Patti Smith – Im Jahr des Affen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 06.09.2020


Patti Smith – Im Jahr des Affen
Silvy Pommerenke

In ihrem Erinnerungsbuch, das zwischen Fiktion und Realität changiert, beweist die einstige Punk-Ikone einmal mehr, dass sie in vielen Künsten zu Hause ist. Dabei lässt sie sich durch das Jahr des Affen treiben, das nach den chinesischen Tierkreiszeichen im Jahr 2016 stattfand, und wird von Erinnerungen und dem nahenden Tod von zwei Freunden und ihrem anstehenden 70. Geburtstag umfangen.




Für Patti Smith ist es ein Jahr voller Schicksalsschläge. Ihr langjähriger musikalischer Begleiter und Rockproduzent Sandy Pearlman liegt nach einer Hirnblutung im Koma und stirbt kurz danach. Ihr ehemaliger Lebensgefährte und guter Freund, der Schauspieler Sam Shepard, leidet an ALS, einer unheilbaren und degenerativen Nervenerkrankung, in deren Folge er im Jahr 2017 sterben wird. Diese beiden Ereignisse sind der rote Faden, der sich durch das Buch zieht. Damit veröffentlicht Patti Smith einen dritten Band an Erinnerungsbüchern, die mit "Just Kids" im Jahr 2010 begannen. Darin verarbeitete sie ihre gemeinsame Zeit mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe. Im zweiten Band, "M Train" von 2015 schildert sie ihr Leben mit dem Musiker Fred "Sonic" Smith, der zugleich ihr Ehemann und Vater ihrer zwei Kinder war.

Beginnend mit dem Neujahrstag 2016 nimmt Patti Smith die Leser*in mit in ihren Alltag, den sie wunderschön poetisch und träumerisch beschreibt, so dass aus vermeintlichen Banalitäten Besonderheiten werden. Die "Godmother of Punk" vermischt reale Geschehnisse mit phantastischen Elementen, wodurch die Grenze zwischen Realität und Fiktion fließend ist. So tritt sie häufig in einen Dialog mit Gegenständen, wodurch sie sich einerseits selbst reflektiert, andererseits ihre scheinbare Parallelwelt, in der sie lebt, sichtbar wird. Patti Smith ist eine - im besten Sinne des Wortes - Träumerin. Bereits als Kind hätte sie lieber aus dem Fenster geschaut und sich der Phantasie hingegeben, als mit den Schulbüchern zu büffeln.

Auf ihrer Reise tritt sie aber nicht nur mit Gegenständen in den Dialog, sondern auch mit Menschen, denen sie vorzugsweise in Cafés oder beim Trampen begegnet. Diese Gespräche sind manchmal belanglos, zumeist aber tiefsinnig. So erklärt ihr eine Zufallsbegegnung, dass Träume nur ein anderer Aspekt der Realität seien, oder Sam Shepard, der ihr die rhetorische Frage stellt: "Was ist schon real ... Ist Zeit real?" Genau das macht den Charme dieses Erzählbandes aus. Es ist Creative writing in bester Manier und offenbart den künstlerischen und poetischen Ansatz der vielfältig begabten Smith: "Der Strand war mit Süßigkeitenpapieren übersät, Hunderte vielleicht Tausende lagen auf dem Sand verstreut wie Federn nach eine Mauser."

Wie beiläufig zitiert sie Literaturklassiker wie Thomas Manns "Zauberberg", Shakespeares "Mittsommernachtstraum", "Alice im Wunderland" und unzählige andere, streift historische Ereignisse wie die Französische Revolution und macht deutlich, dass sie sich bestens in der griechischen Mythologie auskennt. Sie nimmt auch Bezug zu den tagesaktuellen politischen Ereignissen wie der Wahl von Donald Trump ("Die Nachrichten überschlugen sich, und alle versuchten fieberhaft, den Wahlkampf eines Kandidaten zu begreifen, der so schnell Lügen produzierte, dass niemand mithalten oder sie entlarven konnte. Er bog sich die Welt nach seinem Gusto zurecht und begoss sie mit einer metallischen Substanz, dem Gold des Narren, das schon abblätterte." ). Und als Donald Trump gegen jede Wahrscheinlichkeit im November 2016 vom amerikanischen Volk gewählt wird und im Januar 2017 bei seiner Amtseinführung vereidigt wird, resümiert sie frustriert: "Vierundzwanzig Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung hatten den Schlimmsten unter uns gewählt … der unerträgliche gelbhaarige Hochstapler war vereidigt worden, und das auch noch auf eine Bibel – Moses, Jesus, Buddha und Mohammed waren offenbar völlig woanders".

Als ständige Begleiterin auf ihrer Reise hat Patti Smith seit vielen Jahren immer ihre Vintage Polaroid Automatic 250 Land Camera dabei, mit der sie - ganz anachronistisch - Sofort-Bilder erstellt, die sie dann in zahllosen Archivboxen sammelt. Sammeln scheint sowieso eine Leidenschaft von ihr zu sein. Ob es nun Eindrücke, Erlebnisse oder Bücher sind, alles saugt sie auf und nutzt es für ihre überbordende Kreativität. Auch wenn nichts Wesentliches im Buch passiert, es zwar einen roten Faden gibt (die Sorge um ihre beiden todkranken Freunde und ihr bevorstehender 70. Geburtstag), aber keinen durchgängigen Handlungsstrang, so beschreibt Smith dieses Unwesentliche in einer poetischen Schönheit, dass es die alte literaturwissenschaftliche Regel mehr als verdeutlicht: es geht nicht darum, was beschrieben wird, sondern wie es geschrieben wird!

