lehrenden, Studierenden und Forschenden zur Verfügung steht, haben Dugan und Fabbre mit verschiedenen Non-profit Partner*innen-Organisationen und LGBTQ* Archiven zusammengearbeitet. Das "Kinsey Institute at Indiana University in Bloomington", sowie "The Transgender Archives at the University of Victoria" und "The Sexual Minorities Archives in Massachusetts" bewahren die Materialien, sodass sie an den jeweiligen Standorten genutzt werden können.

AVIVA-Tipp: Jess T. Dugan und Vanessa Fabbre gleichen mit ihrem wichtigen Projekt die Unsichtbarkeit von Trans*personen über 50 in Geschichte, Kultur und Medien aus und liefern einen differenzierten und authentischen Blick fernab von diskriminierenden oder romantisierenden Klischeebildern.

To Survive on This Shore. Photographs and Interviews with Transgender and Gender Nonconforming Older Adults
Hrsg.: Jess T. Dugan & Vanessa Fabbre
Kehrer Verlag, in der 2. Auflage erschienen Juni 2019
Künstlerin: Jess T. Dugan
Herausgeberin: Jess T. Dugan, Vanessa Fabbre
Texte: Vanessa Fabbre, Karen Irvine
Design: Kehrer Design (Anja Aronska)
Halbleineneinband, 164 Seiten
79 Farbabbildungen
Englisch
ISBN 978-3-86828-854-4
45 Euro
Mehr zum Buch unter: www.kehrerverlag.com

Zur Fotografin: Jess T. Dugan untersucht vor allem die Themen Identität, Gender, Sexualität und Community in ihren Portraitfotografien. Sie hat am Columbia College Chicago, an der Harvard University und am Massachusetts College of Art and Design studiert.
Mehr über ihre Arbeit zeigt der mit dem Infinity Awards ausgezeichnete Film, der im April 2019 auf der ICP Infinity Awards Gala in New York City erstmalig gezeigt wurde.
Zur Sozialarbeiterin: Vanessa Fabbre lehrt an der Brown School der Washington University in St. Louis, wo sie unter anderem in der Fakultät für Women, Gender and Sexuality Studies tätig ist. "Her research explores the conditions under which gender and sexual minorities age well and what this means in the context of social forces such as heteronormativity, heterosexism, and transphobia."

Mehr zum Projekt, der Ausstellung und dem Bildband unter: www.tosurviveonthisshore.com

Quelle: Verlagsinformation Kehrer

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Literatur > Biographien Beitrag vom 16.08.2019 AVIVA-Redaktion 





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