AVIVA-Tipp: Patti Smith hat ein Auge für Details und die kostbaren Kleinigkeiten im Leben. Daraus baut sie wunderschöne, bisweilen esoterische Geschichten, die es der Leserin überlassen, ob sie sie für wahr oder für erfunden hält. Die frühere Punk-Ikone lebt ein scheinbar alltägliches Leben, das jenseits von Glanz und Glamour liegt. Das macht Patti Smith sehr nahbar und bietet viel Identifikationsfläche für die Leser*in. "Im Jahr des Affen" besticht durch seine poetische Ausdrucksstärke und ist einfach nur hinreißend!

Zur Autorin: Patti Smith, als Patricia Lee Smith am 30. Dezember 1946 in Chicago geboren, ist Rockmusikerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin. Berühmt wurde sie in den Siebzigerjahren durch ihre einzigartige Art, Rock ´n´ Roll und Dichtung miteinander zu verschmelzen. Ihr erstes Album »Horses« von 1976 mit einem Coverfoto von Robert Mapplethorpe schrieb Musikgeschichte, es folgten noch etliche andere. Sie wurde zu einer Ikone der Punk-, Wave- und Frauenbewegung. Nach ihrem Rückzug ins Privatleben kehrte sie 1996 in die Öffentlichkeit zurück. 2012 erschien ihr bislang letztes Album "Banga". Patti Smith´ künstlerischem Werk wurden zahlreiche Ausstellungen gewidmet, unter anderem 2008 in Paris. 2007 wurde Patti Smith in die Rock´n´Roll Hall of Fame aufgenommen. 2010 erschien ihr autobiographisches Werk "Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft", das in den USA mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. 2014 erschien der poetische Erinnerungsband "Traumsammlerin", 2016 "M-Train" und 2019 "Hingabe". Sie hat einen Sohn und eine Tochter und lebt in New York City. Patti Smith unterstützt die Non-Profit-Organisation "Pathway to Paris", deren Ziel es ist, "das Bewusstsein für die Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen schärfen und Lösungen anzubieten, um das Pariser Abkommen in die Tat umzusetzen".

Patti Smith im Netz:
www.facebook.com
www.pattismith.net

Patti Smith – Im Jahr des Affen
Originaltitel: Year of the Monkey
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Erscheinungstermin 05/2020
Übersetzung von Brigitte Jakobeit
Gebunden, 208 Seiten
ISBN 978-3-462-05384-5
Euro 20,00

Mehr zum Buch unter: www.kiwi-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Patti Smith - M Train. Erinnerungen
Das literarisch-biographische Werk gleicht einer Reise in die Traum- und Gedankenwelt der Dichterin, Sängerin, Fotografin und Schriftstellerin. Zahlreiche Polaroids ergänzen die Erzählungen mit Reisefotos, Stillleben und Begegnungen. Die nun erschienen "Erinnerungen" schließen an die lange Reihe der poetischen und literarischen Publikationen der Godmother of Punk an, deren erste 1972 unter dem Titel "Seventh Heaven" erschien. (2016)

Patti Smith - Traumsammlerin
Der Bestseller "Just Kids" brachte dem Schreiben der Punk-Ikone Patti Smith neue Aufmerksamkeit. Mit "Traumsammlerin" erscheint ein poetischer Blick der Ausnahmekünstlerin in die eigene Kindheit. (2014)

Patti Smith – Banga
Die MS Costa Concordia, das Set von Johnny Depps neuem Film, die St. Franziskus Basilika in Arezzo. Dies waren die Schauplätze der Inspiration und Kreation neuer Songs für das zwölfte Studioalbum der lebenden Legende und Godmother of Punk, Patti Smith. (2012)

Judy Linn - Patti Smith 1969–1976
Die mal zufälligen, mal inszenierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen eine melancholische, selten nur lächelnde junge Frau in der Zeit vor ihrem musikalischen Durchbruch. Das Album "Horses" aus dem Jahr 1975 wurde zum Meilenstein der Rockgeschichte. Die Werke Radio Ethiopia (1976), Easter (1978), Wave (1979) und Twelve (2007) folgten und waren nicht minder bahnbrechend und wichtig. (2011)

Patti Smith – Outside Society
Patti Smith hätte alle Kriterien für einen frühen Rock´n´Roll-Tod erfüllt. Dass sie diesen nicht starb, beschert ihr zusätzliche Lebensjahre und uns eine neue Zusammenstellung ihrer alten Hits. (2011)

Patti Smith - Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft
"Patti, niemand sieht so wie wir." Just Kids erzählt nicht die Geschichte einer Freundschaft, sondern viel mehr: Es ist die Erzählung einer tiefen emotionalen wie auch künstlerischen Bindung zwischen der Rockpoetin Patti Smith und dem Künstler und Fotografen Robert Mapplethorpe - eine prometheische Empathie, die von keiner drohenden Welle tot geschlagen werden kann, nicht einmal vom Tod selbst. (2010)

Patti Smith - Dream Of Life
Dem Fotografen Steven Sebring gelang es, sehr persönliche Impressionen von der Rock-Ikone einzufangen. Elf Jahre lang begleitete der visuelle Poet die Sängerin bei Tourneen, Alltag und privaten Reisen. (2008)

Patti Smith – Twelve
Die Legende der Rockgeschichte interpretiert 12 Songs, die zu unvergesslichen Zitaten der Musikkultur der letzten Jahrzehnte wurden. Cover von Jimi Hendrix, Neil Young, Tears For Fears, Nirvana (2007)

Patti Smith and her band - Trampin
Die Ikone der Hippie-Ära beweist mit ihrem neunten Album hohe Kontinuität und Qualität. Gemeinsam mit ihrer Band produzierte sie zehn energiegeladene Eigenkompositionen (2004)


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Beitrag vom 06.09.2020

Silvy Pommerenke 






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